Die verborgene Vollkommenheit und das Vermächtnis der wertvollen Jahre

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In der Welt der Maßschneiderei offenbaren sich weit mehr als nur Stoffe und Nähte, denn hinter jeder Anprobe verbergen sich tiefgründige menschliche Schicksale und ungeahnte Geheimnisse. Wer als Schneider Menschen über viele Jahre hinweg begleitet, wird unweigerlich zum stillen Beobachter und Hüter von Lebensgeschichten, die zwischen den Wänden der Ankleidekabinen und Wohnzimmer ausgebreitet werden. Diese Erzählung handelt von einer besonderen Klientin, deren äußere Erscheinung zunächst eine gewisse Schwere vermuten ließ, deren Inneres jedoch von einer rührenden, fast schon zerbrechlichen Hingabe an eine vergangene Liebe geprägt war. Es ist eine Betrachtung darüber, wie Kleidung und Accessoires zu Trägern von Erinnerungen werden und wie die Vergänglichkeit des Lebens selbst in den edelsten Materialien ihre unmissverständlichen Spuren hinterlässt. Durch die Linse eines handwerklich tätigen Vertrauten wird hier das Porträt einer Frau gezeichnet, die in den Schatten einer unerfüllten Sehnsucht lebte und dennoch eine eigene, stille Würde bewahrte.

Die rätselhafte Verteilung der körperlichen Fülle

Die menschliche Anatomie birgt stets ein faszinierendes und vielschichtiges Zusammenspiel von körperlichen Vorzügen und unvermeidlichen Nachteilen, ähnlich einem modernen Sicherheitskissen, das im absolut idealen Moment Leben rettet, im ungünstigsten Falle jedoch völlig unerwarteten und tragischen Schaden anrichtet. Unser eigener Leib bildet an manchen Stellen Polsterungen aus, deren eigentlicher Nutzen sich dem Betrachter nicht unmittelbar erschließt, wobei ein ausgeprägtes Gesäß durchaus noch im Rahmen des Erträglichen verbleiben mag. Das Sitzen gestaltet sich auf weichen Untergründen zweifellos bequemer, was die alltägliche Beobachtung erklärt, dass schlanke Personen in Kinosälen bereits nach kurzer Zeit Unbehagen empfinden, während gut gepolsterte Zeitgenossen ihre Mahlzeiten in aller Ruhe verzehren können. Auch üppige Oberweiten besitzen eine gewisse biologische Rechtfertigung, sei es im Hinblick auf die spätere Ernährung des Nachwuchses oder als unmissverständliches biologisches Signal für das andere Geschlecht. Selbst ein gewisser Bauchumfang könnte theoretisch dem Schutz der inneren Organe dienen, obwohl diese Annahme bei näherer Betrachtung wenig stichhaltig erscheint, da die Natur für den Brustraum bekanntlich knöcherne Verstärkungen in Form von Rippen vorgesehen hat.

Das Geheimnis der harmonischen Gewichtszunahme

Stellt man sich einmal vor, der menschliche Rumpf wäre anstelle eines weichen Bauches mit einem zweiten knöchernen Schutzpanzer ausgestattet, so wären mühsame körperliche Ertüchtigungen von vornherein vollkommen überflüssig gewesen. Warum jedoch Oberschenkel, Oberarme, Wangen und der Rücken, bei manchen Menschen sogar der Hals, an Umfang gewinnen, bleibt eines der unaufgelösten Geheimnisse der natürlichen Schöpfung. Als gesegnet darf zweifellos derjenige gelten, dessen Gewichtszunahme in einem harmonischen und gleichmäßigen Verhältnis am gesamten Körper voranschreitet. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil dieser gleichmäßigen Entwicklung liegt darin, dass der Prozess langsam genug verläuft, um die unmittelbare Konfrontation mit kritischen Bemerkungen der Mitwelt hinauszuzögern. Wenn eine Person im Laufe ihres Lebens an allen Stellen proportional zugelegt hat, an manchen Bereichen vielleicht etwas mehr, jedoch stets gerecht verteilt, dann gehört sie zweifellos zu jener weit verbreiteten und dennoch oft missverstandenen Kategorie der rundlichen Menschen.

