Die Folgen der Genfer Vereinbarungen und die Haltung der vietnamesischen Bevölkerung
Screenshot youtube.comTrotz der internationalen Bemühungen und der Verabschiedung der sogenannten Genfer Abkommen, die 1954 den Krieg zwischen Frankreich und den vietnamesischen Unabhängigkeitsbewegungen beendeten, konnten diese Abkommen die tief verwurzelten Überzeugungen der vietnamesischen Bevölkerung wenig beeinflussen. Die Mehrheit der Vietnamesen, sowohl in Nord- als auch in Südvietnam, behielt ihre Überzeugung bei, dass Ho Chi Minh und die Viet Minh die eigentlichen Befreier vom französischen Kolonialregime seien und die wahren Helden der nationalen Unabhängigkeit. Für die breite Masse bedeutete dieser Konflikt, dass die persönliche und kollektive Identität eng mit dem Widerstand gegen die Kolonialmacht verbunden war. Die Idee, Vietnam dauerhaft geteilt zu belassen, war für die meisten Vietnamesen emotional kaum erträglich und wurde als schwere Verletzung ihrer nationalen Selbstbestimmung empfunden, die sie nur widerwillig akzeptierten.
Der damalige Präsident Ngo Dinh Diem, der 1955 die Macht im Süden antrat, stand vor der schwierigen Aufgabe, das Land zu stabilisieren. Er war jedoch fest davon überzeugt, dass eine Wiedervereinigung nur durch seine autoritäre Herrschaft und die Unterdrückung aller oppositionellen Kräfte möglich sei. Daher lehnte er die für Juli 1956 geplanten nationalen Wahlen kategorisch ab, da er befürchtete, bei einer freien Abstimmung die Macht zu verlieren. Seine brutale Politik gegen die im Süden verbliebenen ehemaligen Mitglieder der Viet Minh sowie gegen jede Form politischer Opposition zeigte deutlich, dass er nur unter einer Bedingung eine Vereinigung des Landes akzeptieren würde: wenn das vietnamesische Volk vollständig in den Dienst seiner Herrschaft gestellt würde.
Der Widerstand formiert sich: Ursachen und erste Entwicklungen
Die Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung, verbunden mit tiefen nationalen Sehnsüchten, führte 1958 zu einem bewaffneten Widerstand gegen das Diem-Regime. Dieser Widerstand wurde durch die zunehmende Verfolgung der ehemaligen Viet Minh und der kommunistischen Organisationen im Süden sowie durch die Unterdrückung aller oppositionellen Bewegungen verstärkt. Die meisten Anhänger der kommunistischen Partei, der sogenannten Lao Dong, die sich vor den Repressionen in den Untergrund zurückgezogen hatten, standen vor der Aufgabe, ihre Strukturen aufrechtzuerhalten und den Widerstand weiterzuführen.
Das Regime in Saigon war trotz aller Repressionen nicht in der Lage, alle ehemaligen Viet Minh-Anhänger zu erfassen oder die kommunistischen Organisationen im Süden vollständig zu zerschlagen. Tausende von Oppositionellen wurden durch die Schergen Diems ermordet, während die meisten Überlebenden in die Berge und schwer zugängliche Gebiete flüchteten, um den Verfolgungen zu entkommen. Diese Entwicklung führte dazu, dass sich die Lage im Süden zunehmend zuspitzte: Der Druck auf Hanoi, die Hauptstadt des Nordens, wuchs erheblich.
Im März 1956 meldete sich Le Duan, der damalige Sekretär des Zentralkomitees für Südvietnam, öffentlich zu Wort. Er kritisierte die Politik Hanois scharf, da diese den politischen Kampf und die Friedenslösung als vorrangige Mittel ansah. Stattdessen forderte er, den bewaffneten Widerstand zu intensivieren. Seine Einschätzung war, dass nur durch militärische Gewalt eine Vereinigung Vietnams erreicht werden könne. Trotz seiner Argumente konnte sich Le Duan zunächst nicht durchsetzen, da die internationale Öffentlichkeit und die Führung in Hanoi den Weg der politischen Lösung und die Wahlen im Süden priorisierten. Die Hoffnung auf eine friedliche Vereinigung durch demokratische Wahlen blieb bestehen, während im Norden bereits der Aufbau des Sozialismus vorangetrieben wurde.
Die Entwicklung des bewaffneten Widerstands im Süden
In den späten 1950er Jahren formierte sich aus sporadischen Übergriffen und unkoordinierten Aktionen eine zunehmend organisierte Guerillabewegung. Diese bestand zunächst aus unzufriedenen Bauern, die auf Aufhetzung und Überredung hin zu militanten Aktionen griffen. Die CIA schätzte, dass bis Anfang 1958 bereits etwa 1.700 Guerillas im Süden aktiv waren. Unter dem Motto „Verräter ausmerzen“ führte die Bewegung eine Terrorstrategie, die gezielt gegen Beamte und politische Funktionäre gerichtet war, um die Stabilität des Diem-Regimes zu untergraben.
Zunächst konzentrierte sich die Guerilla-Tätigkeit auf die Grenzregionen zu Kambodscha, da dort die Überreste der Viet Minh und Anhänger der Sekten wie Cao Dai und Hoa Hao in den Bergen Zuflucht gefunden hatten. Besonders die sogenannten „Montagnards“, ethnische Minderheiten in den Hochregionen, waren zu erbitterten Gegnern Diems geworden. Dies lag vor allem daran, dass der Präsident Teile ihres Landes für die Ansiedlung von Küstenbewohnern und Katholiken aus dem Norden freigegeben hatte, was die Spannungen weiter verschärfte.
