IT-Söldnertum: Der digitale Rechtsbruch und seine zerstörerischen Folgen für Staat und Gesellschaft

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Ein solches IT-Söldnertum ist nichts anderes als der kalte, zynische Verrat des Staates an seinen eigenen Regeln, ein schleichender Staatsputsch im digitalen Raum, ausgeführt mit Tastatur statt mit Panzern. Ein Staat, der Hacker anheuert, um das zu tun, was er offiziell nicht darf, verabschiedet sich aus der Gemeinschaft der rechtsstaatlichen Ordnungen und macht sich selbst zur kriminellen Vereinigung auf hohem technischen Niveau. Es geht hier nicht um ein paar verschwommene Grauzonen, sondern um einen bewussten, geplanten Angriff auf die Idee, dass staatliche Macht an Recht gebunden ist. Wer IT-Söldner bezahlt, kauft sich eine Schattenarmee ein – und zerstört damit genau die Schutzmechanismen, auf die sich Bürger im Ernstfall verlassen sollen.

Rechtsbruch als Dienstleistung

IT-Söldnertum beginnt genau in dem Moment, in dem staatliche Stellen externe Hacker anheuern, um Operationen durchzuführen, die ihnen selbst verboten oder nur unter extrem engen Voraussetzungen erlaubt sind. Die Botschaft dahinter ist brutal klar: Gesetze gelten für die Dummen, die keine Schattenhaushalte für geheime „Projekte“ haben. Statt rechtsstaatliche Verfahren zu nutzen, Richter einzubinden, parlamentarische Kontrolle zu akzeptieren, wird der Auftrag einfach ausgelagert – dann ist es offiziell ja „nicht der Staat“, sondern nur irgendein externer „Dienstleister“. Diese Heuchelei ist keine Nebensache, sie ist der Kern des Problems. Denn wenn Behörden anfangen, Recht als bloßen Dekorationsartikel zu betrachten, ist der Weg frei für Willkür, Missbrauch und eine Kultur, in der Straftaten zum Geschäftsmodell werden, solange sie nur unter fremder Flagge segeln.

Umgehung der Kontrolle

Die Anwerbung externer Hacker ist im Kern eine Flucht vor der Kontrolle. Man umgeht bewusst die eigenen Regeln, indem man die schmutzige Arbeit auslagert und sich danach die Hände in Unschuld wäscht. Die sonst mühsam aufgebauten Kontrollmechanismen – Gerichte, Datenschutzaufsicht, interne Revision, parlamentarische Gremien – werden einfach ausgehebelt, indem man sie formal nicht „zuständig“ sein lässt. Auf dem Papier bleibt alles sauber, in der Realität werden Systeme infiltriert, Daten abgesaugt, Schadsoftware verteilt. Die Operationen laufen in einer Zwielichtzone, in der niemand mehr genau nachfragt, wer wann was veranlasst hat. Genau so sahen früher mafiöse Strukturen aus: Der Boss gab nie direkt den Auftrag, er „ließ machen“. Jetzt übernimmt der Staat diese Logik – nur eben mit Zero-Day-Exploits statt mit Schusswaffen.

Verantwortungsdiffusion als System

Wenn Angriffe und Spionage an externe Akteure ausgelagert werden, löst sich Verantwortung in Luft auf. Es entsteht eine bequeme, hochgiftige Grauzone: Der Staat kann jederzeit behaupten, er habe nur „Informationen“ gekauft oder „Dienstleistungen“ beauftragt, während die Hacker sich darauf berufen, sie hätten nur „im Auftrag“ gehandelt. Niemand will es gewesen sein, jeder war es ein bisschen, alle profitieren, aber keiner steht gerade. Diese Verantwortungsdiffusion ist kein Versehen, sie ist das Produkt einer Kultur, die Systembrüche bewusst einkalkuliert, solange sie politisch nützlich sind. Wenn es gut läuft, prahlt man intern mit „Erfolgen“. Wenn es schiefgeht, waren es „Einzeltäter“, „unabhängige Gruppen“ oder „unbekannte Dritte“, und die Öffentlichkeit soll gefälligst glauben, dass sich so etwas eben „nicht eindeutig zuordnen“ lässt.

