Wenn Kitsch und Prinzipien aufeinandertreffen: Ein Blick in den Büroalltag

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Der Büroalltag ist oft geprägt von kleinen Ritualen, Eigenheiten und Persönlichkeiten, die sich im Laufe der Jahre in die Unternehmenskultur eingewoben haben. Einige dieser Eigenarten erscheinen auf den ersten Blick belanglos oder sogar nervig, doch sie spiegeln meist tiefere soziale Dynamiken wider. Dieses Stück erzählt von einer Kollegin, ihrer unermüdlichen Begeisterung für Geburtstagsaktionen, und von einem Kollegen, der sich immer wieder aufs Neue gegen den Kitsch und die Zwänge wehrt. Die Handlung spielt in der Lausitz, einem landschaftlich reizvollen Gebiet, das geprägt ist von Traditionen, die manchmal im Widerspruch zu modernen Erwartungen stehen. Hier, in einem typischen Büro, entfaltet sich eine Geschichte, die die Konflikte zwischen Prinzipientreue und gesellschaftlichem Druck auf humorvolle und nachdenkliche Weise schildert. Es ist eine Geschichte über das Verstehen, das Ablehnen und letztlich das Loslassen von gesellschaftlichen Zwängen, die im Alltag oft viel zu viel Raum einnehmen.

Das Alltagsbild einer kleinen, eifrigen Kollegin

Vermutlich gibt es in jedem Büro eine Person, die ähnlich tickt wie unsere Kollegin. Vielleicht trägt sie einen anderen Namen und arbeitet in einer anderen Stadt, doch die Grundzüge ihrer Persönlichkeit sind überall dieselben. Diese Kollegin ist klein, stets bemüht, alles richtig zu machen, und eifrig bei der Sache. Man kann sich gut vorstellen, dass sie schon in der Schulzeit aufmerksam in der ersten Reihe saß, immer bestrebt, alles genau zu verfolgen. Sie ist nicht unsympathisch, auch kein schlechter Mensch, doch es verbindet nichts Besonderes zwischen ihr und den anderen. Es ist eine Art ungeschriebene Regel: Einmal letzte Reihe, immer letzte Reihe. Diese Haltung begleitet sie durch ihr Berufsleben, auch wenn sie heute im Büro arbeitet und keine Schulbank mehr drücken muss. Mit dem gleichen Eifer, den sie früher beim Tafeldienst zeigte, ist sie jetzt dabei, die Geburtstage aller Kolleginnen und Kollegen akribisch in eine Excel-Tabelle einzutragen, diese regelmäßig zu aktualisieren und eine Woche vor dem jeweiligen Ehrentag aktiv zu werden. Es ist fast schon eine kleine Zeremonie geworden, bei der sie zuerst mit einem eigens angeschafften kleinen Sparschwein durch die Büros streift, alle abklappert und um Spenden bittet. Dabei sieht sie auch im Stillen Örtchen nach, falls jemand sich dort verstecken möchte, um der Spendensammlung zu entgehen. Einige Tage später läuft sie dann erneut durch die Büros, diesmal mit einer großen Glückwunschkarte, auf der meist etwas Lustiges geschrieben steht. Obwohl meistens bereits vorne auf der Karte etwas Lustiges steht, wie zum Beispiel: „Ich bin nicht 40!“, oder „Ich bin 18 mit 22 Jahren Erfahrung!“, was immer wieder für ein Schmunzeln sorgt. Diese Karte wird am Ehrentag auf den Schreibtisch des Kollegen gelegt, begleitet von einem Geschenk, das meistens so scheußlich ist, dass man kaum glauben kann, wo sie all die kuriosen Sachen herbekommt. Aufblasbare Torten, Einhorn-Plüsch-Hausschuhe oder eine Plastikpistole, in die man Tesafilm einlegen kann – all das hat sie schon besorgt.

Der unermüdliche Einsatz bei allen Anlässen im Büro

Doch diese Kollegin ist nicht nur bei Geburtstagen aktiv. Sie läuft auch ihre Runden, wenn es um andere Anlässe geht: Wenn Karins Kinder eingeschult werden, der Hausmeister in den Ruhestand verabschiedet wird, Pia in eine andere Agentur wechselt oder Ansgar im Krankenhaus liegt, weil er beim Skifahren über eine Schanze gesprungen ist und sich überschlagen hat – was er mit einer gehörigen Portion Dummheit getan hat. Es ist eine endlose Schleife aus Einstands-, Ausstands-, Kranken-, Weihnachtsgeschenken, die durch das Büro rollt. Für denjenigen, der diese Aktionen erlebt, ist es fast schon wie eine Dauerschleife, die nie zu enden scheint. Für mich persönlich ist dieses Kitsch-Feuerwerk fast schon der reinste Albtraum geworden. Ich hatte schon einmal den Gedanken, bei einem Unfall tödlich zu verunglücken, doch das Absurde daran ist nicht einmal der Umstand, dass ich dann tot bin, sondern vielmehr, dass bei meiner Beerdigung die gesamte Belegschaft anwesend ist und Mechthild den Kranz in Auftrag gegeben hat. Das zeigt, wie tief die Kitsch-Mentalität in unserem Büro verwurzelt ist, und wie sehr solche Aktionen schon fast zur Norm geworden sind.

