Die dunkle Seite der römischen Justiz: Giftmorde und die politischen Intrigen im antiken Rom

Die verbreitete Annahme, dass vor allem Frauen in der Antike häufig zu Giftgriffen griffen, wurde nicht nur durch Volksmythen genährt, sondern fand auch in den rhetorischen Strategien bedeutender Redner und Politiker ihren Einsatz. Ein prominentes Beispiel hierfür ist Cicero, der die Thematik des Giftmordes nicht nur in seinen Reden thematisierte, sondern auch gezielt für seine eigenen politischen Zwecke nutzte. Der bekannte römische Redner, Politiker und Schriftsteller der späten Republik war in seiner Funktion als Anwalt bei mehreren spektakulären Prozessführungen tätig, in denen seine Mandanten des Giftmordes beschuldigt wurden. Diese Fälle werfen ein Schlaglicht auf die komplexen Verflechtungen von Justiz, Politik und öffentlicher Meinung im antiken Rom.

Cicero und die Anklage gegen Caelius Rufus: Gift im politischen Ränkespiel

Im Frühjahr des Jahres 56 v. Chr. stand der junge Senator Marcus Caelius Rufus, ein enger Schüler und Protegé Ciceros, vor Gericht. Die Anklage gegen ihn war schwerwiegend: Es wurde ihm vorgeworfen, in einem komplexen Komplott hinter den Kulissen beteiligt gewesen zu sein, das Mord, Unruhen und Diebstahl umfasste. Als Hauptgegner galt vermutlich niemand anderes als Clodius, ein demagogischer Politiker, der den Fall maßgeblich beeinflusste. Die Anklage lautete auf Anstiftung zu politischen Unruhen, die Ermordung eines ägyptischen Diplomaten sowie auf Diebstahl und einen Versuch, Clodia, die Schwester Clodius’, zu töten. Dabei spielte die vermeintliche Verwendung von Gift eine zentrale Rolle. Cicero, der in seiner Rede auf die angeblichen Verbrechen Bezug nimmt, spricht von „auri et veneni“ – Gold und Gift – und hebt hervor, dass Gift möglicherweise beim Mordversuch gegen Clodia im Spiel war.

Römisches Imperium – Giftmischer in der Antike

In seiner Verteidigungsrede argumentierte Cicero zunächst, dass Clodia das Gold freiwillig und ohne Zwang an Caelius übergeben habe. Warum sollte Caelius also versuchen, sie zu töten, wenn er ihr das Gold nur in gutem Glauben anvertraut hatte? Er stellte die Frage nach einem Motiv, das Caelius zu einer solchen Tat treiben könnte. Zudem lenkte Cicero den Verdacht auf andere Figuren, namentlich auf Clodia selbst sowie auf ihren Ehemann Quintus Caecilius Metellus Celer, einen angesehenen Politiker, der im Krieg gegen Mithradates gedient hatte. Cicero spielte geschickt mit den Emotionen seiner Zuhörer: Er warf Clodia vor, eine notorische Ehebrecherin zu sein, und berichtete gleichzeitig von ihrem plötzlichen und unerwarteten Tod. Mit einer fast schon rührseligen Rede schilderte er, wie sehr er den Verlust ihres Mannes, Metellus, betrauerte. Er schilderte den dramatischen Moment seines Todes im Detail, berichtete, dass Metellus nur drei Tage nach seiner politischen Hochphase im Senat gestorben sei und dass sein Tod ein schwerer Schicksalsschlag für Rom war.

Dunkle Zeiten für Rom bevorstünden

Cicero schilderte die Szene, in der Metellus mit gebrochener Stimme prophezeite, dass dunkle Zeiten für Rom bevorstünden, und versuchte, die Zuhörer mit den emotionalen Elementen seiner Rede in den Bann zu ziehen. Die Frage, warum gerade dieser hochangesehene Mann so plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, schwebte im Raum. Mit dieser emotional aufgeladenen Darstellung wollte Cicero den Eindruck erwecken, dass Clodia, die angebliche Giftmischerin, für den Tod ihres Mannes verantwortlich sei. Im weiteren Verlauf der Rede richtete sich Cicero gegen Clodia, obwohl sie selbst nicht auf der Anklagebank saß, sondern lediglich als Zeugin geladen war. Er nutzte die Gelegenheit, um sie mit dem Tod ihres Mannes in Verbindung zu bringen, was die Zuhörer unweigerlich glauben ließ, dass sie schuldig sei. Mit scharfen Unterstellungen spielte Cicero auf ihre angebliche Unmoral und ihre möglichen Verstrickungen in das Giftverbrechen an, um den Eindruck zu erwecken, dass sie eine gefährliche Person sei, die alles für Macht und Einfluss tun würde.

Frühe Prozesse um Giftmord: Der Fall Cluentius und die dunkle Geschichte der römischen Giftmorde

Bereits im Jahr 69 v. Chr. hatte Cicero einen weiteren bekannten Fall übernommen, der sich um den Vorwurf des Giftmordes drehte. Angeklagt war Aulus Cluentius Habitus, ein Bürger aus Larinum in Samnium. Dieser war in einen Skandal verwickelt, der die römische Öffentlichkeit erschütterte: Er klagte seinen Stiefvater, den angesehenen Senator Statius Abbius Oppianicus, an, ihn vergiftet zu haben. Die Anklage basierte auf Berichten, dass beide Parteien versucht hatten, die Richter durch Bestechung zu beeinflussen. Obwohl nur Oppianicus illegale Einflussnahme nachgewiesen werden konnte, wurde er für schuldig befunden, verbannt und starb drei Jahre später.

