Historische Entwicklung und Bedeutung des sorbischen Hauses in Bautzen

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Das Gelände entlang des Lauengrabens in Bautzen, auf dem heute Parkplätze bestehen, war einst Schauplatz eines bedeutenden kulturellen und historischen Gebäudes, das eine zentrale Rolle im Leben der sorbischen Gemeinschaft spielte. Dieses Bauwerk war das sogenannte Wendische Haus, das zwischen den Jahren 1897 und 1904 errichtet wurde und über Jahrzehnte hinweg als Symbol für die sorbische Identität und den kulturellen Zusammenhalt in der Region galt. Seine Geschichte ist tief verwoben mit dem Engagement bedeutender Persönlichkeiten und Organisationen, die sich für den Erhalt und die Förderung der sorbischen Sprache, Kultur und Gemeinschaft einsetzten. Die Errichtung dieses Hauses markierte einen Meilenstein in der kulturellen Entwicklung der sorbischen Bevölkerung in der Lausitz und zeigte, wie wichtig der Erhalt der eigenen Identität in einer sich schnell verändernden Zeit war. Die nachfolgenden Jahrzehnte brachten zahlreiche Herausforderungen, doch das Gebäude blieb ein lebendiges Symbol für den Widerstand und die Gemeinschaft der Sorben in der Region.

Der Bau und die architektonische Gestaltung des Hauses

Das alte Wendische Haus wurde in den späten 19. Jahren gebaut, wobei die Initiative dazu von Johann Ernst Schmaler ausging, einem bedeutenden Aktivisten und Mitbegründer des sorbischen Kultur- und Wissenschaftsvereins „Maćica Serbska“. Bereits 1873 hatte Schmaler das Grundstück erworben, auf dem das imposante Gebäude später entstand. Die Bauplanung wurde vom Dresdener Architekten Grothe übernommen, der das Haus nach den damaligen stilistischen Vorgaben des Frührenaissancestils gestaltete. Die Architektur des Gebäudes zeichnete sich durch ihre repräsentativen Formen und harmonische Gestaltung aus, die sich nahtlos in das historische Stadtbild von Bautzen einfügte. Das Haus wurde mit Spendenmitteln finanziert, was die enge Verbindung der sorbischen Gemeinschaft zu diesem Projekt verdeutlichte. Die Formensprache und die architektonische Gestaltung unterstrichen die Bedeutung, die das Haus für die sorbische Kultur hatte. Es sollte ein würdiger Ort sein, der den Geist der sorbischen Tradition widerspiegelte und gleichzeitig ein funktionaler Raum für vielfältige kulturelle Aktivitäten bot.

Die Einweihung und die Nutzung des Hauses als kulturelles Zentrum

Am 26. September 1904 wurde das Gebäude feierlich eröffnet und in den Dienst der sorbischen Kultur gestellt. Die Einweihungsfeierlichkeiten wurden von bedeutenden Persönlichkeiten der sorbischen Gemeinschaft begleitet, darunter der Bischof Georg Wuschansky, der zu diesem Zeitpunkt den Vorsitz der Organisation „Maćica Serbska“ innehatte. Das Haus wurde zu einem lebendigen Zentrum für das kulturelle Leben der Sorben in der Region. Es beherbergte das Museum, die Bibliothek und das Archiv, die wichtige Quellen für die Bewahrung und Weiterentwicklung der sorbischen Geschichte und Kultur darstellten. Zudem fanden hier die Aktivitäten des Turnverbandes Sokoł statt, eine Organisation, die die körperliche Ertüchtigung und den Gemeinschaftssinn förderte, sowie die Sorbische Volksbank, die die wirtschaftliche Selbstständigkeit der sorbischen Bevölkerung unterstützte. Auch die Buchhandlung und Druckerei der Familie Schmaler war im Gebäude ansässig und trug zur Verbreitung der sorbischen Literatur bei. Diese vielfältigen Nutzungen machten das Haus zu einem lebendigen Ort, der die sorbische Identität in all ihren Facetten widerspiegelte.

