Die Entwicklung der korsischen Kriminalität in Marseille und darüber hinaus
Screenshot youtube.comDie Geschichte der organisierten Kriminalität in Marseille ist geprägt von einer langen Tradition, in der kriminelle Strukturen eng mit politischen Machtspielen verflochten waren. Besonders die korsischen Mafias, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielten, prägten das Bild der Stadt maßgeblich. Dieser Text verfolgt die Entwicklung dieser kriminellen Netzwerke, ihre Verbindungen zur Politik, ihre internationalen Aktivitäten sowie die Auswirkungen auf die lokale Gesellschaft. Dabei werden die wichtigsten Akteure, ihre Strategien und die politischen Umstände beleuchtet, die es ermöglichten, dass die Unterwelt eine so zentrale Rolle im öffentlichen Leben der Stadt einnahm. Es wird deutlich, wie sich die kriminellen Strukturen im Lauf der Jahrzehnte wandelten, ihre Verflechtungen immer komplexer wurden und sie letztlich nicht nur die Schattenseiten der Stadt bestimmten, sondern auch ihre Entwicklung maßgeblich beeinflussten. Diese Geschichte ist geprägt von Machtkämpfen, politischen Intrigen, illegalen Geschäften und den immer wiederkehrenden Versuchen, die Kontrolle über das urbane Umfeld zu behalten oder zu erlangen. Dabei verschwammen die Grenzen zwischen Kriminalität und Politik zunehmend, sodass die Unterwelt für lange Zeit zu einem integralen Bestandteil der Stadtpolitik wurde.
Die Anfänge: Korsische Wurzeln und die ersten Verbindungen zur Politik
Die Verbindungen zwischen den korsischen Mobsterstrukturen und der politischen Szene entstanden bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, als Marseille sich zu einem wichtigen Umschlagplatz für Schmuggel, illegale Geschäfte und organisierte Verbrechensnetzwerke entwickelte. In dieser Zeit tauchten die ersten Figuren auf, die als die modernen Gangster gelten können, darunter Persönlichkeiten wie François Spirito und Paul Bonnaventure Carbone. Vor ihrem Aufstieg war das kriminelle Milieu von Marseille geprägt von einer Vielzahl bunter Gestalten, die meist in kleinen, unkoordinierten Gruppen agierten. Diese Figuren waren meist Zuhälter, Revolvermänner oder einfache Gauner, deren Lebensziel es war, durch den Verkauf von Alkohol, Drogen oder durch Prostitution ein Einkommen zu erzielen, um ein bequemes Leben zu führen. Ihre Wertvorstellungen waren geprägt von kurzfristigem Profit, und Ehrgeiz, sich über die anderen zu erheben, war kaum vorhanden. Für sie war die Investition in eine oder zwei Prostituierte die sicherste und lukrativste Einkommensquelle. Die meisten dieser Verbrecher strebten nach einem Leben in Ruhe, ohne größere Ambitionen, sich in die politischen Machtstrukturen einzumischen oder Einfluss zu gewinnen. Doch mit dem Aufstieg von Carbone und Spirito, die beide in den 1920er Jahren begannen, ihre Strukturen aufzubauen, änderte sich die Grundhaltung fundamental. Diese beiden Männer, die eine enge Freundschaft verband, formten eine Partnerschaft, die die gesamte kriminelle Szene in Marseille nachhaltig verändern sollte. Sie brachten eine neue, professionellere Dimension in das Milieu, das zuvor eher durch Zufall, Kleinkriminalität und unkoordinierte Aktivitäten geprägt war. Ihre Zusammenarbeit markierte den Beginn einer neuen Ära, in der organisierte Kriminalität immer stärker mit politischen Netzwerken verflochten wurde, um ihre Geschäfte zu schützen und auszubauen.
