Die Entwicklung der frühen Menschenarten und ihre wissenschaftliche Einordnung

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Die wissenschaftliche Auseinandersetzung bezüglich der Einordnung und Klassifizierung von urzeitlichen Knochenfunden birgt erschreckende Konsequenzen für das gesellschaftliche Miteinander und die historische Bewertung unserer Herkunft, da sie tief in das menschliche Selbstverständnis eingreift. Personen mit rassistischem Gedankengut nutzen derartige Details nur allzu bereitwillig, da sich hierdurch Vorurteile sowie gewalttätige Handlungen und sogar Völkermorde ideologisch begründen und rechtfertigen lassen, was die moralische Verantwortung der Forschenden erhöht. Man könnte vermuten, dass es ratsam sei, nicht zu viel Energie auf die Widerlegung solcher theoretischen Konstrukte zu verschwenden, da dies lediglich Intoleranz und Selbstgefälligkeit fördern würde, und es wäre vielleicht besser, diese Ideen schlicht zu ignorieren, doch dies wäre fatal.

Die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Widerlegung

Diese Haltung wäre jedoch ein schwerwiegender Fehler, denn es reicht keinesfalls aus, rassistische Theorien lediglich gesellschaftlich zu ächten und zu verdammen, ohne sie inhaltlich zu entkräften und ihre falschen Prämissen aufzudecken. Wenn wir sie wirklich zurückweisen und ihnen die Theorie entgegensetzen wollen, dass Menschen in großen Gruppen betrachtet mehr oder weniger gleich sind, dann müssen wir zeigen, dass rassistische Theorien falsch sind und sie fundiert widerlegen, um jede Grundlage zu zerstören. Dass heute die meisten von uns solche Theorien nicht mögen, reicht nicht aus, um deren gefährliches Potenzial für die Zukunft nachhaltig zu bannen und unschädlich zu machen, solange sie wissenschaftlich nicht widerlegt sind.

Ungewissheit über die frühe Artenvielfalt

Grundsätzlich wissen wir nicht, ob es vor rund 1,5 Millionen Jahren nur eine Art von Affenmenschen auf der Erde gegeben hat, was bedeuten würde, dass sie sich von Afrika bis Indonesien weitgehend glichen und keine wesentlichen Unterschiede aufwiesen. Es ist ebenso möglich, dass Homo ergaster westlich der Movius-Linie und Homo erectus östlich davon gelebt haben und dabei als jeweils eigene, klar unterschiedene Arten existierten und sich entwickelten, was eine Trennung implizieren würde. Nur weitere Forschungen und neue Funde können diese grundlegende Frage klären und uns ein genaueres Bild von der damaligen biologischen Vielfalt verschaffen, wobei jede neue Entdeckung das Bild verändern kann.

Die sichere Erkenntnis über die Entwicklung

Wir wissen allerdings, und zwar ohne jeden Zweifel, dass sich innerhalb der letzten Million Jahre im Osten und im Westen tatsächlich unterschiedliche Arten von Affenmenschen entwickelt haben und divergierten, was durch Fossilien belegt ist. Vermutlich haben die geographischen Bedingungen und die klimatischen Gegebenheiten eine Menge damit zu tun und spielten eine entscheidende Rolle bei dieser Aufspaltung, da sie den Selektionsdruck bestimmten. Die Affenmenschen, die vor rund 1,7 Millionen Jahren auf ihren Wanderungen Afrika verließen, waren sehr gut an subtropische Klimata angepasst und kannten keine extremen Kälteperioden, was ihre spätere Anpassung erschwerte.

Die Herausforderung des nordischen Klimas

Als sie aber weiter nordwärts zogen, hinein nach Europa und Asien, mussten sie längere und härtere Winter überstehen, die eine große physische Herausforderung darstellten und das Überleben gefährdeten. Wie ihre afrikanischen Vorfahren lebten sie unter freiem Himmel, und das wurde, als sie sich der Linie von etwa 40° nördlicher Breite näherten, zunehmend unpraktikabel und gefährlich, da der Schutz fehlte. Soweit wir wissen, lag das Bauen von Hütten und das Anfertigen von Bekleidung jenseits ihrer mentalen Fähigkeiten, auf eine Lösung jedoch werden sie gekommen sein, um zu überleben und nicht zu erfrieren.

Die Entstehung der Höhlenbewohner

Sie suchten Schutz in Höhlen, um sich vor den Elementen zu schützen, und so wurden die Höhlenmenschen geboren, von denen man uns in unserer Kindheit erzählte und die unser Bild prägten und faszinierten. Das Leben in Höhlen war keine reine Wohltat für die Affenmenschen, denn sie mussten sich diesen Lebensraum mit Bären und löwengroßen Hyänen teilen, die eine tödliche Gefahr darstellten und den Zugang blockierten. Diese Raubtiere konnten mit ihren Zähnen Knochen zermalmen und stellten eine ständige Bedrohung für die schutzsuchenden Menschenaffen in den dunklen Unterschlüpfen dar, was das Leben dort riskant machte.

