Fairness – oder: Was bedeutet hier eigentlich Gewinn?

Der Schutz des angesparten Geldes stellt zweifellos eine der grundlegendsten und wichtigsten Bedürfnisse eines jeden Menschen dar. Unabhängig davon, ob man nur geringe Beträge oder große Vermögen besitzt, gilt es, die eigenen Ersparnisse gegen Verluste zu sichern und sie vor Wertverlust zu bewahren. Aus diesem Grund wurde in den letzten Jahren erheblich in die Verbesserung der Risikoaufklärung für Investoren investiert. Banken, Finanzberater und unabhängige Experten haben ihre Bemühungen verstärkt, um den Privatinvestoren verständliche und transparente Informationen an die Hand zu geben. Dabei liegt der Fokus vor allem auf Finanzprodukten, die schwankungsanfällig sind und deren Wert erheblich steigen oder fallen kann. Besonders bei hochpreisigen und volatileren Anlageformen, wie beispielsweise Aktien, ist die Einstufung als riskant unumstritten. Diese Anlagen sollten nur jenen Personen empfohlen werden, die in der Lage sind, die damit verbundenen Risiken zu verstehen, mögliche Verluste zu akzeptieren und entsprechend damit umzugehen. Für weniger volatile Anlageprodukte wie Anleihen, Investmentfonds oder andere Formen der Geldanlage werden spezielle Risikoprofile durch Teams von Analysten und Finanzexperten erstellt. Diese Profile sollen dem Anleger eine möglichst fundierte Entscheidungsgrundlage bieten, um die eigenen Investitionen besser zu verstehen und klug zu steuern. Überraschenderweise wird in den zahlreichen Regulierungs- und Aufklärungsinitiativen, die in den letzten Jahren ins Leben gerufen wurden, das Thema Inflation und deren Auswirkungen auf die individuelle Geldanlage nahezu vollständig ausgeblendet. Dieses Thema scheint in der öffentlichen Diskussion und bei den regulatorischen Maßnahmen kaum eine Rolle zu spielen, obwohl es eine der wichtigsten Einflussgrößen auf den Wert des Vermögens ist.

Inflation: Das unterschätzte Risiko für Sparer und Investoren

Die zentrale Frage, die sich viele Sparer stellen, lautet: Was kann ich in einigen Jahren mit meinem Ersparten noch wirklich kaufen? Regulatorisch erhält diese Fragestellung erstaunlich wenig Beachtung. Dabei ist es eine der wichtigsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen, die Fähigkeit des Staates und der Wirtschaft zu bewerten, die Kaufkraft der Löhne und Vermögenswerte langfristig zu erhalten. Historisch betrachtet ist dieses Thema mindestens ebenso bedeutend wie die Risiken, die kurzfristige Preisschwankungen einzelner Anlageformen mit sich bringen. Wenn man beliebig ein Land und eine Epoche auswählt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Investition des Anfangskapitals über dreißig Jahre hinweg durch Inflation erheblich geschmälert wurde. Selbst bei einer vergleichsweise niedrigen Inflationsrate von nur 3 Prozent pro Jahr – eine Rate, die im Alltag kaum wahrgenommen wird – wächst die Gesamtinflation über drei Jahrzehnte auf deutlich mehr als 100 Prozent an. Das bedeutet, dass die reale Kaufkraft des Geldes um mehr als die Hälfte sinkt, wenn keine Zinsen oder Gewinne erzielt werden, die die Inflation ausgleichen.

Staat auf die bereits versteuerten Zinsen und Gewinne noch einmal Steuern erhebt

Bei einer Inflationsrate von 4 Prozent jährlich erhöht sich die Gesamtinflation in dreißig Jahren auf über 200 Prozent. Das bedeutet, dass die ursprüngliche Kaufkraft des Ersparten in diesem Zeitraum mehr als verfünf- oder verfünfzigfacht wird. Für den Sparer bedeutet das konkret: Wenn er 100 Euro anlegt, um die Kaufkraft zu erhalten, müsste er nach Steuern Zinsen oder Gewinne in Höhe von etwa 200 Euro erwirtschaften, um die Inflation auszugleichen. Andernfalls verliert er real Geld, obwohl die nominalen Beträge auf seinem Konto steigen. Besonders problematisch ist dabei, dass der Staat auf die bereits versteuerten Zinsen und Gewinne noch einmal Steuern erhebt, obwohl die reale Kaufkraft dieser Beträge durch die Inflation bereits erheblich geschmälert wurde. Mit anderen Worten: Der Sparer wird in mehrfacher Hinsicht belastet. Es stellt sich die Frage, ob dieses Verhalten des Staates fair ist, denn es belastet diejenigen, die versuchen, ihr Vermögen sinnvoll anzulegen und so einen Beitrag zur volkswirtschaftlichen Stabilität zu leisten.