Spirito und Carbone: Die Pioniere einer neuen Ära
Der Mann, der später unter dem Namen François Spirito bekannt wurde, wurde im Januar 1900 in Marseille geboren, damals noch als Charles Henri Faccia. Sein ursprünglicher Name wurde später nur noch halb leserlich in den Akten vermerkt, da Spirito stets bemüht war, seine wahre Identität zu verschleiern. Er zeichnete sich durch seine außergewöhnliche Erfindungsgabe, sein Gespür für Organisation und seine Fähigkeit aus, illegale Geschäfte über den Atlantik hinweg zu koordinieren. Seine kriminelle Laufbahn begann mit dem Schmuggeln, was ihn zu einem der aktivsten und bekanntesten Transatlantik-Schmuggler seiner Zeit machte. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er zweimal in Boston verurteilt. Das erste Mal 1929 wegen illegaler Einreise, das zweite Mal 1939, weil er an Bord der »SS Exeter« 28 Kilogramm Opium geschmuggelt hatte. Seine Aktivitäten reichten weit über den Drogenhandel hinaus und umfassten auch den Schmuggel von Waffen, Alkohol und anderen illegalen Gütern, die für die kriminellen Netzwerke in Marseille, den USA und darüber hinaus von zentraler Bedeutung waren. Paul Bonnaventure Carbone, der ebenfalls aus Marseille stammte, wurde schließlich im Jahr 1943 durch die französische Résistance ermordet. Dennoch lebte Spirito bis in die späten 1960er Jahre weiter und zog sich mit seinem Einfluss in der Unterwelt an die Côte d’Azur zurück. Er führte ein Restaurant in Sausset-les-Pins, das ihm als Rückzugsort und Treffpunkt für seine Vertrauten diente. Trotz seines Rückzugs blieb sein Einfluss bestehen, was durch eine Untersuchung des französischen Bundesnachrichtendienstes im Jahr 1965 bestätigt wurde. Dabei wurde festgestellt, dass Spirito noch immer aktive kriminelle Partner hatte, die sich vom Heroinhandel in Marseille bis zu Transatlantikschmuggeln und Drogendeals in New York erstreckten. Diese Erkenntnisse unterstreichen die enorme Bedeutung seines Einflusses und die Verflechtung seiner kriminellen Netzwerke, die weit über Marseille hinausgingen.
Der Aufbau eines internationalen Schmuggel- und Prostitutionimperiums
Eine der ersten großen Unternehmungen von Carbone und Spirito war die Gründung eines Bordells in Kairo, das in den späten 1920er Jahren mit französischem Personal betrieben wurde. Dieser Schritt markierte den Beginn ihrer internationalen Aktivitäten im Bereich der Prostitution, Schmuggel und des organisierten Verbrechens. Nach ihrer Rückkehr nach Marseille setzten sie ihre Expansion fort und organisierten Prostitution in bislang ungekanntem Ausmaß. Dabei erkannten sie frühzeitig die Bedeutung politischer Einflussnahme, um ihre Geschäfte zu schützen und auszubauen. Sie verstanden, dass Korruption auf kommunaler Ebene eine wichtige Rolle spielte, um ihre Unternehmungen vor polizeilichen Maßnahmen zu bewahren. Ihre Aktivitäten verschmolzen zunehmend mit politischen Machtstrukturen, was ihnen erlaubte, sich Schutz und Einfluss in der Stadt zu sichern. Sie nutzten ihre Verbindungen, um bei lokalen Politikern und Beamten Vorteile zu erlangen, was ihnen wiederum die Kontrolle über den Sex- und Schmuggelmarkt in Marseille und darüber hinaus ermöglichte.
Politische Einflussnahme und Macht in Marseille
Im Jahr 1931 gelang es Carbone und Spirito, eine Art informelle Verständigung mit Simon Sabiani zu schließen, dem damals faschistischen Vizebürgermeister von Marseille. Diese Allianz öffnete ihnen die Tore zur politischen Macht, indem Sabiani den Bruder Carbones zum Direktor des städtischen Stadions machte und die Stadtverwaltung für die Beschäftigung von Personen aus ihrer kriminellen Umgebung öffnete. Durch diese Gefälligkeiten wurde es den beiden möglich, ihre kriminellen Netzwerke weiter auszubauen und politische Einflussnahme auf lokaler Ebene zu sichern. Im Gegenzug organisierten Carbone und Spirito eine Gruppe von gewalttätigen Gangstern, die bei faschistischen Demonstrationen in den 1930er Jahren als gewalttätige Speerspitze auftraten. Diese Demonstrationen waren oftmals von erheblichen Ausschreitungen begleitet, bei denen die Unterwelt eine entscheidende Rolle spielte. Während in ganz Europa der Faschismus und Nationalsozialismus an Stärke gewannen, waren Marseille und seine Unterwelt Teil dieser Entwicklung. Mussolini regierte in Italien, Hitler kam in Deutschland an die Macht, und in Frankreich entstanden faschistische Gruppen, die versuchten, die Republik durch Gewalt zu stürzen. Die Stadt Marseille wurde zu einem Brennpunkt dieser Entwicklungen, wobei die Verbindungen zwischen der Unterwelt und den politischen Kräften immer enger wurden. Im Februar 1934 kam es auf der Canebière, dem Hauptboulevard, zu massiven linken Protesten gegen die faschistischen Aufmärsche, die von den gewalttätigen Schlägertruppen um Carbone und Spirito brutal niedergeschlagen wurden. Die Polizei griff ein, die Demonstranten wurden vertrieben, und Verletzte wurden ins Krankenhaus gebracht. Trotz dieser Konflikte konnten die linken Kräfte nach mehreren Jahren des Straßenkampfes eine gemeinsame Wahlliste mit den Faschisten schmieden, um einen sozialistischen Bürgermeister zu wählen. Dieser Wahlsieg war nur eine kurze Episode in der wechselvollen Geschichte der politischen Einflussnahme der Unterwelt, doch er zeigte, wie eng verknüpft die kriminellen Strukturen mit der Politik in Marseille waren. Die Unterwelt wurde zu einem politischen Faktor, der die Stadt nachhaltig prägte und ihre Entwicklung maßgeblich beeinflusste.