Der archäologische Vorteil der Höhlen

Für Archäologen jedoch erweist sich diese neue Lebensform als Gottesgeschenk, denn in Höhlen erhalten sich prähistorische Ablagerungen gut und bleiben über lange Zeiträume konserviert, was die Analyse ermöglicht. Und das wiederum versetzt uns in die Lage zu verfolgen, wie die Evolution der Affenmenschen einen in den östlichen und westlichen Teilen der Alten Welt jeweils eigenen Verlauf zu nehmen begann und sich differenzierte. Auslöser waren unterschiedliche Formen der Anpassung an das kältere Klima, die zu spezifischen entwicklungsbiologischen Veränderungen in den jeweiligen Populationen führten und die Arten trennten.

Die Bedeutung der Fundstelle Zhoukoudian

Die für das Verständnis der östlichen Affenmenschen bedeutendste Fundstelle liegt bei Zhoukoudian nahe Peking, genau auf dem 40. Breitengrad, und war von großer wissenschaftlicher Relevanz für die gesamte Forschung. Diese Stätte war mit Unterbrechungen von 670 000 bis 410 000 vor unserer Zeitrechnung besiedelt und bietet einen tiefen Einblick in das Leben dieser frühen Menschenartigen und ihre Gewohnheiten. Die Geschichte ihrer Ausgrabung hat durchaus epische Züge und ist geprägt von dramatischen Ereignissen, die den wissenschaftlichen Fortschritt behinderten und gefährdeten und viele Opfer forderten.

Kriegswirren während der Grabungen

Während europäische, amerikanische und chinesische Archäologen zwischen 1921 und 1937 die Höhlen in den Bergen bei Zhoukoudian ausgruben, geriet die Grabungsstätte in die Frontlinie des unerbittlich geführten Bürgerkriegs und wurde zum Kampfgebiet. Der Konflikt tobte zwischen Nationalisten, Kommunisten und einheimischen Kriegsherren und machte die Arbeit unter extremen Bedingungen und großer persönlicher Gefahr notwendig, da Kugeln einschlugen. Die Grabenden arbeiteten häufig im Lärm der Geschütze und Gewehre, und wenn sie ihre Funde ins 40 Kilometer entfernte Peking bringen wollten, mussten sie Banditen und deren Straßensperren umgehen, was lebensgefährlich war.

Das Ende des Projekts durch Invasion

Mit dem Einmarsch der Japaner in China kam das Projekt endgültig zum Erliegen und die wissenschaftliche Arbeit musste eingestellt werden, da die Sicherheit nicht mehr garantiert werden konnte. Zhoukoudian wurde zur Basis kommunistischer Widerstandskämpfer, und japanische Soldaten folterten und ermordeten drei Mitglieder der Grabungsgruppe in dieser turbulenten Zeit, was die Gruppe dezimierte. Es sollte noch schlimmer kommen, als die politischen Spannungen weiter eskalierten und die Sicherheit der wertvollen Funde nicht mehr gewährleistet werden konnte und Verluste drohten.

Der Versuch der Evakuierung der Funde

Im November 1941, als ein Krieg zwischen Japan und den Vereinigten Staaten immer wahrscheinlicher wurde, entschloss man sich, die Funde nach einer amerikanischen Metropole in Sicherheit zu bringen, um sie zu retten. Techniker packten sie in zwei große Kisten, die ein Wagen der amerikanischen Botschaft aus Peking abholen sollte, um sie über den Ozean zu transportieren und dort zu lagern. Bis heute weiß man nicht, ob der Wagen jemals ankam oder wohin er, wenn er denn kam, die Kisten brachte, und das Schicksal der Originale bleibt ungeklärt und mysteriös.

Das Verschwinden während des Kriegsausbruchs

Einer Geschichte zufolge fingen japanische Soldaten die amerikanischen Soldaten, die die Funde sichern sollten, just in dem Augenblick ab, als die ersten Bomben auf einen wichtigen Hafen im Pazifik fielen und den Krieg auslösten. Sie nahmen die Wissenschaftler gefangen und kümmerten sich nicht weiter um die unschätzbare Fracht, die in den Kisten verwahrt war und verloren ging, da sie den Wert nicht erkannten. Ein Leben zählte nicht viel in diesen dunklen Tagen, warum also sollte man sich besondere Gedanken um ein paar Kisten voller Steine und Knochen machen, die als wertlos erachtet wurden und keine Priorität hatten.