Geburtstagsfeiern – Freude oder lästige Pflicht?

Ich hege grundsätzlich keine Ablehnung gegenüber Geburtstagsfeiern im Allgemeinen. Die Kollegin, die wir liebevoll Drösel nennen, hat zum Beispiel am fünften März Geburtstag. Für sie backe ich gerne einen selbstgemachten Kuchen, einen Nusskuchen mit Schokoglasur, den sie sehr mag. Es ist ein kleines Geschenk, das beiden Seiten Freude bereitet: Sie freut sich über den Kuchen, und ich freue mich, weil ich ihr eine kleine Freude machen konnte. Doch im Gegensatz dazu steht die sogenannte Kolleginnen- und Kollegen-Feier, bei der meistens nur Kitsch, schlechte Witze und billige Geschenke auf den Tisch kommen. Diese Aktionen sind für mich kaum mehr als eine lästige Pflicht, die nur Ärger und Kitsch produzieren. Es bringt nichts, sich mit solchen Aktionen zu belasten, weil sie letztlich nur unnötige Energie kosten und niemandem wirklich helfen. Deshalb habe ich für mich beschlossen, bei diesem Kram nicht mehr mitzumachen. Das Einzige, was mich bisher immer wieder davon abgehalten hat, ist die Angst vor Mechthild, vor dem, was sie denkt, wenn ich sage, dass ich nicht mehr bei den Spenden mitmachen will, oder vor ihrer Reaktion, wenn mein Name nicht auf der nächsten, geschmacklosen Glückwunschkarte steht. Doch in Wahrheit ist mir das inzwischen ziemlich egal geworden. Es ist eine Art Befreiung, sich diesem Druck zu entziehen.

Das Gespräch im Flur und die innere Entscheidung

Dieses Gefühl zeigt sich deutlich in dem Moment, wenn Mechthild vor mir steht, ihr Sparschwein vor die Brust hält und murmelt: „… Kollege blabla, … Führerscheinprüfung blabla … etwas Lustiges bla …“. Es ist erstaunlich, wie unangenehm es trotzdem ist, solche Dinge auszusprechen, obwohl mein Verstand genau weiß, dass es der richtige Moment wäre, ehrlich zu sein. Ich will ihr sagen: „Mechthild, ich mache das nicht mehr mit dem Geld geben.“ Doch die Worte bleiben im Hals stecken. Stattdessen schiebe ich nach: „Es ist, ähm…“, und während ich das sage, denke ich mir insgeheim, dass ich mir vielleicht einen cleveren Spruch hätte überlegen sollen. Schließlich fällt mir dann die Formulierung: „Es ist etwas Prinzipielles.“ Das klingt zwar nach einer Ausrede, doch es zeigt Wirkung. Mechthild wirkt irritiert, akzeptiert aber sofort: „Oh, achso. Ja nee, dann ist klar, tschüssi…“, und sucht das Weite. Es ist, als hätte ich ihr klargemacht, dass meine Überzeugung gegen das Sammeln von Sparschweinen und das Schreiben von Glückwunschkarten spricht. Manchmal frage ich mich, ob sie überhaupt glaubt, dass ich verrückt bin. Doch das ist mir ziemlich egal. Es ist eine kleine Befreiung, sich gegen den Kitsch und den Druck zu stellen.

Der Blick in die Küche und die Freiheit, sich nichts aufzwingen zu lassen

Beim nächsten Treffen in der Küche steht Mechthild wieder mit ihrem Sparschwein und kassiert ab. Zwei Kollegen aus der Grafik sitzen neben mir bei der Kaffeezubereitung. Als sie mich nur grüßt und dann weiterzieht, schauen mich die beiden schräg an. In ihren Blicken liegt keine Missbilligung, keine Missstimmung, nicht einmal Verwunderung. Es ist nur eine Spur von Neid auf die Gelassenheit, mit der ich mich dem Kitsch verweigere. Das Tolle daran, sich alles Mögliche am Arsch vorbeigehen zu lassen, ist, dass man sich danach wie der König der Currywurst fühlt. Diese innere Freiheit, die dadurch entsteht, ist unbezahlbar. Kleine Schuldgefühle, etwa wegen der Führerscheinprüfungs-Geschenke oder anderer Übertreibungen, lassen sich im Nachhinein ganz einfach vorbeigehen. Es ist schließlich nur Kram, der niemandem wirklich hilft. Wir sind die Champions, mein Freund, und manchmal braucht es nur den Mut, sich gegen den ganzen Kitsch und die Zwänge zu stellen, um wieder ruhig schlafen zu können. Es ist eine kleine Revolution im Alltag, die einem das Gefühl gibt, tatsächlich noch Herr seiner Entscheidungen zu sein, auch in einer Welt voller Kitsch und Verpflichtungen.