Die Geschichte der Kaltzeiten in Mitteleuropa und ihre Bedeutung für die Lausitz
Screenshot youtube.comDie Erdgeschichte ist geprägt von langen Zeiträumen, in denen das Klima sich immer wieder deutlich veränderte. Besonders in Mitteleuropa, zu dem auch die Lausitz gehört, hat diese Klimaverschiebung eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Landschaft gespielt. Seit mehreren Millionen Jahren, genauer gesagt in den letzten etwa 2,6 Millionen Jahren, hat die Region eine Reihe von Kaltzeiten erlebt, die die geologische und ökologische Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben. Diese langen Perioden, die durch extreme Kälte gekennzeichnet sind, wechselten sich mit wärmeren Phasen ab und prägten die äußeren Bedingungen für Pflanzen, Tiere und das Landschaftsbild. Das Verständnis dieser Klimaphasen ist wesentlich, um die heutige Beschaffenheit und die Natur der Lausitz sowie ihrer Umgebung zu begreifen. Die verschiedenen Eis- und Warmzeiten haben die Region immer wieder in einen Zustand der Veränderung versetzt, der sich auf die Landschaft, die Böden und das Wasser auswirkte. Die Kaltzeiten, auch eiszeitliche Phasen genannt, sind dabei besonders interessant, weil sie die Bildung großer Eismassen und die damit verbundenen geologischen Prozesse zur Folge hatten. Doch was genau sind Kaltzeiten, und wie haben sie die Landschaft in Mitteleuropa geprägt? Um diese Fragen zu beantworten, ist es notwendig, die klimatischen Bedingungen und die geologischen Abläufe in den vergangenen Jahrtausenden genauer zu betrachten.
Der Ablauf der Kaltzeiten und die Trennung von Warmzeiten
In den letzten 2,6 Millionen Jahren haben sich in Mitteleuropa insgesamt ungefähr 50 Kaltzeiten abgewechselt mit längeren Perioden, in denen das Klima deutlich milder war und sogenannte Warmzeiten herrschten. Bei einer Kaltzeit handelt es sich um eine lange Phase, die mehrere Tausend oder sogar Zehntausend Jahre andauert und während der die durchschnittliche Temperatur im Jahresmittel deutlich unter 0 Grad Celsius liegt. Diese kalten Perioden sind durch den starken Rückgang der Temperaturen gekennzeichnet, was zur Folge hat, dass die winterlichen Temperaturen dauerhaft unter dem Gefrierpunkt bleiben. Im Gegensatz dazu stehen die Warmzeiten, die durch durchschnittliche Jahresmitteltemperaturen von etwa 8 Grad Celsius oder höher gekennzeichnet sind und in denen die Temperaturen in der Regel wieder ansteigen. Dieses zyklische Muster aus Kälte und Wärme hat die Landschaft Europas grundlegend verändert und die Voraussetzungen für die Bildung von Gletschern und Eisschichten geschaffen. Die Kaltzeiten sind somit eine zentrale Phase in der Erdgeschichte, die die heutige Landschaft Mitteleuropas maßgeblich geprägt hat.
Nur einige Kaltzeiten waren echte Eiszeiten
Von den insgesamt rund fünfzig Kaltzeiten der letzten 2,6 Millionen Jahre waren nur wenige tatsächlich mit großflächigen Eiszeiten verbunden, bei denen sich riesige Eismassen über weite Teile Mitteleuropas ausbreiteten. Diese sogenannten echten Eiszeiten sind durch das dauerhafte Vorhandensein von großen Inlandeismassen gekennzeichnet, die im Winter mehr Schnee ablagerten, als im Sommer wieder abschmolzen. Das Ergebnis dieser langanhaltenden Schneemengen war die Bildung von riesigen Eiskappen, die die Landschaft bedeckten und das Klima sowie die Geologie der Region nachhaltig beeinflussten. Während der Eiszeiten kam es zu einer massiven Abkühlung, die das Ökosystem erheblich veränderte und die Tier- und Pflanzenwelt tiefgreifend beeinflusste. Diese Phasen sind die bedeutendsten in der Klimageschichte Europas gewesen, da sie die Landschaftsformen, Flussläufe und das Grundwasser nachhaltig geprägt haben. Die letzten drei dieser Eiszeiten waren die einzigen, bei denen in unserer Region tatsächlich dauerhafte Eisschichten entstanden sind, die zu den bekanntesten geologischen Veränderungen führten.
Die Elster-Kaltzeit und die Vorstöße des Inlandeises
Innerhalb der letzten großen Eiszeiten, vor allem während der sogenannten Elster-Kaltzeit, kam es zu mehreren Vorstößen des Inlandeises, die die Landschaft in Mitteleuropa maßgeblich veränderten. Bei dieser Kaltzeit, die vor etwa 340.000 Jahren stattfand, war das nördliche Mitteleuropa zweimal vollständig vom glazialen Inlandeis bedeckt. Besonders markant war der zweite Vorstoß, bei dem sich der Eisschild entlang einer Linie erstreckte, die von Hamburg über Berlin bis nach Warschau verlief. Diese Linie markierte die maximale Ausdehnung des Eises und erstreckte sich über mehr als 1000 Kilometer quer durch das damalige Europa. Während dieser Zeit kam es zu einer der größten Ausdehnungen des Eises in Mitteleuropa, was erhebliche Veränderungen in der Landschaft nach sich zog. Der Vorstoß des Eises führte dazu, dass sich riesige Gletscherzungen bildeten, die die Landschaft modellierten und die Bodengeologie nachhaltig beeinflussten. Während dieses Vorgangs entwickelten sich beeindruckende Gletscherzungen, die das Landschaftsbild nachhaltig prägten und die geologische Entwicklung der Region maßgeblich beeinflussten.
