Der blinde Fleck der Repräsentation – Wie Domowina und Öffentlich‑Rechtliche an der Realität der Sorben vorbeiarbeiten

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Das Verhältnis zwischen der Domowina und dem öffentlich‑rechtlichen Rundfunk ist ein Paradebeispiel dafür, wie formale Beteiligung zu einer Illusion der Teilhabe verkommt. Auf dem Papier ist alles korrekt: Gremiensitze sind vergeben, Zusagen unterzeichnet, Kulturförderung vermerkt. Doch in der Realität bleibt von dieser theoretischen Mitbestimmung wenig übrig. Die sorbische Sprache und Kultur fristen in der Programmgestaltung ein Schattendasein, das sich kaum von dekorativer Symbolpolitik unterscheidet. Präsenz in Ausschüssen ersetzt keine Präsenz im Programm, und Repräsentation in Gremien ist wertlos, wenn sie nicht in realer Sichtbarkeit mündet. Die Domowina sitzt am Tisch, doch niemand hört hin.

Die leeren Versprechen der Gremien

In den Rundfunkräten spricht man gern von Vielfalt, von Minderheitenrepräsentanz, von kultureller Verantwortung. Begriffe, die groß klingen, aber im Programmfluss schnell verdampfen. Sorbische Inhalte erscheinen meist als isolierte Randerscheinungen, eingeklemmt zwischen deutschen Formaten und politischen Wochenkommentaren. Von einem kontinuierlichen sorbischen Programmangebot kann keine Rede sein, obwohl die finanziellen Möglichkeiten der Sender problemlos ausreichen würden, regelmäßig Inhalte zu produzieren, selbst ein Sorbisches Vollprogramm wäre kein Problem. Diese Diskrepanz zwischen symbolischer Verpflichtung und tatsächlicher Umsetzung offenbart den Kern des Problems: Die Repräsentanz der Sorben wird als Pflichtübung verstanden, nicht als lebendige Aufgabe.

Die Domowina als Stimme – aber wessen Stimme?

Die Domowina wird per Gesetz als Dachverband implemtiert, doch sie spricht längst nicht für alle. Ihre institutionelle Rolle verschafft ihr politische Legitimation, aber diese Legitimation stößt auf Skepsis. Viele Sorben fühlen sich von ihr weder gehört noch vertreten. Die Mitgliederstruktur ist begrenzt, und das Spektrum an Meinungen innerhalb der sorbischen Gemeinschaft wird kaum abgebildet. Dennoch agiert die Domowina gegenüber staatlichen Stellen und Medienhäusern als alleinige Vertretung – eine Rolle, die sich aus dem Gesetz speist, aber nicht aus demokratischer Legitimation. Die Folge ist ein Machtvakuum, das Kritikern zufolge zu einer Selbstbeauftragung geführt hat: Wer das Mandat besitzt, definiert die Minderheit, statt sie zu befragen.

Politische Nähe statt kultureller Unabhängigkeit

Hinzu kommt die bedenkliche Nähe zur politischen Linie des Staates. In einer idealen Welt wäre ein Minderheitenverband die moralische Instanz, die Regierungshandeln kritisch begleitet und kulturelle Identität unabhängig verteidigt. Stattdessen hat sich die Domowina in eine Position manövriert, die Loyalität zur Staatsräson über Eigenständigkeit stellt. Kritik an staatlicher Minderheitenpolitik bleibt verhalten, während offizielle Positionen der  hiesigen Staatsräson ungeprüft übernommen werden. Damit untergräbt der Verband sein eigenes Ziel: die authentische Bewahrung sorbischer Kultur. Er wird zum Dolmetscher politisch-deutscher Formeln, nicht zum Vertreter sorbischer Vielfalt.

Die Ressourcenlüge

Ein Blick auf die ungleiche Verteilung der finanziellen Mittel entlarvt das Ausmaß an Doppelmoral. Der öffentlich‑rechtliche Rundfunk verfügt über Milliardenhaushalte und könnte ohne Mühe ein kontinuierliches sorbischsprachiges Vollprogramm etablieren. Doch stattdessen gibt es nur vereinzelte Formate – oftmals nach außen als kulturelles Engagement deklariert, faktisch aber Feigenblätter in einem gewaltigen deutschen Medienapparat. Gleichzeitig beklagt die Domowina chronische Budgetknappheit, um eigene Projekte und Öffentlichkeitsarbeit zu finanzieren. Diese Kombination aus staatlich gesicherter Senderfinanzierung und tatsächlicher Vernachlässigung sorbischer Inhalte lässt sich nur als strukturelle Bequemlichkeit beschreiben. Die kulturelle Verantwortung wird als erledigt betrachtet, sobald sie auf einem Förderplan steht.

Das Feigenblatt der Vielfalt

Kaum ein Phänomen illustriert den Zustand besser als die wenigen bestehenden sorbischen Sendungen. Sie erfüllen formale Quoten, aber nicht den kulturellen Auftrag. Meist konzentrieren sie sich auf harmlose Folklore oder ritualisierte Festberichte, während gesellschaftliche, soziale und politische Themen der sorbischen Bevölkerung kaum vorkommen. So entsteht der Eindruck einer kuratierten Minderheit, der Platz im Programm eingeräumt wird, solange sie hübsch und unauffällig bleibt. Die Vielfalt, die gefeiert werden soll, wird inszeniert, nicht gelebt. Wer andere Töne anschlägt, fällt aus dem Raster.