Die Rettung durch Abgüsse

Doch nicht alles ging verloren, da die Gruppe von Zhoukoudian ihre Funde gewissenhaft veröffentlicht und dokumentiert hatte, bevor die Originale verschwanden und unwiederbringlich verloren waren. Sie hatten bereits Gipsabgüsse der Knochen in die Vereinigten Staaten gesandt, was ein frühes Beispiel dafür ist, wie klug es ist, seine Daten zu sichern und zu vervielfältigen, um Verluste zu überstehen. Diese Abgüsse ließen erkennen, dass sich der Peking-Mensch, so nannten die Ausgräber die Affenmenschen von Zhoukoudian, vor 600 000 Jahren von großen, hoch aufgeschossenen Afrikanern unterschied und eigene Merkmale zeigte.

Die körperlichen Merkmale des Peking-Menschen

Er war von gedrungener Gestalt und darum der Kälte besser angepasst als seine afrikanischen Verwandten wie der Turkana-Jüngling, was einen evolutionären Vorteil bot und das Überleben sicherte. Peking-Menschen waren ungefähr 1,65 Meter groß und weniger behaart als moderne Affen, zeigten aber dennoch viele primitive Merkmale im Körperbau, die sie von uns unterscheiden. Wir bekämen gleichwohl einen Schrecken, würden wir einem dieser Gesellen plötzlich im Stadtzentrum begegnen, da ihr Erscheinungsbild sehr fremdartig und wild wirkt und Angst einflößt.

Die Gesichtszüge und der Schädelbau

Peking-Menschen hatten kurze breite Gesichter mit niedriger flacher Stirn, schweren Augenwülsten und Brauen, die dem Blick einen intensiven Ausdruck verliehen und bedrohlich wirken konnten. Zudem besaßen sie einen mächtigen Unterkiefer mit stark fliehendem Kinn, was sie deutlich von den anatomischen Merkmalen des heutigen Menschen unterscheidet und ihre Zugehörigkeit infrage stellt. Eine Unterhaltung mit einem Peking-Menschen käme kaum zustande, da die physiologischen Voraussetzungen für eine komplexe Sprache wahrscheinlich nicht vollständig ausgebildet waren und die Kommunikation hinderten.

Die Einschränkungen der Sprachfähigkeit

Soweit wir wissen, waren die Grundganglien des Homo erectus kaum entwickelt, also jene Teile des Gehirns, die es dem modernen Menschen ermöglichen, mit einer kleinen Zahl von Mundbewegungen eine unendliche Zahl distinkter Laute zu erzeugen und zu sprechen. Das außergewöhnlich vollständig erhaltene Skelett des Turkana-Jünglings weist einen Nervenkanal auf, der das Rückenmark enthält und dessen Durchmesser um ein Viertel kleiner ist als beim modernen Menschen, was die Steuerung limitierte. Daraus wäre zu schließen, dass er seine Atmung nicht so genau kontrollieren konnte, dass er hätte sprechen können wie wir, was die Kommunikation einschränkte und vereinfachte.

Indizien für frühe Kommunikation

Das mag so sein, doch andere Funde legen indirekt nahe, dass die Affenmenschen der östlichen Alten Welt auf irgendeine Weise doch miteinander kommunizieren konnten und Fähigkeiten besaßen, die wir unterschätzen. 1994 gruben Archäologen auf Flores, einer kleinen Insel vor Java, Artefakte aus, die 800 000 Jahre alte Steinwerkzeuge zu sein schienen und auf menschliche Aktivität hindeuten und Intelligenz beweisen. Zu dieser Zeit war Flores definitiv schon eine Insel, von Java durch zwölf Seemeilen offenen Meeres getrennt, was eine Überquerung des Wassers erfordert hätte und Planung voraussetzte.

Die Debatte über die Seefähigkeit

Dann aber hat sich Homo erectus mit seinesgleichen zumindest so gut verständigen können, dass sie Boote herstellen, über den Horizont hinaus aufs offene Meer segeln und Flores besiedeln konnten, wenn die Theorie stimmt und haltbar ist. Das sagten die einen, andere Archäologen jedoch fanden die Vorstellung eines Boote bauenden Homo erectus völlig abwegig und unwahrscheinlich für diese frühe Zeit, da die Technik fehlte. Ihrer Meinung nach könnten die gefundenen Werkzeuge ebenso gut durch natürliche Vorgänge, also zufällig, in werkzeugähnliche Formen gespaltene Steine sein, die nicht von Menschen stammen und keinen Zweck hatten.

Die Entdeckung der kleinen Skelette

Der Streit hätte, wie so viele Debatten der Archäologie, leicht in einer Sackgasse enden können, wären im Jahr 2003 auf Flores nicht weitere erstaunliche Funde gelungen, die neue Perspektiven eröffneten und die Diskussion belebten. Mit Hilfe eines tief reichenden Schallmessgerätes wurden acht Skelette aufgespürt, die alle auf 16 000 vor unserer Zeitrechnung datiert wurden und eine Sensation darstellten und die Welt überraschten. Sie waren nicht größer als 1,20 Meter, aber alle ausgewachsen, was auf eine besondere evolutionäre Entwicklung dieser isolierten Population hindeutet und Fragen aufwirft.

