Die Entwicklung der Menschenarten im Osten und Westen der Alten Welt

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Die Erforschung der menschlichen Stammesgeschichte hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht und unser Bild von der Vergangenheit grundlegend verändert. Neue Funde und genetische Analysen ermöglichen es, die Entwicklung verschiedener Menschenarten detaillierter nachzuvollziehen als je zuvor in der Wissenschaftsgeschichte. Besonders die Unterscheidung zwischen den im Osten und Westen der Alten Welt lebenden Gruppen steht dabei im Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Diese Betrachtungen werfen Licht auf die kulturellen und biologischen Unterschiede, die sich über Hunderttausende von Jahren herausgebildet haben. Im Folgenden wird die Entwicklung vom Homo erectus bis zum Neandertaler unter diesen Gesichtspunkten beleuchtet.

Die Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Affenmenschen

Doch haben sich die Bewohner von Zhoukoudian auch von den Affenmenschen unterschieden, die sich im Westen der Alten Welt entwickelten. Die ältesten Funde aus Europa wurden im Jahre 1994 in einer Kette von Höhlen bei Atapuerca in Spanien entdeckt. Diese Knochenreste sind etwa 800 000 Jahre alt und stammen somit ungefähr aus der Zeit, in der Homo erectus seine Boote bestiegen und Flores besiedelt haben könnte. In mancher Hinsicht waren die Funde aus Atapuerca denen in Zhoukoudian sehr ähnlich und wiesen parallele Merkmale auf. Viele Knochen sind kreuz und quer von Steinwerkzeugspuren überzogen, wie sie ähnlich auch ein Metzger bei der Zerlegung von Fleisch hinterlassen würde.

Die Entdeckung des Homo antecessor

Die Hinweise auf Kannibalismus eroberten damals die Schlagzeilen und sorgten für großes Aufsehen in der Öffentlichkeit. Die Paläoanthropologen fanden jedoch die Frage aufregender, was die Funde in Atapuerca genau von denen aus Zhoukoudian unterschied. Die Schädel aus Atapuerca hatten einen größeren Hohlraum für das Gehirn und wiesen dazu ziemlich modern geformte Nasenbeine und Wangenknochen auf. Die Forschenden schlossen daraus, dass eine neue Art entstanden war, die sie Homo antecessor oder Urmensch nannten. Diese Entdeckung half zu verstehen, was es mit einer Folge von Funden auf sich hatte, die seit 1907 gemacht worden waren.

Der Fund des Heidelbergmenschen

Damals hatten Arbeiter in einer Sandgrube in Deutschland einen merkwürdigen Unterkieferknochen gefunden und damit eine neue Spur gelegt. Diese Art wurde nach der nahe gelegenen Universitätsstadt Homo heidelbergensis oder Heidelbergmensch genannt und sorgte für Diskussionen. Sie sah Homo erectus sehr ähnlich, hatte allerdings einen Schädel, der mit hohen runden Schädelknochen dem unseren schon ähnlich war. Das Gehirnvolumen betrug rund 1000 Kubikzentimeter und war also deutlich größer als die durchschnittlich 800 Kubikzentimeter des Homo erectus. Wie es aussieht, hat sich das Tempo der evolutionären Veränderungen überall in der Alten Welt beschleunigt, nachdem der Affenmensch den kalten Norden erreicht hatte.

Die Beschleunigung der Evolution im Norden

Die Individuen waren nun mit völlig anderen klimatischen Verhältnissen konfrontiert, unter denen zufällige genetische Mutationen gute Chancen hatten, sich durchzusetzen. Dafür jedenfalls haben wir einige unstrittige Fakten, die die Entwicklungslinien klar trennen. Vor 600 000 Jahren, als Homo heidelbergensis die Bühne betrat und der Peking-Mensch in Zhoukoudian Herr im Hause war, gab es im Osten und im Westen der Alten Welt tatsächlich zwei definitiv unterschiedene Arten. Homo erectus war mit einem kleineren Gehirn im Osten vertreten, während im Westen Homo antecessor und Homo heidelbergensis mit größerem Gehirn ausgestattet waren. Wobei, was das Gehirn anbelangt, Größe nicht alles ist und nicht allein über die Fähigkeiten entscheidet.

