Maria Grollmuß – Lausitzer Persönlichkeiten: Ein Leben zwischen kultureller Identität, politischem Widerstand und intellektueller Unabhängigkeit
Screenshot youtube.comMaria Grollmuß wurde am 24. April 1896 in Bautzen geboren, einer traditionsreichen Stadt im Herzen der Lausitz, die als kulturelles Zentrum der Sorben gilt. Aufgewachsen ist sie in einem katholisch geprägten Elternhaus, in dem die sorbische Sprache und Kultur selbstverständlich gelebt wurden. Ihre Familie vermittelte ihr neben religiösen Werten auch ein ausgeprägtes Bewusstsein für die eigene ethnische Zugehörigkeit. Schon als Kind entwickelte Maria eine große Leidenschaft für Bücher, Sprachen und die Welt der Literatur, die ihr später ermöglichen sollten, sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen und intellektuellen Kreisen sicher zu bewegen. Diese frühkindlichen Eindrücke prägten ihre Haltung gegenüber Minderheitenrechten und die Wertschätzung von Vielfalt und Toleranz.
Akademische Ausbildung und intellektuelle Entwicklung
Nach dem erfolgreichen Abschluss des Abiturs entschied sich Maria Grollmuß für ein Studium, das ihrem breiten Interessensspektrum entsprach. Sie schrieb sich an den Universitäten Leipzig und Berlin für die Fächer Geschichte, Philosophie sowie Slawistik ein. Während ihres Studiums vertiefte sie ihre Kenntnisse über historische Entwicklungen, politische Theorien und die komplexe Kulturgeschichte der slawischen Völker, insbesondere ihrer eigenen sorbischen Herkunft. Die Universität bot ihr ein inspirierendes Umfeld, in dem sie Kontakte zu anderen Intellektuellen knüpfen und sich mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten auseinandersetzen konnte. Ihr wacher Geist und ihre außergewöhnliche Sprachbegabung verschafften ihr Zugang zu wissenschaftlichen Diskursen und internationalen Netzwerken.
Frühes schriftstellerisches und gesellschaftliches Engagement
Bereits in den 1920er Jahren veröffentlichte Maria Grollmuß zahlreiche Essays, Zeitungsartikel und wissenschaftliche Beiträge, in denen sie sich mit der Situation und den Rechten slawischer Minderheiten in Deutschland auseinandersetzte. Ihr Engagement beschränkte sich nicht auf das geschriebene Wort: Sie nahm aktiv an Diskussionsrunden, Kongressen und Veranstaltungen teil, bei denen sie für die Anerkennung und Förderung der sorbischen Kultur eintrat. Ihr publizistisches Wirken zeichnete sich durch eine klare, kritische Sprache und einen tiefen, humanistischen Grundton aus. Maria war überzeugt davon, dass kulturelle Vielfalt das gesellschaftliche Leben bereichert und dass Minderheitenrechte geschützt und gestärkt werden müssen, um Demokratie und Gerechtigkeit zu sichern.
Politische Positionierung in den Umbrüchen der Weimarer Republik
In der bewegten Zeit der Weimarer Republik engagierte sich Maria Grollmuß politisch zunächst in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und später in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Ihre politische Überzeugung war geprägt von einem unerschütterlichen Humanismus, der sich klar gegen jede Form von Faschismus und Unterdrückung wandte. Als Journalistin und politische Autorin veröffentlichte sie zahlreiche Beiträge in linken Zeitungen, in denen sie die Gefahren des aufkommenden Nationalsozialismus mit analytischer Schärfe beschrieb. Für Maria bedeutete ihre sorbische Herkunft sowohl eine Quelle des Stolzes als auch eine besondere Verantwortung: Sie erkannte früh die Gefahr, dass Minderheiten im nationalistischen Klima unterdrückt oder instrumentalisiert werden könnten.
Verfolgung und Widerstand in der NS-Diktatur
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 geriet Maria Grollmuß rasch ins Visier staatlicher Überwachung und Repression. Aufgrund ihrer politischen Aktivitäten, ihrer Verbindungen zu oppositionellen Netzwerken und ihrer publizistischen Arbeit wurde sie mehrfach verhaftet. 1934 erfolgte eine Verurteilung zu mehrjähriger Haft, woraufhin sie in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern untergebracht wurde. Trotz der extremen Haftbedingungen blieb sie eine Stütze für ihre Mitgefangenen: Sie organisierte heimliche Bildungsangebote, verfasste Gedichte und Schriften, die im Verborgenen zirkulierten, und setzte sich für Solidarität und Menschlichkeit ein. Ihr unbeugsamer Wille und ihre Fürsorge machten sie zu einer wichtigen Persönlichkeit im Widerstand gegen das NS-Regime.