Der Schneider als stiller Beobachter menschlicher Schicksale

Die lange berufliche Tätigkeit im Bereich der Mode hat mich mit unzähligen Frauen genau dieses körperlichen Typus bekannt gemacht, was die Auswahl einer passenden Hauptperson für diese Betrachtung zu einer wahren Herausforderung macht. Wer bei der Verteilung von körperlichen Merkmalen an fast allen Stellen doppelt bedacht wurde und dieses Prinzip auch beim Speisen beibehält, der darf sich nicht wundern, wenn das Leben ihm am Ende eine entsprechende Fülle beschert. Doch das eigentliche Wunderbare und die tiefere Wahrheit an diesem Figurtypus bestehen darin, dass unter der üppigen äußeren Hülle eine vollkommene Seele schlummert. Vielleicht ist es eine gnädige Fügung des fortschreitenden Alters, dass diese innere Vollkommenheit sich unter der etwas zu weit gewordenen Haut verstecken und in Ruhe entfalten darf. Die Dame, von der hier berichtet werden soll, verkörperte genau dieses Bild, denn sie besaß zwar reichlich von allem, wäre im Grunde ihres Herzens jedoch mit deutlich weniger zufrieden und glücklich gewesen.

Die intime Verbindung zwischen Schneider und Kundin

Das Besondere an diesem handwerklichen Beruf liegt darin, dass Kleidung von Menschen getragen wird, die in Momenten der Anprobe ihr Herz und ihre Seele weit öffnen. Sobald die äußeren Hüllen aus Hosen und Röcken abgelegt werden, entsteht zwischen dem Schneider und der Kundin eine besondere Verbindung, die mitunter der Vertrautheit eines langjährigen Hausarztes oder eines einfühlsamen Therapeuten gleicht. Unzählige persönliche Geschichten und tief verwahrte Geheimnisse finden in dieser geschützten Umgebung einen sicheren Hafen und sind dort bestens aufgehoben. In völliger Anonymität leben diese Menschen und die gemeinsamen Erlebnisse mit ihnen in meiner Erinnerung weiter, da ich ihnen durch meine Aufzeichnungen kleine, bleibende Denkmäler aus Worten setze. Diese schriftlich festgehaltenen Geschichten sind ein Ausdruck meiner tiefen Zuneigung und meiner ungeteilten Wertschätzung für die mir anvertrauten Leben.

Das Ambiente der vergangenen Jahrzehnte

Nicht alle damaligen Kundinnen, die um maßgeschneiderte Anfertigungen baten, verfügten über beträchtliche finanzielle Mittel, weshalb manche genau überlegen mussten, aus welchem Material ihr textiler Traum verwirklicht werden sollte. Die Protagonistin dieser Erzählung war bei unserem ersten Zusammentreffen bereits weit in den siebten Lebensjahrzehnten angekommen und präsentierte sich als eine wahrhaft stattliche Erscheinung. Ihr Haar trug sie in einer hochfrisierten Frisur, die in einem perlgrauen Ton mit einem leichten violetten Schimmer erstrahlte, welcher noch vage an eine vergangene Blondheit erinnerte. Diese Farbe war zugleich ihre absolute Lieblingsfarbe, denn sie lebte in und mit eben jenem Ton, der weder eindeutig blau noch grau, weder hell noch dunkel war, der einerseits an eine Großmutter erinnerte, andererseits aber auch mädchenhafte Leichtigkeit versprach. Obwohl dieser violette Farbton sie optisch deutlich fülliger erscheinen ließ, als sie es tatsächlich war, stand er ihr dennoch gut, auch wenn Violett, wie so vieles in ihrem Leben, nicht der perfekte Begleiter war.

Die konservierte Welt einer einsamen Frau

Sie bewohnte eine kleine, aber äußerst gepflegte Wohnung, in der sämtliche Einrichtungsgegenstände in den späten siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts angeschafft worden waren. Das Ambiente wirkte nicht etwa stilvoll im modernen Sinne, sondern präsentierte sich als die bürgerliche Variante von mittelmäßiger Qualität, die den Charme vergangener Tage atmete. Es erinnerte stark an ein Jugendzimmer aus jener Epoche, das sich gewissermaßen selbstständig gemacht und nach und nach den gesamten Wohnraum erobert hatte. Man hatte den Eindruck, als sei eine Vierzehnjährige im Jahre neunzehnhundertfünfundsiebzig plötzlich allein gelassen worden und habe daraufhin ihr jugendliches Reich über die gesamte Wohnung verteilt. Ihre Garderobe war jedoch tadellos sortiert und mit größter Sorgfalt gepflegt, wobei alles um sie herum für die Ewigkeit konserviert zu sein schien.