Intelligenz und Werkzeugherstellung

Ein bekannter Schriftsteller hat den Nobelpreis für Literatur des Jahres 1921 mit einem Gehirn gewonnen, das nicht größer war als das des Homo heidelbergensis. Doch war dieser, wie es scheint, ein ganzes Stück geschickter und klüger als ältere Affenmenschen oder als sein Zeitgenosse Peking-Mensch. Bevor der Heidelbergmensch auftauchte, hatten sich die Steinwerkzeuge über eine Million Jahre kaum verändert und blieben sehr simpel. Um 500 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung jedoch fertigte Homo heidelbergensis dünnere und darum leichtere Exemplare und verbesserte die Technik. Ihm gelangen feinere Abschläge, weil er weiche Hämmer vermutlich aus Holz verwendete und nicht mehr nur Steine aufeinander schlug.

Die Planungsfähigkeit der neuen Art

Dem könnte eine bessere Koordination von Hand und Auge zugrunde gelegen haben, was die Präzision erhöhte. Die Gruppen des Homo heidelbergensis stellten sehr viel spezialisiertere Werkzeuge her und zeigten damit kognitive Fortschritte. Vor allem begannen sie, besonders geformte Kernsteine herzustellen, die als präparierte Rohlinge dienten. Aus diesen konnten dann nach Bedarf und Belieben diverse Werkzeuge geschlagen werden, was Flexibilität bot. Das kann nichts anderes heißen, als dass diese Art sehr viel besser als Homo erectus darüber nachdenken konnte, was sie von der Welt wollten.

Das Überleben nördlicher Breitengrade

Sie konnten auch besser planen, wie sich ihre Ziele erreichen ließen und welche Schritte nötig waren. Schon die Tatsache, dass der Heidelbergmensch bei Heidelberg hat überleben können, weit nördlich des 40. Breitengrads, deutet darauf hin, dass er viel geschickter war als ältere Affenmenschen. Die Bewohner Zhoukoudians haben sich zwischen 670 000 und 410 000 Jahren vor unserer Zeitrechnung wenig verändert und blieben statisch. Die westlichen Affenmenschen dagegen setzten in dieser Periode ihre Evolution fort und passten sich weiter an. Wenn man einige 100 Meter in die dunklen Höhlen beim spanischen Atapuerca hineinkriecht, meist auf dem Bauch, gelangt man an ein fast 13 Meter tiefes Loch.

Die Grube der Knochen in Atapuerca

Manchmal ist auch die Hilfe von Seilen nötig, um die tiefen Stellen zu erreichen und zu erforschen. Dieser Ort wird Sima de los Huesos oder Grube der Knochen genannt und ist von großer Bedeutung. Zu Recht, denn dort fand man die dichteste Konzentration von Relikten der Affenmenschen, die je entdeckt wurde und dokumentiert ist. Über 4000 Fragmente wurden seit den 1990er Jahren geborgen, die aus der Periode zwischen 600 000 und 564 000 Jahren vor unserer Zeitrechnung stammen. Die meisten Knochen gehören Jugendlichen oder jungen Erwachsenen und geben Einblick in die Demografie.

Die Klassifizierung der Funde

Was sie so tief unter der Erde getan haben, wird wohl ein Rätsel bleiben und die Forschenden vor Herausforderungen stellen. Doch Sima de los Huesos enthielt, wie auch ältere Ablagerungen in Atapuerca, Relikte erstaunlich unterschiedlicher Affenmenschen und Varianten. Die spanischen Ausgräber klassifizierten die meisten als Homo heidelbergensis und ordneten sie dieser Art zu. Viele ausländische Forscher halten sie eher für eine andere Spezies und identifizieren sie als Neandertaler. Diese berühmtesten aller Höhlenmenschen wurden 1856 in einem Steinbruch im Neandertal bei Düsseldorf entdeckt und bekannt.

Die erste Entdeckung im Neandertal

Dort fanden Arbeiter eine Schädelkappe und 15 weitere Knochen, die sie einem Lehrer präsentierten und zur Prüfung übergaben. Grabungen in den 1990er Jahren förderten weitere 62 Fragmente zutage und ergänzten das Bild. Der wiederum zeigte die Funde einem Anatomen, der sie mit erstaunlicher Zurückhaltung als prägermanisch einstufte. Die Funde von Atapuerca legen nahe, dass sich die Neandertaler im Zeitraum von einer Viertelmillion Jahren verbreiteten und ausbreiteten. Wahrscheinlich waren es weder Klimaveränderungen noch die Expansion in neue Lebensräume, die für Bedingungen gesorgt haben.

