Der Aufstieg der Vietnamesischen Befreiungsfront: Hintergründe, Strategien und Organisation im Vietnamkrieg

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Der Vietnamkrieg war über Jahrzehnte hinweg ein komplexer Konflikt, der tief in den gesellschaftlichen, politischen und sozialen Strukturen Vietnams verwurzelt war. Besonders im Zuge der zunehmenden amerikanischen Intervention und der Repression durch das Regime in Saigon formierten sich verschiedene Widerstandsbewegungen. An vorderster Front stand die Nationale Befreiungsfront, kurz NLF, die sich im Laufe der frühen 1960er Jahre zu einer bedeutenden Kraft entwickelte. Dieser Artikel beleuchtet die Motive, Strategien und organisatorischen Strukturen der NLF, um zu erklären, warum und wie diese Bewegung zu einer der wichtigsten Akteure im vietnamesischen Befreiungskampf wurde.

Die Anfänge in einem von Unsicherheit geprägten Land

Bereits in den späten 1950er Jahren war die politische Lage in Südvietnam durch massive Unsicherheiten und repressiven Maßnahmen geprägt. Das Jahr 1956/57 war für die Landbevölkerung noch von relativer Ruhe und einer gewissen Normalität gekennzeichnet. Viele Dorfbewohner lebten in bescheidenen Verhältnissen, einige hatten sogar das Glück, ein Moped zu besitzen, was den Alltag erleichterte und eine gewisse Mobilität ermöglichte. Doch mit der Einführung des sogenannten Gesetzes 10/59 änderte sich die Situation radikal. Dieses Gesetz wurde von Präsident Ngo Dinh Diem erlassen und gab ihm die rechtliche Handhabe, ohne Gerichtsverfahren Personen zu verhaften oder zu exekutieren, die der Sympathie mit den Viet Cong (Viet Cong – Vietnamesische Kommunistische Guerilla) verdächtigt wurden. Es war eine Zeit der zunehmenden Repression, Angst und politischen Verfolgung, die die Bevölkerung tief erschütterte und das Klima der Unsicherheit verschärfte.

Persönliche Motive und die Flucht in den Untergrund

Viele Menschen in den ländlichen Gebieten Vietnams sahen in der NLF einen möglichen Schutzraum gegen die willkürlichen Maßnahmen des Regimes. Tausende schlossen sich aus persönlichen Beweggründen an: Die Angst vor staatlicher Willkür, die Bedrohung durch Angehörige der Regierungstruppen und der Wunsch nach Sicherheit – sei es physischer, materieller oder politischer Natur – trieben zahlreiche Dorfbewohner dazu, sich in den Untergrund zu begeben. Der Weg in den illegalen Widerstand war voller Gefahren, doch für viele erschien er als einziger Ausweg.

Ein typisches Beispiel ist die Geschichte eines jungen Mannes, der während eines schweren Konflikts im Süden Vietnams lebte. Er schilderte, wie er während eines hitzigen Fußballspiels zwischen seiner Mannschaft und einer rivalisierenden Gruppe von der Polizei oder Regierungstruppe bedroht wurde. Das Spiel war geprägt von großer Erregung, Wut und Aggression, was den Spannungszustand im Land widerspiegelte. Als er befürchtete, dass seine Familienmitglieder, die für die Regierung arbeiteten, ihn für seine Unterstützung der Gegenseite bestrafen könnten, suchte er Zuflucht in einem Versteck. Eine Gruppe des Viet Cong kam zu ihm, wusste von seinem Erfolg im Spiel und wollte ihn für ihre Sache gewinnen. Sie sagten: „Schau dich an, du musst dich verstecken. Das wird dir nicht gelingen. Du hast keine Waffen, und sie werden dich finden und misshandeln.“ Sie gruben ihm ein Erdloch, in dem er Schutz fand. Dieser Bericht ist nur ein Beispiel für die vielen persönlichen Geschichten, die die Beweggründe für den Beitritt zur NLF beleuchten und die Motivation hinter dem Widerstand sichtbar machen.