Doch der Skandal ging weiter: Im Jahr 69 v. Chr. erhob Sassia, die Witwe von Cluentius, Rache und beschuldigte den verstorbenen Oppianicus posthum des Giftmordes an ihrem Sohn. Cicero begann in seiner Verteidigungsrede zunächst, Cluentius als einen jungen Mann mit tadellosem Ruf zu präsentieren, um ihn vor falschen Anschuldigungen zu schützen.

Illegale Einflussnahme nachgewiesen

Im Anschluss daran widmete er sich der Person Oppianicus, der einen Ruf als äußerst skrupelloser Verbrecher hatte. Cicero schilderte detailliert die zahlreichen Verbrechen, die diesem zugeschrieben werden: Er soll mehrere Morde begangen haben, um an das Vermögen seiner Opfer zu gelangen. Besonders hervor hob er die Morde an Oppianicus’ Schwiegermutter Dinaea, deren Sohn sowie an weiteren Verwandten, um deren Besitz zu erben. Dabei habe Oppianicus Gift verwendet, um die Opfer gezielt zu töten.

Cicero schilderte die einzelnen Taten in beeindruckender Detailtreue: So soll Oppianicus die Schwiegermutter kurz vor der Geburt ermordet haben, während Gaius, ein weiteres Opfer, eine Tasse Gift getrunken hatte und sein Ende kaum noch aufhalten konnte. Der dramatische Moment, in dem Gaius noch versucht, sein Testament zu ändern, bevor das Gift wirkte, wurde lebhaft beschrieben. Auch die Todesursache von Cluentia, der Schwiegertochter, wurde als eindeutig bewiesen: In ihrem Leichnam wurden Spuren des Giftes gefunden, die eine Obduktion bestätigten. Trotz dieser Beweise blieb Oppianicus aufgrund seiner politischen Verbindungen weitgehend unantastbar. Cicero argumentierte, dass der Fall nur deshalb so glimpflich ausgegangen sei, weil Oppianicus über einflussreiche Kontakte verfügte, die ihn vor der Justiz schützten.

Die rechtlichen Grundlagen gegen Giftmorde im antiken Rom

Um die Relevanz dieser Prozesse zu verstehen, ist ein Blick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen notwendig. Cicero verwies in seiner Verteidigungsrede auf eine Gesetzesregelung des Diktators Sulla aus dem Jahr 81 v. Chr., die speziell auf den Umgang mit Morden und Giftmord ausgelegt war. Die sogenannte „lex Cornelia de sicariis et veneficiis“ sah die Todesstrafe für alle vor, die toxische Substanzen herstellten oder damit handelten. Es war strafbar, Gift zu produzieren, zu verkaufen oder zu verwenden, um jemanden zu töten. Das Gesetz untersuchte auch Fälle, bei denen Soldaten oder Beamte durch Falschzeugnisse oder Manipulationen in Gerichtsverfahren versuchten, Unschuldige des Giftmordes zu überführen. Die Bedeutung dieser Regelung wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Giftmorde im antiken Rom offenbar weit verbreitet waren.

Die gesellschaftliche und rechtliche Bedeutung der Giftprozesse

Bereits im frühen 2. Jahrhundert v. Chr. finden sich Berichte von zahlreichen Prozessen vor Magistraten, die sich mit dem Vorwurf der Giftmischerei beschäftigten. Der römische Historiker Titus Livius erwähnt in seinen Schriften vier solcher „quaestiones veneficii“, in denen die Gerichtsbarkeit über Giftmorde entschied. Diese Prozesse waren nicht nur eine Frage der Justiz, sondern spiegelten auch die gesellschaftliche Angst vor heimlichem Töten durch Gift wider. Gleichzeitig zeigt die Vielzahl der Prozesse aber auch, dass es immer wieder zu Missbrauch kam: Einige wenige, gewissenlose Elemente nutzten die Angst und die Gesetze, um politische Gegner oder Mitbürger mit falschen Anschuldigungen wegen Giftmordes zu verfolgen. Das Bild, das sich daraus ergibt, ist das einer Gesellschaft, in der das Gift sowohl als Werkzeug des Verbrechens als auch der politischen Intrige eingesetzt wurde.

Giftmorde im antiken Rom – zwischen Recht, Politik und Gesellschaft

Die Fälle, die Cicero in seinen Reden schildert, verdeutlichen, wie tief das Thema Giftmord in der römischen Gesellschaft verwurzelt war. Sie zeigen zudem, wie Recht und Politik eng verflochten waren, um entweder Gerechtigkeit herzustellen oder politische Gegner zu diskreditieren. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere die „lex Cornelia“, dienten dazu, den Missbrauch durch kriminelle und politische Akteure einzudämmen. Gleichzeitig offenbarten die Prozesse, wie groß die Angst vor heimlichem Töten war und wie sehr Gift zu einem Symbol für Macht, Verrat und Verrücktheit wurde. Die Geschichten um Giftmorde im alten Rom sind damit nicht nur Kriminalfälle, sondern auch Spiegelbilder einer Gesellschaft, die zwischen Rechtstaatlichkeit und politischen Intrigen hin- und hergerissen war.