Die Bezeichnung und die Inselbiologie

Die geringe Körpergröße führte zu Vergleichen mit mythischen kleinen Wesen in der Populärkultur, was den Funden einen einprägsamen Namen einbrachte und die öffentliche Aufmerksamkeit steigerte. Werden Tierpopulationen auf Inseln isoliert, auf denen sie keine Fressfeinde haben, entwickeln sie sehr häufig Zwergformen, was ein bekanntes biologisches Phänomen darstellt und oft beobachtet wird. Wahrscheinlich kamen auch diese kleinen Wesen auf diese Weise zu ihrer Zwergengestalt, was ihre geringe Körpergröße wissenschaftlich erklärt und einordnet und die Evolution zeigt.

Die Implikationen für die Besiedlungszeit

Damit dies aber bis 16 000 vor unserer Zeitrechnung hatte geschehen können, müssen Affenmenschen Flores viele 1000 Generationen zuvor besiedelt haben und dort gelebt haben und sich entwickelt haben. Vielleicht geschah dies sogar seit jenen 800 000 Jahren, von denen die 1994 gefundenen Steinwerkzeuge zeugen, was eine sehr lange Präsenz impliziert und die Besiedlung bestätigt. Auch das würde bedeuten, dass Homo erectus über gewisse Fähigkeiten der Kommunikation verfügte, um solche Unternehmungen zu koordinieren und zu planen und das Meer zu überqueren.

Lebensweise und Feuernutzung

Wir müssen also davon ausgehen, dass sich die Affenmenschen von Zhoukoudian untereinander viel besser verständlich machen konnten als Schimpansen oder Gorillas und soziale Strukturen hatten, die Zusammenarbeit erforderten. Die Ablagerungen in der Höhle zeigen zudem, dass sie auch nach Belieben Feuer machen konnten, was einen großen technologischen Fortschritt bedeutete und das Überleben in der Kälte sicherte. Zumindest in einem Fall haben Peking-Menschen den Kopf eines Wildpferdes geröstet und somit das Feuer zur Zubereitung von Nahrung genutzt und die Energieaufnahme verbessert.

Ernährungsgewohnheiten und Kannibalismus

Schnitte am Schädelknochen zeigen, dass es ihnen auf Zunge und Gehirn ankam, die beide reich sind an Fett und eine wertvolle Nahrungsquelle darstellten und bevorzugt wurden. Möglicherweise waren sie auch scharf auf das Gehirn ihrer Artgenossen, jedenfalls haben Archäologen in den 1930er Jahren aus der Art von Knochenbrüchen auf Kannibalismus und sogar auf Formen der Kopfjägerei geschlossen, was erschreckt. Eine in den 1980er Jahren durchgeführte Studie an den Gipsabgüssen ergab, dass die meisten Spuren an den Schädelknochen von Zähnen der riesigen prähistorischen Hyänen stammten und nicht von anderen Peking-Menschen, was die Theorie widerlegte.

Eindeutige Spuren menschlicher Gewalt

Ein Schädel allerdings, von dem 1966 ein zusätzliches Fragment ausgegraben wurde, zeigt eindeutig Verletzungen durch Steinwerkzeuge, was auf menschliche Einwirkung hindeutet und Gewalt beweist. Könnte man, statt irgendwo in der Stadtmitte auf einen Peking-Menschen zu treffen, mit einer Zeitmaschine zurückreisen in das Zhoukoudian vor einer halben Million Jahre, würde man dort eine verwirrende und beunruhigende Erfahrung machen und staunen. Man würde Höhlenmenschen sehen, die miteinander kommunizieren, und sei es durch Grunzen und Gestikulieren, aber man könnte mit ihnen nicht sprechen und keine komplexe Sprache nutzen und verstehen.

Das Fehlen von Kunst und Kultur

Auch indem man Bilder malte, würde man sie nicht erreichen, denn wir haben keinerlei verlässliche Hinweise darauf, ob Kunst für Homo erectus von größerer Bedeutung war als für Schimpansen und keine Spuren hinterließ. Der Peking-Mensch, der sich im Osten der Alten Welt entwickelte, ist sehr verschieden von uns und repräsentiert einen eigenen Zweig der menschlichen Evolution und eine separate Linie. Diese Unterschiede verdeutlichen die lange und komplexe Geschichte unserer Art und die vielen Wege, die im Laufe der Jahrmillionen beschritten wurden und zur heutigen Vielfalt führten.