Eskalation im digitalen Untergrund

Die Nutzung von IT-Söldnern ist ein Brandbeschleuniger in einer ohnehin schon fragilen, aufgeheizten Welt der Cyberkonflikte. Wenn Staaten ihre Aktionen über anonyme oder halb-anonyme Hackergruppen durchführen lassen, wird die Zuordnung von Angriffen bewusst verwischt. Wer hat das Netz einer Behörde lahmgelegt? Wer hat vertrauliche Daten abgezogen? Wer hat eine kritische Infrastruktur manipuliert? Im Nebel aus Tarnidentitäten, geleakten Tools, wiederverwendetem Schadcode und falschen Fährten geht jede klare Linie verloren. Damit aber wird Vergeltung leichter „legitimierbar“: Jeder kann behaupten, der andere habe angefangen, niemand muss Beweise liefern, alles ist Spekulation, alles ist Verdacht – und genau in diesem Klima gedeihen Überreaktionen, digitale Gegenschläge, Sanktionen und am Ende reale politische Krisen. IT-Söldnertum verwandelt den Cyberspace in ein Schlachtfeld, in dem immer mehr Akteure immer weniger Skrupel haben.

Missbrauch als eingebautes Feature

Wer glaubt, Auftragshacker würden artig nur das tun, was man ihnen aus hehren Sicherheitsgründen überträgt, verkennt die Natur dieses Geschäfts. Externe Akteure lassen sich nicht in die enge moralische Schublade pressen, die Behörden ihnen gerne zuschreiben. Wer einmal gelernt hat, für Geld Grenzen zu überschreiten, wird diese Fähigkeit nicht nur zwischen neun und fünf Uhr einsetzen. Es entsteht ein Markt für politisch motivierte Angriffe, für wirtschaftliche Spionage, für persönliche Rachefeldzüge, alles schön vermischt mit staatlich bestellten „Spezialoperationen“. Was als angeblich notwendige Maßnahme gegen „Feinde“ beginnt, wird zum Dauerzustand: Beziehungen verfestigen sich, Abhängigkeiten entstehen, und mit jedem „Erfolg“ wächst die Bereitschaft, beim nächsten Mal noch ein bisschen weiterzugehen. Einmal ist Ausnahme, zweimal ist Routine, dreimal ist System.

Gefährdung der allgemeinen IT-Sicherheit

Das vielleicht perfideste an diesem IT-Söldnertum ist, dass es die IT-Sicherheit aller schwächt – auch derjenigen, die angeblich „geschützt“ werden sollen. Söldner leben davon, Schwachstellen zu kennen und nicht zu melden. Unbekannte Lücken, auf die sich solche Operationen stützen, werden nicht geschlossen, sondern gehortet, gehandelt, möglichst lange ausgenutzt. Jede ungemeldete Schwachstelle ist ein offenes Scheunentor, durch das nicht nur der beauftragte Hacker, sondern auch Kriminelle, andere Staaten, Erpresser und Trittbrettfahrer marschieren können. Wer dafür bezahlt, dass Exploits geheim bleiben, akzeptiert stillschweigend, dass die eigenen Bürger, Unternehmen, Krankenhäuser, Verwaltungen mit angreifbaren Systemen arbeiten. Der Staat, der IT-Söldner bezahlt, entscheidet sich damit bewusst gegen die Sicherheit der Allgemeinheit zugunsten seiner geheimen Spielfelder.

