Amerikas Weg in den Vietnamkonflikt: Strategien, Bündnisse und geheime Operationen nach der Genfer Konferenz
Screenshot youtube.comNach dem Ende der Genfer Indochinakonferenz im Jahr 1954 begann für die Vereinigten Staaten eine Phase intensiver politischer, militärischer und geheimdienstlicher Aktivitäten in Südostasien. Ziel war es, den Einfluss der USA in der Region nachhaltig zu sichern, den kommunistischen Einfluss einzudämmen und einen proamerikanischen Staat in Südvietnam aufzubauen. Dabei griffen die USA auf eine Vielzahl von Strategien zurück, die von diplomatischen Bündnissen bis hin zu verdeckten Operationen reichten. Dieser Artikel analysiert die wichtigsten Maßnahmen, politischen Zielsetzungen und die Hintergründe, die die amerikanische Intervention in Vietnam prägten, und zeigt auf, wie diese Entwicklungen den Weg in den späteren Vietnamkrieg maßgeblich beeinflussten.
Die Genfer Konferenz und die erste Reaktion der USA: Enttäuschung und strategische Neuorientierung
Die amerikanische Regierung hatte an der Genfer Indochinakonferenz im Jahr 1954 nur zögerlich und mit erheblichen Vorbehalten teilgenommen. Sie war sogar bereit gewesen, eine offizielle Zustimmung zum Waffenstillstand und zum im Rahmen der Konferenz beschlossenen Teilungsbeschluss zu verweigern. Die USA betrachteten die Ergebnisse von Genf letztlich als einen großen Rückschlag und waren maßlos enttäuscht. Der Nationale Sicherheitsrat in Washington sprach sogar von einer „Katastrophe“, die die amerikanischen Interessen in der Region gefährdete. Trotz dieser kritischen Einschätzung erkannte man jedoch, dass die vorübergehende Teilung Vietnams eine strategische Chance bot: Sie konnte genutzt werden, um den Süden vom Einfluss der kommunistischen Kräfte zu isolieren und die amerikanische Einflusszone in Südostasien auszubauen.
In diesem Kontext verschob sich der Fokus der amerikanischen Außenpolitik auf zwei zentrale Zielsetzungen. Erstens sollte die anti-kommunistische Bewegung im Süden Vietnams gestärkt werden, um eine nationalistischer und proamerikanischer Alternative zu Ho Chi Minh zu schaffen. Damit verbunden war die Notwendigkeit, den französischen Einfluss in Südvietnam rasch zurückzudrängen, um die Unabhängigkeit des Landes unter amerikanischer Kontrolle zu sichern. Zweitens war der Aufbau einer regionalen Sicherheitsarchitektur vorgesehen, die die Ausbreitung kommunistischer Einflussbereiche verhindern sollte. Diese beiden Ziele waren eng miteinander verknüpft und bildeten die Grundlage für die langfristige Strategie der USA in der Region.
Die Gründung der SEATO: Ein regionales Bündnis gegen den Kommunismus
Im September 1954, wenige Monate nach der Genfer Konferenz, beschlossen die USA gemeinsam mit Großbritannien, Australien, Neuseeland, Frankreich, den Philippinen, Thailand und Pakistan die Gründung der sogenannten „Südostasiatischen Vertragsgemeinschaft“ (SEATO). Ziel dieses Bündnisses war es, eine gemeinsame Verteidigungs- und Sicherheitsstrategie gegen die wachsende kommunistische Gefahr in Südostasien zu etablieren. Die Mitglieder verpflichteten sich, sich im Falle einer äußeren Bedrohung, vor allem durch kommunistische Staaten, gegenseitig zu konsultieren und zu unterstützen. Zusätzlich wurde in einem separaten Protokoll festgelegt, dass der Geltungsbereich des Vertrags auf Laos, Kambodscha und das sogenannte „freie Territorium unter der Jurisdiktion Vietnams“ ausgeweitet wird.
Im Unterschied zur NATO, die eine verbindliche kollektive Schutzgarantie für die Mitglieder vorsah, war SEATO eine eher lose Allianz mit beratender Funktion. Die Mitgliedsstaaten verpflichteten sich nur zu gegenseitigen Konsultationen, ohne eine bindende Verteidigungsverpflichtung einzugehen. Darüber hinaus enthielt der Vertrag eine klare Verletzung der Beschlüsse der Genfer Konferenz, da er Gebiete umfasste, die explizit von den Beschlüssen ausgeschlossen worden waren, nämlich die gesamte Region Indochina. Diese Vorgehensweise zeigte, wie sehr die USA die Region als Spielfeld für ihre geopolitischen Interessen nutzten und die bestehenden Abkommen bewusst umgingen. Die amerikanische Führung, vertreten durch Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles, war sich bewusst, dass SEATO in erster Linie ein Instrument war, um zukünftige Interventionen in Südostasien zu rechtfertigen und die amerikanische Dominanz in der Region zu festigen.