Die Schatulle der verborgenen Erinnerungen

Die perfekt geplättete Bettwäsche in ihrem Kleiderschrank diente als schützender Wall für ihren wertvollsten Besitz, eine blassblaue Samtkiste mit verstärkten Ecken aus goldfarbenem Metall. Ein kleines Vorhängeschloss aus rubinroter Emaille zierte diese Kiste, das mehr an eine kindliche Schatztruhe erinnerte als an eine würdige Schmuckschatulle. Rückblickend muss ich eingestehen, dass ich es niemals mochte, mit Damen in deren Schlafzimmern zu sitzen und mir deren persönliche Schätze zeigen zu lassen. Solche Situationen besaßen stets etwas zutiefst Intimes, kamen mir oft zu nahe, da ich niemals Verbündeter in jenem Spiel des Zur-Schau-Stellens sein wollte. Schmuckschatullen erfordern Intimität, und ich kann nicht gut auf einer gemusterten Tagesdecke sitzen, mir Juwelen anschauen und dafür Beifall spenden, da Schmuck entweder getragen zur Freude aller oder in Vitrinen ausgestellt werden sollte.

Gedanken über Erbe und Vergänglichkeit

Schmuck gehört gut behütet in Schachteln und Etuis aufbewahrt und soll die Trägerin glücklich machen, egal ob er am Hals getragen wird oder nur in der Erinnerung existiert. Der häufig gehörte Ausspruch, dass ein Stück ein Erbstück der Mutter sei, erfüllt mich oft eher mit Traurigkeit, da etwas aus der Erbmasse zwangsläufig bedeutet, dass ein geliebter Mensch sterben musste. Warum Menschen so sehr danach streben, materielle Güter zu erben, ist mir vollkommen unbegreiflich, da ich mit den Menschen, die ich liebe, einfach so lange leben möchte, wie es eben möglich ist. Wenn das Letzte, was an einen geliebten Menschen erinnert, lediglich seine materielle Hinterlassenschaft ist, so kann dies keine wirkliche Freude bereiten. Es gibt unzählige traurige Geschichten von Menschen, die besser gemeinsam den Verlust eines Angehörigen betrauern sollten, anstatt sich in erbitterten Erbstreitigkeiten aufzureiben.

Ein Nachmittag voller Duft und Rascheln

Meine Kundin lebte in Violett, völlig allein und gefangen in den Erinnerungen an das Gestern, denn ich habe nie wieder eine Frau getroffen, die so sehr in der Vergangenheit weilte. Der eigentliche Auftrag stellte sich beim Hausbesuch als die Umarbeitung eines alten Mantels heraus, verbunden mit der Hoffnung auf eine Neuanfertigung eines fliederfarbenen Kleides. In der Regel habe ich solche Aufträge niemals angenommen, doch dieser eine Nachmittag hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. Da war zunächst der betörende Duft ihres Parfüms, das den Namen Mitsouko trug, und auch das leise Rascheln des gefalteten Seidenpapieres ist mir bis heute im Gehör geblieben. Die in kleinen Kästchen verpackten Erinnerungen waren fein säuberlich verstaut, und die aufbewahrten Zeilen des Absenders zeugten von der immensen Wichtigkeit dieser kleinen Nachrichten und der Kraft der Worte, die wie ein Echo in ihr nachhallten.

Der stille Zeitzeuge einer vergangenen Liebe

Vielleicht hatte mich das Leben an jenem Tag nur aus einem einzigen Grund an diesen Ort geschickt, nämlich um als stiller Bewunderer und Zeitzeuge für die Fülle und Zuneigung zu dienen, die sie in Form von Schmuck erhalten haben mochte. Es hatte etwas zutiefst Rührendes, wie sie in ihrer gerecht verteilten Fülle, bekleidet mit Miederwäsche und einem einfachen Hemdchen, alle Türen ihrer Erinnerung auf einmal aufriss, um mich daran teilhaben zu lassen. Wie sie mir derart viel Vertrauen schenken konnte, war mir damals vollkommen unbegreiflich, und ich fragte mich, wo sie nur gelernt hatte, so bedingungslos zu vertrauen. Ich bin sicherlich der Typ Mensch, der gerne erzählt und von anderen als recht kommunikativ bezeichnet wird, doch ich weiß genau, wann ich zuhören und Raum für die Geschichten des Gegenübers geben muss. Es ist von größter Wichtigkeit, Menschen die nötige Zeit zu geben, damit sie ihr Herz öffnen können und eben auch die Möglichkeit erhalten, ihr gelebtes Leben zu verarbeiten.