Die Ausbreitung der Neandertaler

Unter diesen Bedingungen konnten einige wenige Mutanten entstehen und den Heidelbergmenschen schließlich verdrängen. Es waren vielmehr reine Zufallsabweichungen im genetischen Bestand der Population, aufgrund derer sich viele unterschiedliche Arten von Affenmenschen nebeneinander entwickelt haben. Die klassischen Neandertaler erschienen vor 200 000 Jahren und verbreiteten sich in den folgenden 100 000 Jahren über den größten Teil Europas. Sie drangen bis hin nach Sibirien vor und besiedelten weite Teile des Kontinents. China oder Indonesien allerdings haben sie, soweit wir wissen, nicht erreicht und dort keine Spuren hinterlassen.

Der körperliche Vergleich mit dem Peking-Menschen

Wie sehr nun unterschieden sich Neandertaler von Peking-Menschen und wiesen welche Merkmale auf. Sie waren in der Regel etwa gleich groß wie die östlichen Affenmenschen und wiesen ähnliche Körpermaße auf. Sie sahen aber mit ihrer fliehenden Stirn und dem schwach ausgeprägten Kinn womöglich noch primitiver aus und wirkten robuster. Sie hatten große Schneidezähne, die häufig abgenutzt waren, weil sie als Werkzeug eingesetzt wurden und stark beansprucht waren. Eine hervortretende Gebisspartie und Nase prägten das Gesicht und verliehen ihnen eine charakteristische Erscheinung.

Anpassungen an das kalte Klima

Dabei wird die große Nase als Anpassung an die Kälte im eiszeitlichen Europa interpretiert und erklärt ihre Form. Neandertaler waren schwerer gebaut als Peking-Menschen und hatten eine massivere Konstitution. Sie hatten breitere Hüften und Schultern und waren körperlich sehr kräftig gebaut. Sie waren so stark wie Ringer und besaßen die Ausdauer von Marathonläufern. Sie waren wohl auch wilde Kämpfer und mussten sich gegen viele Feinde behaupten.

Verletzungsmuster und Lebensweise

Obwohl ihre Knochen schwerer waren als die der meisten Affenmenschen, zogen sich Neandertaler häufig Verletzungen zu und litten darunter. Die Muster ihrer Knochenbrüche entsprechen, um einen modernen Vergleich zu geben, denen professioneller Westernreiter und zeigen extreme Belastung. Weil es vor 100 000 Jahren, zu Zeiten der Neandertaler, jedoch keine bockenden Wildpferde gab, von denen sie hätten stürzen können, gehen Paläoanthropologen davon aus, dass sie sich ihre Verletzungen in Kämpfen zuzogen. Dies geschah in Kämpfen mit Artgenossen wie mit wilden Tieren und war Teil ihres Lebens. Neandertaler waren wilde Jäger und verließen sich auf ihre körperliche Kraft.

Ernährung und Kannibalismus

Analysen von Stickstoffisotopen in ihren Knochen haben ergeben, dass sie sich vor allem von Fleisch ernährten. Sie bezogen einen erstaunlich hohen Anteil ihres Proteinbedarfs aus fleischlicher Nahrung und waren spezialisiert. Archäologen hatten lange den Verdacht, dass die Neandertaler einen Teil ihres Bedarfs durch den Verzehr von Artgenossen deckten. So wie auch die Peking-Menschen praktizierten sie dies unter bestimmten Umständen. Funde, die in den 1990er Jahren in Frankreich gemacht wurden, bestätigten das inzwischen zweifelsfrei und lieferten Beweise.

Die Behandlung von Knochenresten

An dieser Fundstätte entdeckte man Knochen von einem halben Dutzend Neandertalern vermischt mit Knochen von fünf Rothirschen und anderen Tieren. Affenmenschen und Rotwild waren auf die gleiche Weise behandelt worden und zeigten keine Unterscheidung in der Verarbeitung. Zunächst wurden sie mit Steinwerkzeugen zerteilt und dann das Fleisch von den Knochen geschabt. Schließlich wurden die Schädel und die langen Röhrenknochen zerschmettert, um an Gehirn und Knochenmark zu gelangen. Nach den Details, die ich bislang aufgeführt habe, haben sich Neandertaler nicht sehr von Peking-Menschen unterschieden, doch ist dem noch einiges hinzuzufügen.