Die vielfältigen Motive: Angst, Schutz, Gerechtigkeit

Jeder einzelne, der sich der NLF anschloss, hatte individuelle Beweggründe, doch die Motive lassen sich in einige zentrale Kategorien zusammenfassen. Viele wurden von Angst vor der drakonischen Willkür des Regimes getrieben, andere suchten Schutz vor Repressionen oder wollten sich gegen die zunehmende Gewalt wehren. Ein weiterer wichtiger Faktor war das Bedürfnis nach Gerechtigkeit – soziale, politische und wirtschaftliche – und der Wunsch nach einer Verbesserung der Lebensumstände. Die NLF versprach den Menschen Sicherheit auf mehreren Ebenen: Schutz vor Gewalt, Schutz des Eigentums und die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft. Für viele war die Bewegung die einzige Möglichkeit, aktiv gegen die Unterdrückung durch die Regierung vorzugehen und zugleich an der Gestaltung einer neuen Gesellschaft mitzuwirken.

Der rasante Aufstieg der Guerillakräfte

Im Laufe der frühen 1960er Jahre wuchs die Zahl der Mitglieder und Kämpfer der NLF explosionsartig an. Anfangs schätzte die CIA die Guerilla-Kräfte 1958 auf rund 1.700 Kämpfer. Doch schon Ende 1962 belief sich die Zahl auf etwa 23.000 bis 34.000 Kämpfer. Innerhalb weniger Jahre stieg die Stärke der „Volksbefreiungsarmee“, wie die NLF ihre militärischen Einheiten nannte, auf über 50.000 Soldaten, so das Pentagon. Besonders in den Gebieten, die zuvor bereits von den Viet Minh, der Vorgängerorganisation, beeinflusst worden waren, verlief die Rekrutierung vergleichsweise problemlos. Das Mekong-Delta, das lange Zeit von Sekten und lokalen Bewegungen kontrolliert worden war, wurde zu einem wichtigen Zentrum der Guerillakriegsführung.

Strategien der Guerilla: Dorf für Dorf, Region für Region

Die Übernahme der Dörfer durch die NLF war je nach Region unterschiedlich aufgebaut. In abgelegenen, schwer zugänglichen Gegenden, wie den Sümpfen südöstlich von Saigon oder im Dschungel an der Grenze zu Kambodscha, war die Machtübernahme relativ einfach. Die wenigen Regierungsbeamten wurden eingeschüchtert, die Selbstverteidigungskräfte unter Druck gesetzt, einige wurden ermordet oder vertrieben. In Gebieten, in denen die Regierung noch stärker präsent war, beispielsweise im Mekong-Delta, waren die Guerillas auf die Unterstützung der Dorfbewohner angewiesen. Nur mit ihrer Hilfe konnten neue Mitglieder rekrutiert, Ressourcen mobilisiert und das Gebiet kontrolliert werden.

Sobald die Regierung von der Präsenz der NLF erfuhr, reagierte sie meist mit zusätzlichen Truppen und Sicherheitskräften. Nach einiger Zeit kam es häufig zu Unmut und Widerstand in den betroffenen Dörfern, die die Guerilla als Eindringlinge ansahen. Die NLF nutzte diese Unzufriedenheit aus, um ihre Macht zu festigen. Sie ermordete einige Regierungsbeamte, während andere in Sicherheit flüchteten. Mit dieser Taktik kontrollierte die NLF die Dörfer, mobilisierte die Bevölkerung durch Drohungen oder Überzeugung und zwang sie, das Dorf zu verteidigen. Die militärischen Auseinandersetzungen endeten oftmals in zerstörten Häusern und Toten, doch die Kontrolle lag letztlich bei der NLF.

Die politische Kontrolle: Land, Gesellschaft und Ideologie

Im Zuge der Kontrolle eines Dorfes begann für die NLF die eigentliche Arbeit. Landbesitz und die Sicherung der Bevölkerung waren die wichtigsten Faktoren, um die Macht zu konsolidieren und langfristig zu stabilisieren. Die Organisation führte Landreformen durch, die die Grundlage für ihre politische Strategie bildeten. Ziel war es, Konflikte zu vermeiden und die Unterstützung der Landbevölkerung zu gewinnen. Deshalb wurden ausschließlich lokale Kader für die Landreform eingesetzt.