Die Entwicklung zur Sitz der Domowina und die Bedeutung für die sorbische Bewegung

Im Jahr 1912 wurde das Gebäude zusätzlich zum Sitz der Organisation Domowina, die später die zentrale Vertretung der sorbischen Interessen in der Lausitz wurde. Die Gründung der Domowina war das Ergebnis intensiver Bemühungen, die sorbische Bewegung im Zuge gesellschaftlicher und politischer Veränderungen zu stärken. Diese entstand aus den Aktivitäten zahlreicher sorbischer Bauernvereine, die Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurden. Ziel dieser Vereine war es, gegenseitige Unterstützung zu leisten, die Sprache und Kultur der Sorben zu bewahren und die Gemeinschaft zusammenzuhalten. Bereits Ende 1888 wurde in Panschwitz der Zentrale Sorbische Bauernverein ins Leben gerufen. Die Vorbereitungen dazu wurden maßgeblich von dem Bautzener Kulturhistoriker und Redakteur Michael Hornig sowie dem Kaplan Gustav Kubasch aus Nebelschütz geleitet. Die Gründung wurde maßgeblich vom aus Crostwitz stammenden Großbauern und Landtagsabgeordneten Michael Kockel vorangetrieben, der den Vorsitz übernahm. Bei einem großen Treffen aller sorbischen Vereine am 10. Juli 1898 in Neschwitz wurde die Idee eines gemeinsamen Bundes vorangetrieben, was auf große Zustimmung stieß. Trotz einiger Widerstände innerhalb der konservativen Kräfte, die die wissenschaftliche Gesellschaft „Maćica Serbska“ repräsentierten, wurde die Bewegung weiter verfolgt. Der Dichter Jakub Bart-Ćišinski, der 1903 nach Kuckau zurückgekehrt war, engagierte sich mit großem Einsatz für die Stärkung des sorbischen Nationalbewusstseins und trieb die Bewegung entscheidend voran.

Politische, soziale und kulturelle Herausforderungen im frühen 20. Jahrhundert

Die politische Lage in den slawischen Ländern, vor allem in Polen, Tschechien und Russland, beeinflusste die sorbische Bewegung stark. Während die Bewegung auf kultureller Ebene wuchs, verschärften sich die Lebensbedingungen der sorbischen Bauern durch die beginnende Industrialisierung und die daraus resultierende Wirtschaftskrise. Die Lebensqualität verschlechterte sich zusehends, was die Notwendigkeit nationaler und kultureller Organisationen weiter verstärkte. Eine weitere Belastung war die Schulpolitik, die vom Bautzener Bezirksschulinspektor Bach im Jahr 1908 verschärft wurde. Diese Politiken zielten darauf ab, die sorbische Sprache in den Schulen einzuschränken, was den Zusammenhalt der sorbischen Gemeinschaft zusätzlich gefährdete. In diesem Kontext wuchs das Engagement der sorbischen Vereine, um ihre kulturelle Identität zu bewahren und gegen die Assimilationsbestrebungen zu verteidigen.

Gründung des Bundes sorbischer Vereine und die weitere Entwicklung

Am 13. Oktober 1912 versammelten sich Vertreter von 31 sorbischen Vereinen aus der Ober- und Niederlausitz. Diese Vereine hatten zusammen mehr als 2800 Mitglieder und standen für die Vielfalt und den Zusammenhalt der sorbischen Gemeinschaft. Bei diesem Treffen wurde die vorläufige Satzung verabschiedet, und ein Vorstand gewählt. Ernst Bart wurde als Vorsitzender bestimmt, ergänzt durch weitere Vertreter wie Franz Krahl, Jurij Delenk, Andreas Krone und andere. Das Ziel dieser Vereinigung war es, die sorbischen Vereine zu unterstützen, die Liebe zur Heimat zu fördern und das Bewusstsein für die eigene Kultur zu stärken. Die Arbeit sollte durch Vorträge, kulturelle Veranstaltungen wie Theater und Konzerte sowie durch Beratung in wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen erfolgen. Trotz aller Bemühungen wurden die Aktivitäten der sorbischen Organisationen im Jahr 1937 durch die nationalsozialistische Regierung verboten. Das Eigentum dieser Organisationen wurde konfisziert, verkauft oder vernichtet, und nur wenige Exponate des Museums konnten gerettet werden. Der Zweite Weltkrieg führte schließlich 1945 zur völligen Zerstörung des Gebäudes, was das Ende eines wichtigen Kapitels der sorbischen Kulturgeschichte markierte.