Geheimdienstliche Aktivitäten: Die verborgene Macht im Hintergrund
Neben den diplomatischen Maßnahmen und der Gründung militärischer Bündnisse spielten die Geheimdienste eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung der amerikanischen Interessen in Vietnam. Die CIA, unter der Leitung von Allen W. Dulles, wurde zu einem zentralen Instrument der verdeckten Einflussnahme. Präsident Eisenhower, Außenminister Dulles und sein Bruder, der CIA-Direktor, sahen in geheimdienstlichen Operationen ein unverzichtbares Mittel, um in Ländern Einfluss zu gewinnen, in denen offene Interventionen politisch, rechtlich oder durch internationale Verpflichtungen erschwert waren.
Die Kontrolle der CIA war weitgehend außerhalb des Einflussbereichs des Kongresses, was den Handlungsspielraum der Organisation erheblich erweiterte. Die CIA führte eine Vielzahl von Operationen durch, um die politische Lage in Südvietnam zu manipulieren. So schickte man im Juni 1954 zwölf Agenten nach Saigon, um die letzten französischen Einflüsse zu schwächen und die Machtverhältnisse im Land zu stabilisieren. Einer ihrer wichtigsten Akteure war Edward Lansdale, der als aktiver Verfechter des „Can-do“-Geistes galt. Lansdale war maßgeblich an der Niederschlagung kommunistischer Aufstände auf den Philippinen beteiligt gewesen und glaubte fest daran, dass amerikanische Finanzhilfe, Pragmatismus und persönliches Engagement die Entwicklung der Dritten Welt in Richtung Kapitalismus und Demokratie lenken könnten.
Lansdale setzte auf eine Palette geheimdienstlicher Methoden: Er schickte Teams in den Norden Vietnams, um die Bevölkerung zu destabilisieren, verbreitete falsche Prophezeiungen durch bestochene Astrologen, führte psychologische Kriegführung durch und schürte Unmut durch Flugblattaktionen. Ziel war es, den Einfluss der Kommunisten durch Einschüchterung und Desinformation zu schwächen. Die Propaganda behauptete, dass der Himmel über dem Norden sich von der „Gottlosigkeit“ des kommunistischen Regimes abgewandt habe und in den Süden gezogen sei. Damit wollte man die katholische Bevölkerung im Süden motivieren, den Norden zu verlassen. Die CIA investierte erhebliche Mittel in psychologische Operationen, um die Bevölkerung zu beeinflussen und den kommunistischen Einfluss zu minimieren. Obwohl diese Maßnahmen die Flucht von etwa einer Million Katholiken vom Norden in den Süden nicht allein bewirkten, trugen sie doch zur Destabilisierung bei und erleichterten den weiteren Einfluss der USA.
Unterstützung für die südvietnamesische Regierung: Diem auf dem Weg an die Macht
Schon während der Genfer Konferenz begann das amerikanische Außenministerium, nach geeigneten Persönlichkeiten zu suchen, die eine stabile und proamerikanische Regierung in Südvietnam bilden konnten. Dabei war die wichtigste Forderung, dass diese Regierung sowohl antikommunistisch, anti-kolonialistisch als auch nationalistisch sein sollte. Die politische Elite Vietnams war jedoch aufgrund ihrer Kollaboration mit den Franzosen kaum vertrauenswürdig und galt als fragil. In diesem komplexen politischen Umfeld stieß man auf Ngo Dinh Diem, einen überzeugten Katholiken, der bereits in den 1930er Jahren mit französischer Verwaltungskorruption und politischen Intrigen vertraut war.
Diem war eine umstrittene Figur: 1933 war er zeitweise Innenminister unter Bao Dai, wurde aber nach einem Konflikt mit den Franzosen bereits wenige Wochen später wieder abgesetzt. Danach zog er sich ins Privatleben zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Ho Chi Minh, ihn für eine Zusammenarbeit zu gewinnen, doch Diem war entschieden gegen die Kommunisten eingestellt – ein Entschluss, der durch die Ermordung eines seiner Brüder durch die Viet Minh noch verstärkt wurde. Er siedelte in die USA über, wo er sich in New Jersey niederließ und durch Vorträge und Kontakte in Washington an Einfluss gewann. Zu den Unterstützern gehörten namhafte Persönlichkeiten wie Kardinal Francis Spellman, William O. Douglas, Richter am Obersten Bundesgericht, Joseph Kennedy, der Vater von John F. Kennedy, sowie der junge Senator Kennedy selbst, der später Präsident werden sollte, und General William „Wild Bill“ Donovan, der frühere Leiter des OSS.
Diese Protektion verschaffte Diem einen entscheidenden Vorteil: Im Jahr 1955 wurde er von den USA und den französischen Verbündeten als der geeignete Führer für das anti-kommunistische Südvietnam anerkannt. Am 25. Juni 1954 landete Diem in Saigon, um seine Macht zu konsolidieren. Trotz seiner mangelnden Popularität und der skeptischen Haltung der französischen Kolonialverwaltung gelang es ihm, Schritt für Schritt die Kontrolle zu festigen. Die französischen Machtzentren, wie die Armee und verschiedene Sekten, die große Teile des Mekong-Deltas kontrollierten, sowie die Mafia-Organisation Binh Xuyen in Saigon, waren zunächst Widerstände gegen seine Herrschaft. Es kam im Frühjahr 1955 zu heftigen Konflikten, bei denen Diem versuchte, diese Gruppen zu schwächen.
