Die Entwicklung des internationalen Heroinhandels: Von der Türkei nach Marseille und darüber hinaus

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Der globale Drogenhandel hat im Laufe der Jahrzehnte immer wieder neue Routen und Strukturen hervorgebracht, die sich den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen anpassen. Besonders im Bereich des Heroinhandels gab es Phasen, in denen bestimmte Transitwege, Produktionszentren und kriminelle Netzwerke die Dominanz innehatten. Eine dieser bedeutenden Phasen war die jahrzehntelange Vorherrschaft der Route Türkei–Italien–USA, die den internationalen Heroinhandel maßgeblich prägte. Doch im Zuge der 1950er Jahre kam es zu bedeutenden Umbrüchen und Neuordnungen, die den Handel in eine neue Phase führten. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Entwicklungen, die Hintergründe und die Akteure, die den internationalen Heroinmarkt in jener Zeit maßgeblich beeinflusst haben.

Die alte Heroinroute: Türkei–Italien–USA als dominierende Transportroute

Für mehr als zwanzig Jahre war die Route, die den Herointransport von der Türkei über Italien in die Vereinigten Staaten leitete, die zentrale Achse des internationalen Drogenhandels. Diese Route war geprägt von einem komplexen Netzwerk aus Schmugglern, kriminellen Organisationen und internationalen Kontakten, die es ermöglichten, große Mengen an Heroin effizient und relativ ungestört in die USA zu bringen. Die Türkei fungierte dabei hauptsächlich als Ausgangspunkt, von wo das Heroin durch den Mittelmeerraum nach Italien geschmuggelt wurde. Von dort aus wurde es in die Vereinigten Staaten exportiert, was den Handel zu einem der lukrativsten und gefährlichsten Geschäftsfelder jener Zeit machte.

Dieses System war über Jahre hinweg stabil, weil es auf bewährten Wegen, etablierten Schmugglernetzwerken und einer engen Zusammenarbeit zwischen kriminellen Organisationen basierte. Die Polizei und die internationalen Behörden versuchten immer wieder, diese Routen zu unterbrechen, doch das Netzwerk war zu gut verankert und durchlässig. Die Kontrolle der Meeres- und Flughäfen sowie die Zusammenarbeit der Organisierten Kriminalität machten es nahezu unmöglich, das System dauerhaft zu zerschlagen.

Der Wendepunkt: Die Abkehr der sizilianischen Mafia und die Verlagerung nach Marseille

In den frühen 1950er Jahren kam es jedoch zu einer entscheidenden Veränderung im Gefüge des Heroinhandels. Die sizilianische Mafia, die lange Zeit eine Schlüsselrolle in der Heroinproduktion und im Schmuggel spielte, stellte die Produktion des Rauschgifts vollständig ein. Stattdessen begannen die Mafia-Kreise, ihre Aktivitäten auf den korsischen Raum und die dortigen kriminellen Netzwerke zu verlagern. Für diese Abkehr gab es mehrere Beweggründe.

Ein zentraler Grund lag darin, dass die legale Heroinherstellung durch die Arzneimittelfirma Schiaparelli in den Jahren 1950 und 1951 stark eingeschränkt wurde. Diese Produktion war bisher die wichtigste legale Quelle für Heroin, und ihre Einstellung zwang die Organisationen, neue Bezugsquellen zu suchen. Luciano, eine der führenden Figuren im organisierten Verbrechen, stand vor der Wahl, eigene Labore aufzubauen oder alternative Lieferwege zu erschließen. Dabei zeigte sich, dass die sizilianischen Mafiosi zwar im Schmuggel äußerst erfahren waren, jedoch die technischen Fähigkeiten und Ressourcen für den Betrieb eigener Heroinlabore fehlten.

Die Lage verschärfte sich durch eine Serie von Verhaftungen, die in Italien im Zuge von Ermittlungen gegen die Heroinproduktion und den Schmuggel durchgeführt wurden. Viele Kurierfahrer und Labormitarbeiter wurden bei der Polizei festgenommen, was die Versorgungskette erheblich störte. Die Inkompetenz und die unzureichende Organisation der Mafiosi führten dazu, dass die Polizei immer wieder große Mengen Heroin beschlagnahmte. Diese Beschlagnahmungen hatten dramatische Folgen: Wurden sie fortgesetzt, drohte den Organisationen die Festnahme ihrer wichtigsten Akteure, darunter auch Luciano.

Angesichts dieser Risiken entschied sich Luciano, seine Hauptbezugsquelle nach Marseille zu verlegen. Die französische Hafenstadt wurde zum neuen Knotenpunkt des Heroinhandels, weil die korsischen Syndikate dort durch ihre Unterstützung bei CIA-Operationen an politischer Macht und Kontrolle über den Hafen gewonnen hatten. Marseille entwickelte sich dadurch rasch zur wichtigsten Heroinmetropole Europas, die den Kontinent mit großen Mengen des Rauschgifts versorgte und das Gewicht der italienischen Produktions- und Schmuggelnetzwerke zunehmend verdrängte.