Je höher die Inflationsrate, desto gravierender sind die Folgen

Je höher die Inflationsrate, desto gravierender sind die Folgen für die Sparer. Bei einer Inflationsrate von 4 Prozent und mehr über drei Jahrzehnte steigen die realen Verluste deutlich an. Das bedeutet, dass das Vermögen, das in solchen Zeiten angelegt wird, langfristig an Wert verliert – unabhängig von den nominalen Zins- oder Gewinnzahlungen. Für den einzelnen Anleger bedeutet dies, dass es äußerst riskant ist, sein Vermögen nur in sogenannten „sicheren“ Anlagen wie erstklassigen Staatsanleihen anzulegen, die offiziell als risikoarm oder „mündelsicher“ gelten. Historische Erfahrungen zeigen, dass auch in hochentwickelten Volkswirtschaften Inflationsschübe immer wieder auftreten – beispielsweise während und nach dem Zweiten Weltkrieg oder in den Jahren der wirtschaftlichen Unsicherheiten in den 1960er Jahren. In Großbritannien, Italien und anderen Ländern lagen die Inflationsraten damals regelmäßig bei über 4 oder 5 Prozent im Jahresdurchschnitt. Das Argument, dass sich die heutigen Rahmenbedingungen deutlich verbessert hätten und eine erneute Inflationswelle ausgeschlossen sei, lässt der renommierte Ökonom Kenneth Rogoff in seinem Werk „This Time is Different“ nicht gelten. Er weist darauf hin, dass Preisstabilität eher die Ausnahme als die Regel ist und auch in modernen Volkswirtschaften immer wieder signifikante Inflationsschübe auftreten. Das Risiko, dass das Geld an Wert verliert, ist also nach wie vor real und nicht nur ein theoretisches Szenario.

Langfristige Anlagen und die Risiken der Inflation

Wer heute mit 40 Jahren sein Erspartes anlegt, um im Rentenalter von 70 Jahren daraus leben zu können, geht erhebliche Risiken ein, wenn er sein Geld in Anlagen investiert, die als risikoarm oder „sicher“ gelten. Besonders bei klassischen Anlagen wie Staatsanleihen des eigenen Landes oder ähnlichen festverzinslichen Wertpapieren besteht die Gefahr, dass die Inflation den realen Wert der Erträge auf Dauer aufzehrt. Diese Erfahrung beeinflusst das Verhalten der Sparer weltweit – nicht nur in Deutschland. Es ist eine Herausforderung, Vermögenswerte über Jahrzehnte so zu bewahren, dass man nach der Pensionierung davon leben kann. In einem solchen Kontext wäre es sinnvoll, wenn Zinsen und Gewinne nur insoweit besteuert würden, als sie die Inflation übersteigen. Das bedeutet, dass ein realer Wertzuwachs steuerlich privilegiert würde, während die inflationsbedingte Wertminderung keine zusätzliche Steuerlast nach sich ziehen sollte.

Inflationserwartungen und die Geldpolitik der Zentralbanken

Betrachtet man die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank sowie die Geldmengenentwicklung in Europa und Deutschland, ist eine Inflationswelle in den kommenden Jahren kaum auszuschließen. Die anhaltende expansive Geldpolitik, die Schaffung großer Geldmengen und die aktuellen Lohnabschlüsse in Deutschland sprechen für eine höhere Inflationsgefahr in absehbarer Zukunft. Ähnliches gilt für die Schweiz, insbesondere seit der Einführung der Mindestwechselkursgrenze durch die Schweizerische Nationalbank im Jahr 2011. Für den Sparer erscheint es daher absurd, wenn er mit seinem Vermögen einen Kaufkraftverlust erleidet und gleichzeitig noch Steuern auf sogenannte „Gewinne“ zahlen muss, die nur nominale Beträge darstellen und durch die Inflation entwertet wurden.

Steuerliche Behandlung von Kapitalgewinnen in verschiedenen Ländern

In einigen Ländern, wie beispielsweise in der Schweiz, sind Kapitalgewinne steuerfrei, sofern sie aus Anlagen entstehen, die unter bestimmten Bedingungen gehalten werden. Allerdings werden dort Anlagen in Zinsprodukten mit Zinssätzen unterhalb der Inflationsrate ebenso besteuert wie Dividenden und Vermögen selbst. In Deutschland hingegen existiert keine Vermögenssteuer mehr, doch auf realisierte Kapitalgewinne, Dividenden und Zinserträge wird Steuern erhoben – und zwar häufig auf Beträge, die deutlich unterhalb der Inflationsrate liegen. Es ist erstaunlich, dass das Thema der Besteuerung inflationsbedingter Verluste und der realen Geldwertminderung in der öffentlichen Diskussion vergleichsweise wenig Beachtung findet. Die Gerichte haben sich lange kaum mit diesem Problem befasst, obwohl die Situation für die Sparer und Investoren eindeutig problematisch ist. Denn wenn der Einzelne nach vollständiger Steuerzahlung noch einen Teil seines Vermögens zur Seite legt, wird er durch die Inflation de facto enteignet. Selbst wenn es gelingt, einen Teil des Wertverlusts durch Zinsen oder nominale Gewinne auszugleichen, wird dieser vermeintliche Erfolg erneut durch den Staat besteuert.