Die Schriftzüge eines verborgenen Geliebten

Meine Kundin öffnete ihre Kisten und Schatullen und las mir aus den kleinen Grußkärtchen vor, die mit Heftzwecken an den Innenseiten der Deckel befestigt worden waren. Jener Mann, der sich Walter nannte, besaß eine geschwungene und fein säuberlich lesbare Schrift, ein Schriftbild, wie ich es eigentlich nur von Frauen kenne. Sofort kam mir der Gedanke, dass diese Zettelchen niemals von einem Mann geschrieben worden sein konnten, doch die Realität sah anders aus. Walter war die große Liebe ihres Lebens gewesen und hatte in den späten achtziger Jahren abrupt aufgehört, ihr Zettelchen und Pakete zu schicken, da sein Leben durch einen schweren Autounfall in den Dolomiten beendet wurde. Wenn sie den Namen dieses Gebirges aussprach, klang es, als wäre dieser Ort der abscheulichste auf der ganzen Welt, denn für sie war es nicht nur ein Höhenzug in Italien, sondern das Ende einer großen Ära, deren Abstieg sie alleine gehen musste.

Das geteilte Herz und die ewige Warteposition

Herr Walter hatte meine Kundin wohl sehr geliebt, jedoch musste sie seine Zuneigung zwangsläufig mit einer anderen Frau teilen, die im Gegensatz zu meiner Klientin nichts von dem Doppelleben ihres Mannes ahnte. Geliebte zu sein, gleicht einer Teilzeitbeschäftigung, bei der hauptberuflich gewartet wird, während Ehefrau und Mutter zu sein ein Vollzeitberuf ist, in dessen Nebenjob ebenfalls gewartet wird. Die einzige Gemeinsamkeit im Leben dieser beiden Frauen war und blieb ein und derselbe Mann, der ihr in den siebziger Jahren eben jene kleine Wohnung eingerichtet hatte. Vermutlich hatte er zum selben Zeitpunkt ein Schlafzimmer für eines seiner vier Kinder gekauft, dessen Handschrift sich kaum von dem Stil der Wohnung meiner Kundin unterschied, ein Mädchenzimmer für die Ewigkeit. Ihre eigene Ewigkeit bestand darin, ihn lebenslang dafür zu lieben, auch über seinen Tod hinaus, da die Dolomiten ihr einen Strich durch die Lebensplanung gezogen hatten, an deren Ende sicher die Trennung von seiner rechtmäßigen Frau gestanden hätte.

Die zugige Realität an der Rezeption

Sie erzählte mit einer solchen Hochachtung von jenem Mann, der ihr Geschenke machte, dass auch ich schon geneigt war, ihn zu mögen, obwohl er kein Held, sondern eher ein Feigling war, den das Leben aus der Kurve gehauen hatte. Er hatte wie sie einige Pfunde zu viel auf den Rippen, und das bereits im Jahre neunzehnhundertachtundsiebzig, wobei er vermutlich sehr häufig am deftigen Schweinebraten geknabbert und beim Wirtschaftswunder kräftig zugeschlagen hatte. Der gute Teilzeitmann hatte zwar die Wohnung eingerichtet, die Miete für die kleine Bleibe musste das Herzstück seiner Zuneigung jedoch selber bezahlen, indem sie im Unternehmen ihres Geliebten an der Rezeption arbeitete. Dies war nicht nur sehr zugig, sondern sicher auch nicht erbaulich, da zumindest auf der Arbeit niemand von dem stillen Einvernehmen wissen durfte, was die Höchststrafe für eine Geliebte darstellt. Er hatte mit ihr kleine Zeichen abgemacht, damit sie sich an der Rezeption seiner uneingeschränkten Zuneigung sicher sein konnte, indem er sie stets mit einem formellen Guten Morgen bedachte.