Der Machtkampf in Saigon: Diem gegen die Mächte des Chaos
Der amerikanische Sonderbotschafter in Saigon, General J. Lawton Collins, beobachtete die Entwicklung mit wachsendem Misstrauen. Er kritisierte die Korruption und die politische Instabilität der Diem-Regierung und war der Ansicht, dass diese Probleme die Verteidigungskraft Vietnams erheblich schwächten. Ende April 1955 reiste Collins nach Washington, um dort die US-Regierung auf die Unfähigkeit Diems hinzuweisen. Präsident Eisenhower war überzeugt, dass nur eine stärkere Unterstützung und eine Umstrukturierung der Machtverhältnisse den Fortbestand Diems sichern könnten. Gegen den Widerstand von Außenminister Dulles wurde beschlossen, Diem vorerst eine repräsentative Rolle zu geben, während die eigentliche Macht bei der Armee lag. Collins erhielt den Auftrag, nach einer Alternative zu Diem zu suchen.
Doch in einem entscheidenden Moment zeigte sich die Stärke des Premiers: Seine loyalen Truppen konnten einen Angriff der Binh Xuyen auf den Präsidentenpalast abwehren, und Diem nutzte die Gelegenheit, um mit Unterstützung der CIA und Lansdales Operationen die Sekten und kriminellen Organisationen in Saigon zu schwächen. Die CIA zahlte groß angelegte Schmiergelder an Sektenführer, um sie auf Diems Seite zu ziehen, und führte militärische Operationen gegen rivalisierende Gruppen durch. Innerhalb weniger Wochen war Diem die unangefochtene Macht in Südvietnam. Washington zeigte sich begeistert von seiner Durchsetzungsfähigkeit und seinem Willen, die Kontrolle zu übernehmen.
Machtkonsolidierung und die manipulative Wahl
Nur wenige Monate später, im Januar 1955, vollzog Diem eine letzte Machtprobe: Er ließ sich in einer von ihm kontrollierten Wahl zum Präsidenten der Republik Vietnam (RVN) küren. Die Wahl war eindeutig manipuliert: Die offiziellen Zahlen gaben ihm 98,5 Prozent der Stimmen, obwohl die tatsächliche Zustimmung vermutlich deutlich geringer war. Die Wahl wurde vor allem dazu genutzt, die Machtverhältnisse zu zementieren und die französische Kolonialherrschaft endgültig zu beenden. Die Wahlkampftaktik war durch Täuschung geprägt: Die Stimmzettel für Diem waren rot, was Glück symbolisierte, während die für Bao Dais Kandidaten grün waren, was Unglück signalisierte. Die Wahlbeteiligung war ebenfalls gefälscht: In Saigon wurden offiziell 405.000 Stimmen gezählt, tatsächlich sollen 605.000 Stimmen für Diem abgegeben worden sein.
Trotz der offensichtlichen Manipulationen reichte diese Wahl aus, um in Washington die Zustimmung für Diem zu festigen. Die amerikanische Regierung schätzte seine antikommunistische Haltung und seine Fähigkeit, autoritär zu regieren. Damit war der Grundstein gelegt, um die Teilung Vietnams zu festigen und weitere Schritte in Richtung einer gesamtvietnamesischen Lösung zu verhindern.
Die Ablehnung der gesamtvietnamesischen Wahlen und die Fortsetzung der Teilung
Die amerikanische Regierung sowie die Regierung in Saigon erklärten öffentlich, dass sie zwar freie Wahlen in ganz Vietnam anstrebten, doch in Wahrheit war die Ablehnung groß. Man befürchtete, dass bei einer gesamtvietnamesischen Wahl die Kommunisten unter Ho Chi Minh die Oberhand gewinnen könnten. Schließlich hatten die Kommunisten und die Viet Minh im Süden eine breite Unterstützung, insbesondere bei den bäuerlichen Massen. Die Befürchtung, dass eine Wahl zu einer kommunistischen Diktatur führen würde, war allgegenwärtig.
Hinter den Kulissen wurde befürwortet, die Teilung beizubehalten, weil man überzeugt war, dass die Beschlüsse der Genfer Konferenz nur eine temporäre Lösung darstellten. In diesem Klima begann in Südvietnam das sogenannte „Nation Building“ – der Versuch, einen stabilen Staat aufzubauen, der gegen den Kommunismus gewappnet war. Dieser Prozess sollte die Grundlage für den späteren Vietnamkrieg legen, bei dem die USA mit militärischer Unterstützung und politischen Einfluss auf beiden Seiten intervenierten. Die Teilung Vietnams wurde somit zwar formal akzeptiert, doch in der Realität fest verankert.