Die Gehirngröße und manuelle Geschicklichkeit

Zum einen hatten Neandertaler ein großes Gehirn, das größer selbst als unseres war und beachtliche Ausmaße hatte. Im Durchschnitt maßen sie 1520 gegenüber unseren durchschnittlich 1350 Kubikzentimetern und übertrafen uns somit. Sie hatten auch einen breiteren Neuralkanal als der Turkana-Boy und wiesen anatomische Besonderheiten auf. Die damit dickeren Nervenstränge des Rückenmarks verliehen ihnen größere manuelle Geschicklichkeit und Präzision. Ihre Steinwerkzeuge waren besser gearbeitet und vielfältiger als die des Peking-Menschen und zeigten Fortschritt.

Spezialisierte Werkzeuge und Jagdtechniken

Sie verfügten über spezialisierte Schaber, Klingen und Spitzen für verschiedene Aufgaben und Zwecke. Spuren von Teer an einer solchen Spitze, die im Hals eines Wildesels gefunden wurde, deuten darauf hin, dass es sich um eine Speerspitze gehandelt hat. Diese war an einem Holzspieß befestigt und diente der Jagd. Gebrauchsspuren an manchen Werkzeugen lassen erkennen, dass Neandertaler sie vor allem zur Holzbearbeitung verwendet haben und vielseitig waren. Holz zerfällt in der Regel und bleibt selten erhalten über lange Zeiträume.

Die Speere von Schöningen

In der Unterwasserfundstelle nahe dem niedersächsischen Schöningen aber wurden neben Knochenhaufen von Wildpferden auch vier wunderschön geschnitzte Speere geborgen. Diese waren zwei Meter lang und zeugen von hoher Handwerkskunst. Die Speere waren als Stoß- und nicht als Wurfwaffen austariert und für den Nahkampf gedacht. Die Neandertaler waren wohl geschickt, doch möglicherweise nicht koordiniert genug, um Wurfgeschosse einsetzen zu können. Die Notwendigkeit, sich bedrohlichen Tieren bis auf kurze Distanzen zu nähern, mag der Grund sein für die an Westernreiter erinnernden Verletzungen der Neandertaler.

Soziales Verhalten und Fürsorge

Es gibt aber auch Funde, so wie die aus der Shanidar-Höhle im Norden des Irak, die auf ganz andere Eigenschaften verweisen und Empathie zeigen. Eines der Skelette gehörte einem Mann, der trotz seiner deformierten Beine und obwohl er einen Unterarm und das linke Auge verloren hatte, noch Jahre überlebt hat. Nach diesem Fund hat eine Autorin den verkrüppelten spirituellen Führer einer Gruppe Neandertaler auf der Krim geschildert. Eine Figur eines bekannten Romans zeigte diese Situation eindrücklich. Ein anderer Mann aus Shanidar litt an einer arthritischen Versteifung des rechten Knöchels, doch auch er hat sich offenbar so lange durchgeschlagen.

Das Überleben behinderter Individuen

Bis ihn eine Stichwunde tötete und sein Leben beendete. Dass sie über größere Gehirne verfügten, hat es den Schwachen und Verkrüppelten zweifellos erleichtert, für sich zu sorgen und zu überleben. Neandertaler konnten mit Gewissheit Feuer anzünden und wahrscheinlich auch aus Tierhäuten Kleidung fertigen und sich schützen. Und dennoch ist schwer vorstellbar, dass die beiden Männer aus Shanidar ohne die Hilfe gesunder Gefährten oder Familienmitglieder zurechtgekommen sind. Selbst die nüchternsten Wissenschaftler gehen davon aus, dass Neandertaler etwas zeigen, das wir nur als Menschlichkeit bezeichnen können.

Die Frage der Sprachfähigkeit

Anders als ältere Arten der Gattung Homo und anders auch als ihre Zeitgenossen in Zhoukoudian zeigten sie soziales Verhalten. Einige Paläoanthropologen sind sogar der Auffassung, dass es das große Gehirn und der weite Neuralkanal den Neandertalern erlaubten, in etwa so zu sprechen, wie wir das tun. Wie moderne Menschen verfügten sie bereits über das bewegliche Zungenbein, an dem der Kehlkopf aufgehängt ist. Das erleichtert die Funktionen des Sprechens, Schluckens und Atmens und ermöglicht Kommunikation. Andere Wissenschaftler widersprechen dem und sehen die Anatomie kritischer.