Der Wert von Gewinnen und die Illusion der nominellen Zahlen

Ein Gewinn ist nicht einfach nur eine höhere Zahl auf einem Kontoauszug oder im Finanzbericht. Vielmehr bedeutet er die Möglichkeit, in der Zukunft mehr kaufen zu können. Besonders bei Immobilien zeigt sich dies exemplarisch: Der Wert einer Wohnung in guter Lage bleibt in der Regel relativ konstant, wenn man ihn im Vergleich zum Geldwert betrachtet. Verkauft jemand eine solche Wohnung, erhält er einen Betrag, der ausreicht, um eine vergleichbare Immobilie an einem anderen Ort zu erwerben. Dabei ist es unerheblich, ob die Zahl auf dem Kaufvertrag gestiegen ist – vielmehr ist der Grund dafür meist, dass die Kaufkraft des Geldes gesunken ist. Die realen Werte verändern sich also durch die Inflation, nicht nur durch die Preisentwicklung bei einzelnen Gütern.

Vertrauen in den Staat und die Notwendigkeit systemischer Korrekturen

Es wäre für die Akzeptanz und das Vertrauen in das Steuersystem und die Finanzpolitik des Staates hilfreich, wenn dieser mehr Transparenz und Fairness zeigen würde. Das bedeutet auch, die systemischen Fehler zu korrigieren, die die Geldentwertung ignorieren und die Menschen in ihrer Vermögensbildung benachteiligen. Für den Sparer ist es schlichtweg grotesk, wenn er mit seinem Vermögen eine Kaufkraftminderung hinnehmen muss und gleichzeitig auf die nominalen Beträge, die er durch Zinsen oder Gewinne erzielt, Steuern zahlen soll. Die Geschichte zeigt, dass breite Bevölkerungsschichten in allen Weltregionen durch Inflationsschübe schrittweise enteignet wurden und teilweise in Armut gefallen sind. Maßnahmen, die die Inflation beschleunigen oder verstärken, werden von der Finanzwelt und der Politik genau beobachtet, weil sie soziale Spannungen und wirtschaftliche Destabilisierung verursachen können.

Inflationsschutz und die politischen sowie rechtlichen Herausforderungen

Daher ist es wenig überraschend, dass Ängste vor schleichender Enteignung und Vermögensverlust auch zu politischen Debatten und gerichtlichen Verfahren führen. Die Sorgen um die Erhaltung der Kaufkraft und den Schutz des eigenen Vermögens sind nicht nur theoretischer Natur. Besonders seit dem großen Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank, mit dem die Renditen von Staatsanleihen gedrückt werden sollen, wächst die Unsicherheit. Kritische Organisationen und Privatpersonen haben Klagen beim Europäischen Gerichtshof und beim Bundesverfassungsgericht eingereicht, um gegen diese Politik vorzugehen. Ziel ist es, die Inflationspolitik zu stoppen und die Ersparnisse der Bürger zu schützen. Das Thema Inflationsschutz ist somit eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit, die nicht nur finanzielle, sondern auch rechtliche und gesellschaftliche Dimensionen hat. Die Entscheidung der Gerichte wird weitreichende Folgen haben, sowohl für die Geldpolitik als auch für das Vertrauen der Bevölkerung in das System.

Ländern mit hoher Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit ist das Thema aktueller denn je

In der globalen Perspektive sind es nicht nur Deutschland oder Europa, die vor diesem Problem stehen. Auch in anderen Ländern, etwa in Großbritannien oder Argentinien, gab es lange Streitigkeiten und Klagen bezüglich der Inflationsberechnung, der Besteuerung von Vermögen und der Sicherung der Altersvorsorge. Besonders in Ländern mit hoher Inflation und wirtschaftlicher Unsicherheit ist das Thema aktueller denn je. Die breite Öffentlichkeit erkennt zunehmend, dass Inflationsschutz kein Luxus, sondern eine grundlegende Voraussetzung für die finanzielle Sicherheit der Bürger ist. Es ist an der Zeit, dass Staaten und Gerichte diesem Thema die Aufmerksamkeit schenken, die es verdient, um langfristig Stabilität, Gerechtigkeit und Vertrauen in das Finanzsystem zu gewährleisten.