Die Rolle Meyer Lanskys und die Finanzströme des organisierten Verbrechens

Während der 1949/50er Jahre spielte Meyer Lansky, einer der bekanntesten Organisierten Kriminellen jener Zeit, eine entscheidende Rolle bei der Neuordnung des internationalen Heroin- und Drogengeschäfts. Seine Europareise in diesen Jahren war vermutlich maßgeblich für den Aufstieg der Heroinindustrie in Marseille verantwortlich.

Nach seiner Überquerung des Atlantiks auf einem Luxusschiff besuchte Lansky in Rom den berüchtigten Luciano, um die Absichten und Strategien im internationalen Rauschgifthandel zu besprechen. Von dort aus reiste er weiter nach Zürich, wo er über den alten Freund John Pullman Kontakt zu führenden Schweizer Bankiers aufnahm. Diese Verhandlungen bildeten die Grundlage für ein komplexes Finanznetzwerk, das es dem organisierten Verbrechen ermöglichte, enorme Gewinne aus dem Heroin- und Glücksspieltätigkeiten aus den USA auf Schweizer Konten zu transferieren, ohne dass die US-Steuerbehörden aufmerksam wurden.

Pullman war für die europäische Seite der Geldtransfers verantwortlich: Er verwaltete Einzahlungen, Überweisungen und Investitionen, sobald die Gelder in der Schweiz eingingen. Anfangs vertraute man auf herkömmliche Schweizer Banken, doch schließlich wurde die „Exchange and Investment Bank of Geneva“ von Lansky und seinen Verbündeten übernommen, um die Transaktionen noch diskreter und effizienter zu gestalten.

Bei der Überweisung der Gelder nutzten Lansky und seine Organisation zwei Methoden: Zum einen wurden sogenannte „freundliche Banken“ eingesetzt, die die Identität ihrer Kunden verschleierten und Überweisungen in die Schweiz ermöglichten. Für größere Beträge, bei denen das Risiko zu hoch war, wurde das Geld gesammelt, bis ein Schweizer Bankangestellter auf Geschäftsreise in die USA das Geld in seinem Gepäck mitnahm und in der Schweiz wieder einzahlte.

Nachdem die finanziellen Arrangements geklärt waren, reiste Lansky durch Frankreich, um sich mit hochrangigen Mitgliedern der korsischen Syndikate an der Riviera und in Paris zu treffen. Nach langen Verhandlungen soll eine Art Abkommen geschlossen worden sein, das den internationalen Heroinhandel zwischen den kriminellen Netzwerken regelte.

Die Entdeckung der Heroinlabore in Marseille

Kurz nachdem Lansky in die USA zurückgekehrt war, häuften sich die Hinweise auf die Existenz von geheimen Heroinlabors in Marseille. Die französische Polizei deckte am 23. Mai 1951 das erste dieser Labore auf. Nur wenige Monate später, am 18. März 1952, konnten sie ein weiteres Labor ausheben. Die französischen Ermittler berichteten, dass diese illegalen Produktionsstätten vermutlich seit 1951 in Betrieb waren und direkt auf die eingeschränkten Lieferungen aus Italien zurückzuführen seien, die in den letzten Jahren durch Polizeimaßnahmen stark zurückgegangen waren.

Im Verlauf der nächsten fünf Monate konnten die französischen Behörden noch zwei weitere geheime Labore aufdecken. Später schätzten US-Drogenexperten, dass ein Großteil der Heroinlieferungen in die Vereinigten Staaten in Marseille hergestellt wurde. Diese Erkenntnisse unterstreichen die zentrale Rolle, die Marseille in der internationalen Heroinproduktion und im Schmuggel in den 1950er Jahren spielte. Die Organisationen hatten ihre Produktion auf französischem Boden ausgedehnt, um die Versorgungsketten zu sichern und den Einfluss der italienischen Mafia zu umgehen.

Das Zeitalter der Marseille-Heroinproduktion

Der Übergang von der ursprünglichen Route Türkei–Italien–USA zu einer Marseille-zentrierten Heroinindustrie markierte eine bedeutende Wende im internationalen Drogenhandel. Die kriminellen Netzwerke nutzten geschickt die geopolitischen Veränderungen, die politischen Verflechtungen und die technischen Möglichkeiten, um ihre Geschäfte auszuweiten. Marseille wurde zum wichtigsten Zentrum der Heroinherstellung in Europa und spielte eine entscheidende Rolle bei der Versorgung der amerikanischen Märkte. Die Verwicklungen zwischen Organisierten Kriminellen, politischen Akteuren und internationalen Finanzströmen machten die Kontrolle dieses illegalen Geschäfts äußerst schwierig, was die Herausforderung für die Behörden bis heute erklärt.