Anatomische Grenzen der Sprache

Das Neandertalergehirn sei zwar groß, aber auch länger und flacher gewesen als unseres und anders geformt. Darum waren wohl auch die Sprachzentren weniger ausgeprägt und weniger effektiv. Man müsse, selbst wenn dies nur von drei erhaltenen Schädeln bestätigt werde, davon ausgehen, dass der Kehlkopf bei Neandertalern sehr weit oben im Hals gesessen habe. Sodass sie trotz ihres Zungenbeins wohl nur ein begrenztes Spektrum an Tönen erzeugen konnten. Vielleicht konnten sie einzelne Silben hervorbringen und einfache Laute formen.

Kommunikation durch Gesten und Töne

Wir könnten hier von einer einfachen Vorstellung sprechen, bei dem nur grundlegende Begriffe ausgetauscht wurden. Möglicherweise konnten sie auch wichtige Gedanken äußern und sich verständigen. Dazu aber werden sie Gesten und Töne miteinander kombiniert haben, um die Bedeutung zu verstärken. So wie eine Sippe im bereits erwähnten Roman den Neandertalern eine entwickelte Zeichensprache zuschreibt, könnte es gewesen sein. Im Jahr 2001 sah es so aus, als könne die Genetik Licht in diese Angelegenheit bringen und Klarheit schaffen.

Die Entdeckung des FOXP2-Gens

Wissenschaftler fanden heraus, dass in einer britischen Familie, deren Mitglieder über drei Generationen hinweg an einer Sprachstörung gelitten hatten, auch eine Mutation des Gens FOXP2 vorkam. Diese verbale Entwicklungsdyspraxie wurde mit dem Gen in Verbindung gebracht. Dieses Gen verschlüsselt ein Protein, das die Hirnaktivitäten beim Reden und Sprechen beeinflusst und steuert. Allerdings bedeutet das nicht, dass FOXP2 das Sprachgen ist und allein verantwortlich wäre. Das Sprechen ist ein unendlich komplexer Prozess, an dem zahllose Gene beteiligt sind.

Die Komplexität der Sprachgenetik

Von deren Zusammenwirken wir noch keine Ahnung haben und das erst erforscht werden muss. FOXP2 fiel den Wissenschaftlern auf, weil manchmal nur ein Glied in einer Kette fehlerhaft sein muss, um das ganze Gefüge zusammenbrechen zu lassen. Eine Maus zerbeißt ein Kabel, und schon springt mein Auto nicht an, so ähnlich verhält es sich hier. So können sich Funktionsstörungen von FOXP2 und die komplizierten Sprachnetzwerke des Gehirns verhaken und Probleme verursachen. Wie auch immer, einige Archäologen vermuten, dass zufällige Mutationen, die FOXP2 und verwandte Gene hervorbrachten, den modernen Menschen sprachliche Fähigkeiten verschafft haben.

Die Sequenzierung des Neandertaler-Erbguts

Diese Fähigkeiten fehlten früheren Arten, die Neandertaler einbegriffen, und entwickelten sich erst später. Dann aber wurde die Sache interessant und nahm eine neue Wendung. Wie heute jeder weiß, ist die Desoxyribonukleinsäure der Grundbaustein des Lebens und trägt die Erbinformation. Es ist Genetikern im Jahr 2000 gelungen, das menschliche Erbgut zu sequenzieren und zu entschlüsseln. Weniger bekannt ist, dass Wissenschaftler in Leipzig bereits 1997 aus dem Armknochen jenes Neandertalerskeletts, das 1856 bei Düsseldorf gefunden wurde, die uralte Desoxyribonukleinsäure extrahieren konnten.

Die Herausforderungen der DNA-Analyse

Dies war eine außerordentliche Leistung, denn Desoxyribonukleinsäure-Ketten beginnen bereits kurz nach dem Tod zu zerbrechen. Weshalb in derart altem Material nur kleinste Fragmente überdauern und analysiert werden können. Die Leipziger Arbeitsgruppe hatte gewiss nicht im Sinn, Höhlenmenschen zu klonen und eine Neandertaler-Einrichtung zu eröffnen. Doch zwischen 2007 und 2009 wurde auch das Erbgut des Neandertalers sequenziert und vollständig entschlüsselt. Das wiederum führte zu einer bemerkenswerten Erkenntnis und überraschte die Fachwelt.

Das FOXP2-Gen bei Neandertalern

Schon die Neandertaler hatten das Gen FOXP2, was zuvor bezweifelt wurde und nun widerlegt ist. Möglicherweise also waren die Neandertaler nicht weniger mitteilungsfreudig als wir und konnten sich gut verständigen. Es könnte aber auch sein, dass FOXP2 gar nicht der Schlüssel zu Sprachfähigkeit und -verständnis ist und andere Faktoren zählen. Eines Tages werden wir das wohl wissen und mehr Klarheit haben. Derzeit aber können wir nur die materiellen Spuren untersuchen, die die Neandertaler hinterließen und hinterlassen haben.