Der Einfluss der Unterwelt auf Gesellschaft und Politik in Marseille
Aus der Perspektive der internationalen Politik und der lokalen Machtstrukturen mag es zunächst ungewöhnlich erscheinen, dass die organisierte Kriminalität in Marseille eine so zentrale Rolle in der Stadtpolitik einnahm. Doch in Frankreich war die Macht der Straße, der Massenmobilisierung und der politischen Demonstrationen schon immer eine zentrale Kraft gewesen. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bei den Aufständen gegen die monarchische Herrschaft, bis hin zu den politischen Krisen Ende des 19. Jahrhunderts und den sozialrevolutionären Bewegungen der 1960er Jahre, zeigte sich immer wieder, dass die Fähigkeit, auf den Boulevards die Massen zu mobilisieren und zu kontrollieren, entscheidend für den politischen Erfolg war. Die Kontrolle über den öffentlichen Raum wurde zum Mittel der Machtausübung, das den Einfluss der kriminellen Netzwerke in Marseille erheblich stärkte. Obwohl Carbone und Spirito nach ihrer Niederlage bei Sabiani die Kontrolle über die offizielle Stadtregierung verloren, blieb ihre wirtschaftliche Macht ungebrochen. Der Handel mit Drogen, Waffen und Schmuggel blühte weiter, und die Verbindungen zu politischen Akteuren bestanden weiterhin. Der Beginn des organisierten Rauschgifthandels in den USA in den frühen 1930er Jahren bot Carbone die Chance, ein Heroinlabor zu etablieren, was seine Macht weiter festigte. Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs ermöglichte ihm zudem den Einstieg in den Waffenhandel, wodurch sich seine Einflussmöglichkeiten noch erweiterten. Die kriminellen Netzwerke in Marseille waren längst Teil des politischen und wirtschaftlichen Systems, das ständig in Bewegung war und sich immer wieder neu formierte. Mit dem Beginn der deutschen Besatzung Frankreichs im Jahr 1940 verschärften sich die Verhältnisse dramatisch. Die deutschen Truppen, die Marseille kontrollierten, standen vor der Herausforderung, die Widerstandsbewegung zu zerschlagen. Sie wandten sich an die führenden Figuren der Unterwelt, die bereit waren, mit den Besatzern zu kollaborieren. Die Zusammenarbeit zwischen Gestapo und kriminellen Strukturen wurde zum Alltag. Am 14. Juli 1942, dem französischen Nationalfeiertag, demonstrierte die Résistance ihre Stärke, indem sie das Hauptquartier einer prodeutschen Organisation in Marseille angriff. Das Gebäude des Parti Populaire Français, dessen Regionaldirektor Simon Sabiani war, wurde unter Maschinengewehrfeuer genommen. Am nächsten Tag lieferten Carbone und Spirito der Gestapo eine vollständige Liste der Beteiligten, was ihnen erhebliche Belohnungen einbrachte. Doch diese Phase war nur von kurzer Dauer. 1943 kam Carbone bei einem Anschlag der Résistance ums Leben, als sein Zug in der Nähe von Marseille in die Luft gesprengt wurde. Spirito, der noch immer aktiv war, floh nach der Landung der Alliierten im Jahr 1944 nach Spanien, um der Verfolgung zu entgehen. Nach dem Krieg kehrte er nach Frankreich zurück, wurde mehrfach festgenommen und wegen Kollaboration mit den Deutschen vor Gericht gestellt. Nach wenigen Monaten im Gefängnis zog er sich ins Privatleben zurück, eröffnete ein Restaurant an der französischen Riviera und lebte fortan im Schatten seiner Vergangenheit. Obwohl er weiterhin im Drogenhandel aktiv blieb, war sein Einfluss in Marseille deutlich geschwunden. Gelegentlich baten kriminelle Banden ihn, sein Prestige zu nutzen, um blutige Fehden zu schlichten, doch in der Öffentlichkeit war er nur noch ein respektierter Bürger, der bis zu seinem Tod im Jahr 1967 in Toulon lebte. Seine Vergangenheit und sein Einfluss sind Teil der komplexen Geschichte der korsischen Verbrecher in Marseille, deren Schatten bis heute nachwirken.













