Die frühe Bindung: Wie werdende Eltern eine emotionale Brücke zum ungeborenen Kind bauen
Screenshot youtube.comDie Zeit der Schwangerschaft stellt eine einzigartige Phase des Übergangs dar, in der sich das Leben einer Familie grundlegend verändert. Während die medizinische Wissenschaft den wachsenden Organismus im Mutterleib mit präzisen Fachbegriffen beschreibt, beginnt für die werdenden Eltern ein viel intimerer Prozess der Annäherung. Es ist der Moment, in dem das abstrakte Wissen über die biologische Entwicklung in ein konkretes, gefühlvolles Erleben übergeht. Um diese emotionale Kluft zu überbrücken, suchen viele Familien nach Wegen, das noch unsichtbare Kind bereits vor der Geburt als vollwertiges Familienmitglied zu begrüßen und in das tägliche Leben zu integrieren.
Die persönliche Annäherung durch Namensgebung
In der medizinischen Fachsprache wird das sich entwickelnde Leben spätestens mit Beginn des vierten Schwangerschaftsmonats als Fötus bezeichnet, was für viele Menschen recht unpersönlich und distanziert klingt. Aus diesem Grund lassen zahlreiche werdende Mütter und Väter ihrer Fantasie freien Lauf und überlegen sich liebevolle Kosenamen für ihr noch ungeborenes Kind. Diese persönliche Benennung erleichtert es den Eltern, im Alltag natürlicher über das Baby zu sprechen oder es sogar direkt und zärtlich anzusprechen. Dieser Schritt ist von großer psychologischer Bedeutung, denn mit dem Eintritt in den fünften Monat, also etwa in der siebzehnten Schwangerschaftswoche, beginnt das Kind aktiv zu hören. Es nimmt nun erstmals Stimmen, Umgebungsgeräusche oder auch melodische Klänge von außen wahr und kann diese verarbeiten.
Die beruhigende Kraft der elterlichen Stimme
Die vertrauten Stimmen der Eltern werden schnell zu einer Quelle der Geborgenheit und wirken auf das Kind im Mutterleib zutiefst beruhigend. Im Gegensatz dazu kann das Ungeborene bei plötzlich auftretenden, lauten Geräuschen durchaus erschrecken und mit Unruhe reagieren. Daher ist es für die Eltern ratsam, viel und mit liebevoller Betonung mit ihrem Kind zu sprechen. Auch wenn das Baby die gesprochenen Worte noch nicht inhaltlich verstehen kann, erreicht die emotionale Botschaft es dennoch auf direktem Wege. Es nimmt wahr, dass seine Eltern sich auf seine Ankunft freuen und es behutsam beschützen wollen, damit es sich in aller Ruhe entwickeln kann.
Die physische und akustische Verbindung des Vaters
Sanfte Musik und der Gesang der Mutter oder des Vaters scheinen von ungeborenen Kindern ebenfalls sehr geschätzt zu werden. Diese Phase stellt eine besonders gute Zeit dar, um als Vater einen bewussten Kontakt zum Kind im Bauch der Partnerin aufzunehmen. Diese Empfehlung darf durchaus wörtlich genommen werden, denn die physische Nähe ist ein starker Bindungsfaktor. Wenn die schwangere Partnerin damit einverstanden ist, kann es sehr schön sein, die Hände sanft auf den noch kleinen Mutterbauch zu legen. An kalten Tagen sollten werdende Väter jedoch unbedingt daran denken, ihre Handflächen vorher aneinander zu reiben oder auf eine andere Weise anzuwärmen, um der Schwangeren ein angenehmes Gefühl zu bereiten.
Visualisierung und der Aufbau eines Liederschatzes
Es reicht völlig aus, wenn die Hände still und ruhig auf dem Bauch liegen, während man mit sanfter, liebevoller Stimme mit dem Kind spricht. Der Klang einer männlichen Stimme, die Liebe, Ruhe und absolute Sicherheit ausstrahlt, kann sowohl die Mutter als auch das Kind auf wundersame Weise verzaubern, weshalb jegliche Schüchternheit hier fehl am Platze ist. Um sich beim Sprechen besser in die Situation hineinzuversetzen, kann es helfen, sich das Baby lebhaft vorzustellen. Man kann die Augen schließen und vor dem inneren Auge das Kind sanft berühren und in die Arme schließen, während man Worte an es richtet. Da es mehr auf den emotionalen Klang als auf den reinen Inhalt der Worte ankommt, stellt das Singen oder Summen eine hervorragende Alternative dar.
Offene Kommunikation und das Teilen von Sorgen
Diese Kontaktaufnahme bietet zudem die schöne Gelegenheit, alte Kinderlieder auszugraben, die einem in der eigenen Kindheit bereits gut gefallen haben, um sie nun dem ungeborenen Kind vorzusingen und so einen ersten Liederschatz für die gemeinsame Zeit aufzubauen. Auch mit anderen nahestehenden Menschen kann und sollte man offen über das Kind sprechen, sei es mit den eigenen Eltern, Geschwistern oder engen Freunden. Dabei muss die Gesprächsatmosphäre nicht immer von eitel Sonnenschein geprägt sein, denn das wäre unrealistisch. Natürlich freuen sich die werdenden Eltern auf ihr Kind, doch es ist völlig normal, dass sie sich auch Gedanken machen oder Sorgen haben. Wenn man diese Ängste offen ausspricht, fällt einem oft ein schwerer Stein vom Herzen, wodurch man wieder frei atmen und klarer denken kann.
Die Haptonomie als Weg zur bewussten Berührung
Zudem können die Gesprächspartner mit eigenen Erfahrungen oder interessanten Perspektiven weiterhelfen, um die Situation besser einordnen zu können. Um mit dem Baby noch intensiver in Kontakt zu treten, kann die Haptonomie, also die Lehre von der Berührung, ein sehr schöner und bewusster Weg sein. Bei dieser alternativmedizinischen Technik, die wissenschaftlich bisher kaum erforscht ist und deren Kosten von den Krankenkassen in der Regel nicht übernommen werden, geht es um gezielte Wahrnehmung. Sie wird vor allem in Frankreich praktiziert, doch mittlerweile gibt es auch in Deutschland entsprechende Kursangebote. Ein ausgebildeter Therapeut zeigt den Eltern dabei konkret, wie sie mit ihren Händen über die Bauchdecke hinweg eine direkte Verbindung zum Baby aufnehmen können.
Gemeinsame Erfahrungen und die Bestätigung der Bindung
Der Vater lernt in diesem Rahmen viele verschiedene Möglichkeiten kennen, durch gezielte und sanfte Berührungen beim Kind, bei der Mutter und bei sich selbst ein tiefes Wohlbefinden zu erzeugen. Auch bereits vorhandene Geschwisterkinder können unter elterlicher Anleitung über diese haptonomischen Übungen Kontakt zum ungeborenen Baby aufnehmen. Diese gemeinsame Erfahrung kann den älteren Kindern sehr dabei helfen, das neue Geschwisterchen bereits kennenzulernen, während es noch im Bauch der Mutter wächst. Selbstverständlich müssen Geschwister, die keine Lust dazu haben oder sich zurückziehen wollen, nicht zwangsweise an diesen Übungen teilnehmen. Der ursprüngliche Begründer dieser Methode, Frans Veldman, bezeichnete diesen haptonomischen Kontakt als einen psychotaktilen und affektiv bestätigenden Austausch, der von erfahrenen Geburtsfachleuten durchweg als sehr berührend und zutiefst freudvoll beschrieben wird.
