Rückkehr nach Bautzen und Anerkennung in der frühen DDR
Nach der Befreiung kehrte Maria Grollmuß gesundheitlich stark angeschlagen in ihre Heimatstadt Bautzen zurück. In der Anfangsphase der DDR wurde sie als antifaschistische Widerstandskämpferin geehrt und mit Auszeichnungen für ihren Mut und ihre Prinzipientreue bedacht. Die neue Staatsführung würdigte ihr Engagement und ihre Verdienste um die Bewahrung der sorbischen Kultur. Gleichzeitig war Maria jedoch nie bereit, sich politischen Dogmen oder parteilicher Vereinnahmung zu unterwerfen. Sie trat weiterhin für kulturelle Autonomie und die Rechte der Sorben ein und kritisierte die zunehmende Gleichschaltung der Domowina, der wichtigsten sorbischen Organisation.
Konflikte mit dem SED-Regime und staatliche Überwachung
Mit der ideologischen Verhärtung des SED-Regimes verschärfte sich der Konflikt zwischen Maria Grollmuß und den Behörden. Ihre Forderung nach echter kultureller Selbstbestimmung sowie ihre kritische Haltung gegenüber dem staatlichen Umgang mit Minderheitenrechten weckten Misstrauen. Die Staatssicherheit begann zunächst verdeckt, später systematisch, ihr Leben zu überwachen. In den 1950er Jahren wurde eine sogenannte Operative Personenkontrolle (OPK) gegen sie eingeleitet. Ihr Freundes- und Bekanntenkreis wurde infiltriert, ehemalige Weggefährten und Mitglieder der sorbischen Kulturszene als inoffizielle Mitarbeiter angeworben. Die Behörden fingen ihre Briefe ab, zensierten ihre Manuskripte und schränkten ihre öffentlichen Auftritte massiv ein. Trotz dieser massiven Repression ließ sich Maria nicht einschüchtern und blieb eine wichtige Stimme für einen offenen, pluralistischen Diskurs.
Fortgesetztes Wirken als Übersetzerin, Autorin und Mentorin
Ungeachtet der politischen Schikanen engagierte sich Maria Grollmuß weiterhin als Übersetzerin, Essayistin und Vermittlerin sorbischer Geschichte und Kultur. Sie arbeitete an kirchlichen Bildungsprojekten und bot jungen Sorben einen Raum für Austausch und Selbstreflexion. Ihre Wohnung entwickelte sich zu einem Treffpunkt für Interessierte, die von ihrer Persönlichkeit inspiriert wurden. In vertraulichen Gesprächen warnte sie vor der „Verstaatlichung der Identität“ und forderte eine Gesellschaft, in der Minderheitenrechte nicht nur formal anerkannt, sondern tatkräftig gefördert werden. Sie war überzeugt davon, dass kulturelle Autonomie und individuelle Freiheit untrennbar miteinander verbunden sind.
Gesundheitliche Rückschläge und Vermächtnis nach dem Tod
In den 1960er Jahren verschlechterte sich Maria Grollmuß’ Gesundheitszustand zusehends. Dennoch blieb sie bis zu ihrem Tod am 6. August 1965 aktiv und engagiert. Erst nach der politischen Wende wurde ihr Lebenswerk in vollem Umfang gewürdigt. Die Öffnung der Stasi-Akten offenbarte das ganze Ausmaß der Überwachung und die Versuche, sie zu isolieren. Ihre Biografie fand Eingang in wissenschaftliche Arbeiten, Gedenkschriften und das kollektive Gedächtnis der sorbischen Gemeinschaft.
Nachwirkung und Bedeutung für Gegenwart und Zukunft
Heute gilt Maria Grollmuß als Symbolfigur des sorbischen und gesamtdeutschen Widerstands gegen Diktaturen und politische Gleichschaltung. Schulen, Straßen und kulturelle Einrichtungen in der Lausitz tragen ihren Namen. Ihre Schriften sind fester Bestandteil des sorbischen Kulturerbes und mahnen dazu, kulturelle Identität und politische Integrität unter allen Umständen zu verteidigen. Ihr Leben ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass eine Person aus einer Minderheit mit Mut, Bildung und Beharrlichkeit sowohl gegen den Nationalsozialismus als auch gegen ideologische Vereinnahmung in der DDR bestehen konnte. Maria Grollmuß bleibt ein leuchtendes Beispiel für intellektuelle Unabhängigkeit, moralische Standhaftigkeit und die Bewahrung menschlicher Würde – Werte, die auch heute nichts an Aktualität verloren haben.
Lausitzer Persönlichkeiten sind Personen, die in der Lausitz geboren wurden oder sich für die Lausitzregion engagiert haben.

