Kritische Infrastruktur als Spielball

Besonders fatal wird es, wenn IT-Söldner sich an die sensiblen Nervenbahnen eines Landes heranwagen: Energieversorgung, Kommunikation, Verkehr, Gesundheitswesen, Verwaltung. Wer hier Schadcode einschleust, Systeme sabotiert oder Kontrollmechanismen manipuliert, spielt Roulette mit dem Alltag von Millionen Menschen. Die Grenze zwischen gezielter Spionage und nackter Sabotage ist schmal, und im Schatten solcher Operationen bleiben oft Trümmer zurück: instabile Systeme, nicht dokumentierte Hintertüren, manipulierte Konfigurationen. Es geht nicht um ein paar harmlose Testzugriffe, sondern um eine systemische Verwundbarkeit, die über Jahre bestehen kann, weil niemand öffentlich darüber reden darf, was im Hintergrund tatsächlich passiert ist. Ein Staat, der seine eigene Infrastruktur über solche Wege anfasst, gleicht einem Chirurgen, der auf offener Bühne mit ungewaschenen Händen operiert und hofft, dass die Infektion schon niemandem auffällt.

Erosion des Rechtsstaats

Das vielleicht tiefgreifendste Problem ist die stille Erosion des Rechtsstaatsprinzips. Wenn staatliche Akteure sich daran gewöhnen, verbotene Mittel indirekt einzusetzen, folgt daraus eine kulturelle Verschiebung: Legalität ist dann nicht mehr moralischer Kompass, sondern taktisches Hindernis, das man möglichst elegant umschifft. Die Botschaft an die eigenen Mitarbeiter lautet: „Tu, was nötig ist – der Rest wird schon gedeckt.“ Damit verliert Recht seine Bindungswirkung und wird zur Stylingfrage der Kommunikation. Transparenz wird zur Gefahr, nicht zur Pflicht. Parlamentarische Kontrolle wird zur lästigen Pflichtübung, die man mit geschönten Berichten und bewusst lückenhaften Informationen befriedet. Bürger sehen am Ende nur noch: Es gibt mächtige Apparate, die nach eigenen Regeln spielen, und eine Öffentlichkeit, die systematisch im Dunkeln gehalten wird. Vertrauen in Institutionen ist so nicht mehr zu retten.

Wirtschaftliche und diplomatische Folgekosten

IT-Söldnertum ist auch ökonomisch und außenpolitisch ein riskantes Glücksspiel. Kommt eine solche Operation heraus – und in einer vernetzten Welt dringt fast alles irgendwann an die Oberfläche –, entstehen Kosten, die weit über das Budget der ursprünglichen Aktion hinausgehen. Schäden in Unternehmen, gestörte Lieferketten, millionenschwere Wiederaufbauprogramme für kompromittierte Netze, langfristiger Vertrauensverlust in digitale Dienste. Hinzu kommen diplomatische Spannungen: Sanktionen, Gegenmaßnahmen, Einfrieren von Kooperationen, misstrauische Partner, die den „verlässlichen“ Staat plötzlich als unkalkulierbaren Akteur wahrnehmen. Wer IT-Söldner nutzt, sendet das Signal, dass Verträge, Abkommen und Konventionen nur so lange zählen, wie sie nicht stören. Internationale Beziehungen werden dadurch zu einem Theater der Heuchelei, in dem jeder weiß, dass alle schmutzige Tricks verwenden, aber niemand offen darüber reden darf.

Staat als schlechtes Vorbild

Am Ende steht ein bitteres Fazit: Der Staat, der IT-Söldner einsetzt, übernimmt das Verhaltensmuster der Kriminellen, die er vorgibt zu bekämpfen. Er zeigt seinen Bürgern, dass Macht wichtiger ist als Recht, dass man sich Probleme kaufen kann, statt sie politisch zu lösen, und dass es immer Hintertüren gibt, wenn die vorderen Türen verschlossen sind. Ein solcher Staat erzieht seine eigene Schattenwelt: Beamte und Dienstleister, die gelernt haben, dass Loyalität über Gesetz steht, und die genau dieses Muster in andere Bereiche tragen. Wer so handelt, sägt nicht nur an abstrakten Grundsätzen, sondern an der konkreten Bereitschaft der Menschen, sich an Regeln zu halten, Steuern zu zahlen, Behörden zu vertrauen. IT-Söldnertum ist deshalb nicht nur ein technisches oder sicherheitspolitisches Problem. Es ist ein moralischer Offenbarungseid eines Systems, das vorgibt, Ordnung zu wahren, während es heimlich die Fundamente dieser Ordnung untergräbt.