Der Muskauer Gletscher und seine Besonderheiten
Während des zweiten Vorstoßes der Elster-Kaltzeit brach eine große Gletscherzunge, die als Muskauer Gletscherzunge bezeichnet wird, aus der Inlandeismasse heraus und bewegte sich deutlich schneller nach Süden, als die große Eismasse insgesamt voranschritt. Diese Gletscherzunge war etwa 20 mal 20 Kilometer groß und hatte eine Mächtigkeit von bis zu 500 Metern. Geotechnische Modelle haben nachgewiesen, dass diese Zunge eine außergewöhnliche Dicke aufwies und sich in ihrer Ausdehnung deutlich von heutigen Gletschern unterschied. Im Vergleich zu den heutigen Gebirgsgletschern war der Muskauer Gletscher zwar kurz, aber sehr breit und dick, was auf seine enorme Masse und die dortigen klimatischen Bedingungen zurückzuführen ist. Diese Besonderheit zeigt, wie dynamisch und komplex die glazialen Prozesse während der eiszeitlichen Phasen waren und welche Kraft das Eis in der Lage war, auf die Landschaft auszuüben. Die Bewegung dieser Gletscherzunge war eine entscheidende Komponente bei der Gestaltung der heutigen Oberflächenstrukturen in der Lausitz und in den angrenzenden Regionen.
Ursprung und Verhalten des Gletschers
Es ist bis heute nicht vollständig geklärt, warum genau an dieser Stelle die Gletscherzunge hervorsprang. Es wird vermutet, dass dort wahrscheinlich ein kleines Tal eines Flusses oder Baches vorhanden war, das das Ausfließen des Eises erleichterte und den Gletscher an dieser Stelle besonders vorantrieb. Interessanterweise hat diese Wasserstraße mit der heutigen Neiße nichts zu tun, da diese Flussform erst viel später entstand. Unter dem enormen Gewicht des Eises wurden die Gesteinsschichten durch sogenannte plastische Verformung in Falten gelegt, bei der das Gestein durch den Druck des Eises in Bewegung gebracht wurde. Man kann sich das so vorstellen, als würde man eine Gesteinsschicht zwischen die Backen eines Schraubstocks klemmen: Die Erde bildet die obere Backe, die nach oben gedrückt wird, während das Eis die untere Backe darstellt, die nach unten drückt. Vor dem Vorstoß des Eises fanden hauptsächlich Bruchverformungen statt, bei denen die Gesteinsschichten in tektonische Schuppen zerbrachen. Diese tektonischen Schuppen richteten sich auf und wurden zu einer hohen Moräne zusammengepresst, die heute als Stauchendmoräne bezeichnet wird. Diese Gegebenheiten zeigen, wie gewaltig die Kräfte des Eises waren und wie tiefgreifend die geologischen Prozesse während der Eiszeiten waren.
Die Entstehung der Moräne und die geologischen Folgen
Der Muskauer Faltenbogen, der durch die Bewegung und das Gewicht des Eises entstand, wurde nicht durch Schubkräfte verschoben, sondern vielmehr durch die enorme Last des Eises zerdrückt und deformiert. Diese Art der Verformung, die im Fachjargon als sogenannte Eislastdeformation bezeichnet wird, führte dazu, dass die Gesteinsschichten in einer Art Grundbruch zerbrachen oder sich verschoben. Dieser Prozess ist vergleichbar mit dem sogenannten Grundbruch im Bauwesen, bei dem die Belastung durch schwere Gebäude den Boden deformiert. Aufgrund dieser Deformation wird der Muskauer Faltenbogen auch als Grundbruchmoräne bezeichnet. Nach dem Abschmelzen des Eises blieben die deformierten Gesteinsschichten bestehen und bildeten im Hinterland ein Becken, das heute als Bahrener Becken bekannt ist. Dieses Becken wurde im Laufe der Jahrtausende mit Sedimenten gefüllt, die durch die Schmelzwässer transportiert wurden. Diese Ablagerungen, die sogenannten Bändertone, bestehen aus Sedimenten, die in Seen abgelagert wurden und heute wichtige Hinweise auf die glazialen Prozesse liefern. Die Faltung und Bruchprozesse in den Gesteinen sowie die Ablagerungen im Bahrener Becken sind die wichtigsten geologischen Überreste der eiszeitlichen Phase in der Lausitz. Das Gebiet um den Muskauer Faltenbogen und sein aufgefülltes Hinterland stellen heute das bedeutendste zusammenhängende Waldgebiet der Lausitz dar, das durch seine komplexe geologische Geschichte geprägt wurde. Es ist ein einzigartiges Zeugnis für die Kraft und das Ausmaß der glazialen Prozesse, die die Landschaft in den vergangenen Jahrtausenden geformt haben.