Im Jahr 1961 bewirtschafteten in den südlichen Provinzen von Saigon nur rund 22 % der Bauern eigenes Land, weitere 28,5 % pachteten Land und 44,5 % hatten keinen Grundbesitz. Mit der Landumverteilung griff die NLF eine traditionelle Forderung der Landbevölkerung auf, die in dem alten vietnamesischen Sprichwort zum Ausdruck kommt: „Demjenigen soll das Land gehören, der zu jeder Jahreszeit die Erde zwischen seinen Händen reibt.“ Die Landreform war die zentrale Säule, um die Unterstützung der Bauern zu sichern und die soziale Stabilität zu fördern.

Soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Kontrolle

Parallel zur Landreform senkte die NLF die Pachtzinsen auf 10 % der Ernte, während in von der Regierung kontrollierten Gebieten noch 1967 Pachtzinsen von 25 bis 40 % üblich waren. Sie propagierte eine Politik, die die Kleinbauern begünstigte und den Erwerb von Land erschwerte. Dabei verzichtete die Bewegung auf Hinweise auf die Kollektivierung, die im Norden bereits in Angriff genommen worden war.

Organisation, Disziplin und Ideologie

Die Organisation der NLF war stark hierarchisch aufgebaut. Die kleinste Einheit war die Zelle, bestehend aus drei bis zehn Personen, die eng miteinander verbunden waren. Diese Zellen ersetzten die Familie und boten Halt in schweren Zeiten. Entscheidungen wurden kollektiv getroffen, wobei den Mitgliedern in höher gestellten Zellen ein besonderes Gewicht zukam. Über den Zellen standen die regionalen Kommandos, die die geographischen Einheiten der vietnamesischen Republik abbildeten. Die oberste Leitung bestand aus 64 Mitgliedern, die vom politischen Gremium gewählt wurden.

Militärisch war die NLF in Form der Volksbefreiungsarmee organisiert, die in den einzelnen Dörfern eigene Einheiten unterhielt. Das führte dazu, dass die Guerilla-Organisation eine Art dezentralisierte, aber dennoch gut strukturierte Armee war, die auf regionaler Ebene autark agieren konnte.

Die Rolle der kommunistischen Partei

Neben der militärischen Organisation existierte die Revolutionäre Volkspartei (PRP), die als ideologischer Motor der Bewegung fungierte. Sie sorgte dafür, dass alle Mitglieder der NLF die vorgegebenen politischen und ideologischen Prinzipien einhielten. Partei und Front arbeiteten eng zusammen, insbesondere bei strategischen Entscheidungen. Die PRP führte die Bewegung, während die militärische Führung die operative Umsetzung leistete.

Bildung, Sozialarbeit und Ideale

Die NLF vermittelte den Kämpfern und der Bevölkerung auch Bildung und soziale Werte. Junge Männer und Frauen wurden in den Dörfern zu Guerillakämpfern, Funkern, Sprengstoffexperten und politischen Kadern ausgebildet. Dabei ging es nicht nur um das Erlernen technischer Fähigkeiten, sondern auch um die Persönlichkeitsentwicklung. Die Ausbildung stellte das traditionelle Weltbild in Frage und verband soziale, politische und ideologische Aspekte miteinander.

Die Bewegung war keine rein dogmatische kommunistische Organisation, sondern vielmehr eine Bewegung, die soziale Gerechtigkeit, nationalen Befreiung und soziale Harmonie in den Mittelpunkt stellte. Viele Angehörige waren eher pragmatisch eingestellt und glaubten, dass ehrliches Verhalten und moralische Integrität die besten Voraussetzungen für den Erfolg seien. Ziel war die Befreiung vom Imperialismus – vor allem durch die USA und ihre Verbündeten – und die Abschaffung sozialer Ungleichheit.

Ein langer Weg voller Herausforderungen

Der Aufstieg der NLF war geprägt von einer Kombination aus militärischer Stärke, sozialer Organisation, ideologischer Überzeugung und strategischer Flexibilität. Die Bewegung schuf es, die Unterstützung der Landbevölkerung zu gewinnen, ihre Macht durch Landreformen und soziale Kontrolle zu festigen und sich gegen die Übermacht des Regimes in Saigon zu behaupten. Dabei wurde deutlich, dass der Konflikt nicht nur ein militärischer Krieg war, sondern auch ein ideologischer, sozialer und kultureller Kampf, der tief in den gesellschaftlichen Strukturen Vietnams verwurzelt war. Die NLF wurde zu einem Symbol des Widerstands und zu einem zentralen Akteur des langen und zermürbenden Kampfes um die Unabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit in Vietnam.