Der Abschied von goldenen Erinnerungen

Leider konnte auch ich nicht bremsen, als sie mir vorschlug, eines ihrer Schmuckstücke in Zahlung zu nehmen, um ein Kleid und eben diesen Mantel umarbeiten zu lassen, da der zwanzigste Todestag von Walter nahte. Ob es an ihrem bittenden Blick gelegen hat oder an meiner allgemeinen Menschenliebe, an Walter oder an der Erinnerung an eine zugige Rezeption, ich sagte letztendlich Ja zu diesem Vorhaben. Das deutsche Wort für zugig ist in keiner anderen Sprache so treffend, denn wir Deutschen haben es immer zugig und wollen nie an einem Platz sitzen, der zieht. Vielleicht ist das Sitzen im Zug oder an zugigen Orten etwas ganz Deutsches, das uns alle verbindet, während es in anderen Sprachen nur als ein wenig kühl oder windig beschrieben wird. Ihre blaue Samtschatulle beherbergte eine Vielzahl von Kästchen großer Marken sowie schwarze Samtetuis mit Golddruck von italienischen und französischen Juwelieren, die Perlenketten, Ohrklipse mit Saphiren und eine beachtliche Zahl von Brillantringen enthielten.

Die ernüchternde Wahrheit hinter dem Glanz

Die Gestaltung dieses Schmuckes war eigenwillig und aus der Mode, aber die Steine waren zum Teil von einer beachtlichen Größe, was mich zunächst erstaunte und zugleich verlegen machte. Ich war verblüfft, die kleinen Zettel zu sehen, die die Geschichten einer Liebelei in einer Schonungslosigkeit und Direktheit offenbarten, die so viel Intimität und Vertrautheit ausstrahlten. Manchmal erzählt das Leben seine Geheimnisse in kleinen, abgegriffenen Zettelchen, gehalten in den Händen einer Frau, die in Miederhöschen auf gemusterter Bettwäsche sitzt und stolz behauptet, ihre üppigen Formen hätten ihn nie gestört. Walter war, was zumindest den Schmuck betraf, sehr spendabel, doch für die Lebensplanung war er mäßig großzügig, denn ein Leben lang auf die Entscheidung zu warten, von der Teilzeitgeliebten zur hauptberuflichen Ehefrau gemacht zu werden, ist offenbar kein Vergnügen. Die Silbermedaille ist in der Liebe kein Ersatz für die goldene, und auf einem Bett mit Schachteln voller Goldschmuck zu sitzen, heißt nicht immer, auch auf dem Siegertreppchen zu stehen.

Der Gang zum Juwelier und die Offenbarung

Ihre Altersvorsorge war ihr Schmuckschatz, das vermeintliche Vermächtnis von Walter, und es muss sehr beschämend sein, als Witwe an der Rezeption zu sitzen, während oben die Erbfolge geregelt wird. Ihr blieb nur der Blick in die Kästchen und das endlose Lesen der innigen Zeilen, sowie ein anonymer Blumengruß auf seinem Grab, der erst seinen Platz finden durfte, wenn alle anderen gegangen waren. Es hatte sich für sie aber vermutlich bald ausgelesen, da sie mich offensichtlich nicht als einen Schneider benötigte, sondern als einen Vertrauten, um den Schmuck, der ihre Anlage war, zu veräußern. Wenn Nadel und Faden nicht zum Glück beitragen können, biete ich gerne Herz und Verstand, Schulter und warme Hand, weshalb wir uns gemeinsam auf den Weg machten, um das zu veräußern, was sie liebte. Sie brauchte Geld und musste sich von einem Teil der goldenen Erinnerungen lösen, was für mich an diesem Tag etwas Bedrückendes hatte, einen eigentlich fremden Menschen zu begleiten und seine Erinnerungen zu veräußern.

Das Ende einer Illusion und ein neuer Anfang

All die Kästchen mit ihren goldenen Aufschriften waren in Wahrheit nur Originalverpackungen für den Schmuck seiner Ehefrau gewesen, denn für die Geliebte hatte er nur Modeschmuck gekauft. Er hatte diesen Modeschmuck in den Originalpäckchen verpacken und beschriften lassen, was die feminine Handschrift auf den Zetteln erklären würde, da es sich um exquisite Kopien der Originale handelte. Solche Kopien werden gern von vermögenden Damen getragen, während der echte Schmuck sicher in den Schließfächern und Safes verblieb, was den Begriff Reiseschmuck treffend beschrieb. Dieses Wort traf sie und schlug sie aus der Bahn, wie einst Walter aus der Kurve, doch der Mantel bekam ein neues Futter und ich legte noch ein Kleid dazu, selbstverständlich in Violett. Eine Rechnung habe ich ihr nie geschrieben, ich habe es einfach vergessen, und ich hoffe, dass Walter auf einer zugigen Wolke vergessen wurde, und sollte es eine Wiedergeburt geben, dann wünsche ich ihm eine gute Zeit an irgendeiner zugigen Rezeption.