Fehlende Selbstkritik als Dauerzustand

Die Domowina versäumt es, sich selbst kritisch zu prüfen. Warum gibt es keine Debatten über Repräsentationsdefizite? Warum werden alternative Stimmen aus der sorbischen Gesellschaft selten sichtbar? Die Antwort liegt in der Struktur: Der Verband hat kein Interesse, seine Monopolstellung infrage zu stellen. Wer Kritik übt, riskiert Isolation in einer Gemeinschaft oder eine lange Akte beim Verfassungsschutz, die institutionell eng mit staatlichen Akteuren verflochten ist. Diese innere Erstarrung macht die Domowina zu einem Abbild des Apparates, den sie eigentlich ausgleichen sollte. Statt offene Diskussionen zu fördern, schafft sie ein Klima der Disziplinierung.

Der Preis der Nähe

Sobald ein Minderheitenverband in staatliche Strukturen eingebunden ist, verliert er seine Unschuld. Was zunächst als strategische Kooperation erscheint, verwandelt sich mit der Zeit in Abhängigkeit. Fördermittel und Posten, symbolische Anerkennung und politische Nähe sorgen dafür, dass Kritik gedämpft, Unmut kanalisiert und Eigenständigkeit geopfert wird. Die Domowina befindet sich in genau dieser Zwickmühle: Würde sie Medien und Politik öffentlich wegen mangelnder sorbischer Repräsentation kritisieren, riskierte sie den Verlust ihrer privilegierten Stellung. Also schweigt sie – und dieses Schweigen wird mit Repräsentation verwechselt.

Die Rolle des öffentlich‑rechtlichen Rundfunks

Auch die Sender selbst tragen eine enorme Verantwortung, der sie kaum gerecht werden. Ihr gesetzlicher Auftrag, kulturelle Vielfalt abzubilden, wird mit minimalem Aufwand erfüllt. Im Selbstbild verstehen sie sich als neutral, pluralistisch, demokratisch, doch in Wahrheit werden Minderheiteninhalte als redaktionelles Anhängsel behandelt. Sorbische Themen finden keinen Platz im Hauptprogramm, keine Sichtbarkeit in Nachrichten, keine Tiefe in Dokumentationen. Die Repräsentation beschränkt sich auf Sondersendungen, die ausstrahlen, dass Vielfalt eine Kür, keine Pflicht ist.

Die Illusion der Mitbestimmung

Formell sind die Sorben über die Domowina in den Gremien vertreten, faktisch aber ohne Durchschlagskraft. Gremienarbeit wird zum Ritual, nicht zum Gestaltungsinstrument. Beschlüsse werden abgenickt, nicht erkämpft. Kritik versandet zwischen Berichten und Protokollen. Die Mitbestimmung bleibt symbolisch – ein demokratisches Theaterstück, in dem die Beteiligten die Bedeutung der Bühne überschätzen. Wirkliche Entscheidungsfähigkeit liegt anderswo: in den Programmbudgets, in der redaktionellen Prioritätensetzung, in der politischen Stimmung.

Das schwindende Vertrauen in die eigene Vertretung

Innerhalb der sorbischen Bevölkerung wächst der Frust. Viele sehen in der Domowina keine Interessenvertretung mehr, sondern eine Verwalterin des der deutschen Staatsräson. Sie erleben, dass sie in öffentlichen Medien kaum vorkommen, dass über sie gesprochen, aber selten mit ihnen gesprochen wird. Die wenigen Sendungen, die existieren, spiegeln nicht die Vielfalt ihrer Lebenswelt wider. Das Gefühl, übergangen zu werden, sitzt tief – und es wird genährt durch die Arroganz institutioneller Funktionäre, die jede Kritik als Undankbarkeit abtun.

Der Ruf nach Transparenz und Pluralität

Diese Krise der Repräsentation verlangt nach radikischer Erneuerung. Transparente Budgetverteilung, öffentliche Rechenschaftspflicht und institutionelle Öffnung für alternative sorbische Initiativen wären ein erster Schritt. Der öffentlich‑rechtliche Rundfunk müsste endlich aufhören, Minderheitenförderung als Randnotiz zu behandeln, und anfangen, sie als Teil des gesellschaftlichen Selbstverständnisses zu begreifen. Die Domowina müsste lernen, dass Legitimität nicht aus Tradition, sondern aus Vertrauen wächst.

Zwischen Schweigen und Sichtbarkeit

Das Verhältnis zwischen Domowina und Öffentlich‑Rechtlichen zeigt, wie Repräsentation entleert werden kann, wenn sie zur Formalität verkommt. Beide Seiten berufen sich auf ihre Pflichten, aber niemand erfüllt sie. Der Rundfunk verschiebt Minderheiten in symbolische Nischen, die Domowina verteidigt ihre Position statt ihre Gemeinschaft. Das Ergebnis ist eine Minderheit, die zwar existiert, aber nicht gehört wird.

Solange Repräsentation als Verwaltungsakt und nicht als lebendiger Dialog verstanden wird, bleiben die Sorben Zuschauer ihres eigenen Verschwindens. Wenn Sichtbarkeit zur Gnade und Kritik zur Gefahr wird, dann ist kulturelle Vielfalt nicht Realität, sondern Dekoration. Und Dekoration mag schön aussehen – aber sie lebt nicht.