Die Terrorwelle forderte in den folgenden Jahren immer mehr Opfer. Im Jahr 1958 wurden 193 Menschen bei Anschlägen ermordet, 1959 bereits 233, und in den ersten Monaten der 1960er Jahre stieg die Zahl der Opfer auf 780. Die Welle der Hinrichtungen und Anschläge führte zu einer dramatischen Erosion der staatlichen Autorität. Während die Armee (ARVN) noch zuvor unbehelligt im Land unterwegs war und gezielt gegen Kommunisten sowie Oppositionelle vorging, wandelte sich dieses Bild in vielen Provinzen: Die Verfolger wurden selbst zu Verfolgten. Mit jedem weiteren Anschlag sank die Autorität des Staates weiter, so dass ab 1959 das Regime in einer immer stärkeren Defensive war.
Strategiewechsel in Hanoi und die Eskalation des Konflikts
Im Januar 1959 änderte die Führung in Hanoi ihre Strategie grundlegend. Auf Druck aus dem Süden, der immer stärker wurde, autorisierte die kommunistische Führung den Einsatz bewaffneter Kämpfer gegen die Regierung in Saigon. Im Verlauf des Jahres 1960 sickerten rund 4.500 kommunistische Guerillas aus dem Norden in die südlichen Regionen ein, um den Kampf direkt vor Ort aufzunehmen. Dabei kam es erstmals zu größeren Gefechten zwischen den Guerillagruppen und den regulären Streitkräften der südvietnamesischen Regierung. Ein Beispiel dafür waren die heftigen Kämpfe im September 1960 in einem Waldgebiet, das nur etwa fünfzig Kilometer nordöstlich von Saigon lag.
Auf der politischen Ebene formierte sich ebenfalls ein Widerstand gegen Diem. Im März 1960 trafen sich ehemalige Führer der Viet Minh, kommunistische Aktivisten, Anhänger der Sekten wie Buddhisten, Cao Dai sowie Hoa Hao, und einige katholische Persönlichkeiten, um einen bewaffneten Kampf und die Bildung einer breiten Koalition im Süden zu fordern. Im September desselben Jahres schloss sich Hanoi offiziell der Forderung nach einer politischen Bewegung an. Diese Entwicklung führte zur Gründung der sogenannten „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams“ – kurz: NLF.
Am 20. Dezember 1960 verkündete die NLF, von einer geheimen Basis in der Nähe Saigons aus operierend, ein Programm, das gezielt die breite Bevölkerung ansprechen sollte. Dieses Programm wurde bis zum Zusammenbruch des südvietnamesischen Regimes im April 1975 nicht wesentlich verändert. Die Kernforderungen der NLF waren der Sturz Diems, die Förderung der heimischen Wirtschaft, die Reduzierung ausländischer Importe, die Senkung der Pachtgebühren, eine gerechte Landverteilung, die Gleichheit aller Geschlechter, Ethnien und Religionen, eine neutrale Außenpolitik sowie das Ende der amerikanischen Beratungstätigkeit. Die Bewegung forderte zudem die Wiederaufnahme normaler diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden vietnamesischen Zonen, da Diem den Postverkehr zwischen Nord- und Südvietnam selbst unterbunden hatte.
Die breite Koalition der NLF und ihre vielfältigen Hintergründe
Oft wurde die NLF mit der kommunistischen Bewegung gleichgesetzt, was jedoch die heterogene Zusammensetzung der Organisation nur unzureichend widerspiegelte. Zwar übten die Kommunisten aus dem Süden und die Führung in Hanoi einen erheblichen Einfluss auf die Bewegung aus, doch in der NLF waren auch zahlreiche religiöse Gruppen, Sekten, Vertreter der bürgerlichen Opposition, Intellektuelle und Katholiken vertreten. Es handelte sich somit um eine breite Koalition, die bis 1968 durchaus eigenständig agierte und eigene Ziele verfolgte.
Regionale Besonderheiten trugen dazu bei, den spezifischen Charakter der Bewegung zu unterstreichen. In Gebieten, in denen die Sekten traditionell großen Einfluss hatten, waren die Cao Dai und Hoa Hao besonders bedeutend. Dagegen waren die kommunistischen Kräfte in den Provinzen stark, die schon seit den vierziger Jahren unter vietnamesischer Kontrolle standen. Die Legitimation und die Unterstützung für die NLF sowie ihre Volksbefreiungsarmee, die von Diem als „Vietcong“ bezeichnet wurde, stammten aus mehreren Quellen. Sie galten als Nachfolgeorganisationen der ursprünglichen Viet Minh, die im Kampf gegen die französische Kolonialmacht große Erfolge erzielt hatten.
Der Kampf für eine vereinte Nation
Alle diese Gruppen vereinte das Ziel: der Kampf gegen die Regierung in Saigon und ihre amerikanischen Berater. Die NLF forderte eine umfassende Landreform, die den Namen auch verdiente, und trat entschieden für die Einheit Vietnams ein. Sie lehnte die Teilung des Landes ab und strebte eine geeinte, unabhängige Nation an, die auf demokratischen Prinzipien basierte. Damit wurde sie zu einer bedeutenden Kraft im Widerstand gegen das Regime in Südvietnam, das sich immer stärker in der Defensive sah und die Gefahr eines Bürgerkriegs wuchs stetig.