Soziale Strukturen und Bestattungen

Sie lebten in größeren Gruppen als frühere Formen von Affenmenschen und waren sozialer organisiert. Sie jagten effektiver und waren erfolgreicher bei der Nahrungsbeschaffung. Sie besetzten Territorien für längere Perioden und blieben sesshafter. Sie kümmerten sich umeinander, wie dies früheren Affenmenschen nicht möglich war und sie übertraf. Sie haben auch einige ihrer Toten ganz sorgfältig begraben und zeigten Pietät.

Hinweise auf spirituelles Leben

Haben über ihren Toten vielleicht sogar Rituale vollzogen und Zeremonien abgehalten. Dies sind die frühesten Hinweise auf die menschlichste aller Fähigkeiten, auf ein spirituelles Leben. Wenn wir die Funde denn richtig interpretieren und nicht falsch deuten. In Shanidar zum Beispiel sind einige Körper definitiv bestattet worden und in die Erde gelegt. Die Erde in einem der Gräber enthielt Pollen in hoher Konzentration und deutet auf Pflanzen hin.

Die Deutung der Pollenfunde

Was bedeuten könnte, dass einige Neandertalergruppen den Körper eines geliebten Toten auf Frühlingsblumen betteten und schmückten. Weniger romantisch ist der Hinweis anderer Archäologen, die eine andere Erklärung bieten. Die Grabstätte sei durchzogen von Rattengängen und von Tieren genutzt. Ratten schleppten häufig Blumen in ihre Verstecke und hinterließen die Pollen. In einem anderen Fall, am Monte Circeo bei Rom, haben Bauarbeiter 1939 ein Grab entdeckt.

Weitere Grabfunde und Zweifel

Das 50 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung von einem Felssturz verschüttet worden war und konserviert wurde. Sie erzählten den Archäologen, dass ein Neandertalerschädel mitten in einem Kreis von Steinen auf dem Boden gelegen habe. Doch hatten sie den Schädel zuvor bereits bewegt, was viele Wissenschaftler an ihrem Bericht zweifeln ließ. Zuletzt ist da noch Teschik-Tasch in Usbekistan und ein weiterer Fundort. Dort fand ein berühmter Forscher das Skelett eines Jungen, um das, wie er berichtet hat, fünf oder sechs Paar Wildziegenhörner gelegt worden waren.

Die Notwendigkeit weiterer Beweise

Allerdings hat dieser Forscher weder Lageskizzen noch Fotografien präsentiert, um Skeptiker davon zu überzeugen. Dass die Hörner ein bedeutungsvolles Muster bildeten und Absicht waren. Wir brauchen eindeutigere Beweise, bevor wir diese Frage ad acta legen können und abschließen. Ich selbst gehe davon aus, dass es keinen Rauch ohne Feuer gibt und die Indizien sprechen. Die Neandertaler kannten insofern bestimmt eine gewisse Form spirituellen Lebens und Glaubens.

Mögliche Schamanen und Heilkundige

Möglicherweise gab es unter ihnen Heilkundige und Schamanen wie Figuren aus bekannten Geschichten. Wie dem auch sein mag, könnte die Zeitmaschine, von der ich bereits sprach, einen von uns nach Shanidar und auch nach Zhoukoudian expedieren. Wir würden wirkliche Unterschiede im Verhalten zwischen den Peking-Menschen im Osten und den Neandertalern im Westen beobachten können. Und nur mit einiger Mühe könnten wir uns vor dem Gedanken hüten, dass der Westen damals entwickelter war als der Osten. Dies könnte bereits 1,6 Millionen Jahre früher so gewesen sein, als sich die Trennlinie herausbildete.

Die Gefahr rassistischer Interpretationen

100 000 Jahre später war es unzweifelhaft so und der Unterschied deutlich. Wieder hebt das Gespenst der rassistischen Theorie langfristiger Determiniertheit sein Haupt und meldet sich. Beherrscht der Westen die Welt, weil die heutigen Europäer als Erben von den genetisch überlegenen Neandertalern abstammen. Die Asiaten dagegen vom primitiveren Homo erectus und dessen Nachfahren. Diese Frage bleibt offen und mahnt zur Vorsicht bei Interpretationen.