Die entscheidenden Wendepunkte im Indochinakrieg: Giaps Sieg und die internationalen Folgen
Screenshot youtube.comIm Jahr 1954 markierten die Ereignisse um die Niederlage Frankreichs in Dien Bien Phu sowie die anschließenden Verhandlungen in Genf einen bedeutenden Wendepunkt im Indochinakrieg und im globalen Machtgefüge des Kalten Krieges. Der Konflikt in Vietnam war zu dieser Zeit ein zentrales Schlachtfeld zwischen den kolonialen Großmächten, den kommunistischen Bewegungen und den Interessen der Supermächte, die um Einfluss und Kontrolle rangen. Das Geschehen in Dien Bien Phu, verbunden mit den internationalen Verhandlungen in Genf, zeigte eindrucksvoll, wie lokale Konflikte durch die Machtspiele der Weltpolitik geprägt wurden, und legte den Grundstein für die weitere Entwicklung der Region. Hierbei waren militärische Niederlagen, diplomatische Strategien und geopolitische Interessen eng miteinander verwoben. Die Ereignisse verdeutlichten die Komplexität des Kalten Krieges und die Bedeutung, die Vietnam für die globale Politik einnahm.
Giaps meisterhafter Zeitpunkt: Der entscheidende Kampf und seine Bedeutung
General Giap, der legendäre Führer der Viet Minh, hatte den Zeitpunkt für den entscheidenden Kampf äußerst geschickt gewählt. Sein strategischer Plan sah vor, den letzten großen Angriff zum genau richtigen Zeitpunkt durchzuführen. Dieser Moment war so gewählt, dass er die größtmögliche Wirkung entfalten sollte. Und tatsächlich: Am Tag nach der offiziellen Kapitulation der französischen Truppen in Dien Bien Phu, einem symbolträchtigen Sieg der vietnamesischen Unabhängigkeitsbewegung, trafen sich in Genf die Außenminister der vier bedeutendsten Großmächte. Diese Mächte waren die Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Es war das erste Mal nach dem Sieg der Viet Minh, dass auch eine chinesische Delegation unter Außenminister Tschou En-lai offiziell auf der internationalen Bühne auftrat. Damit betrat China erstmals in Erscheinung, was seine Bedeutung in den internationalen Machtspielen deutlich unterstrich. Neben den Vertretern der Großmächte waren auf der Konferenz auch zwei vietnamesische Delegationen vertreten: Eine vom Regime des Kaisers Bao Dai und eine der Vertreter der Demokratischen Republik Vietnam, also der Viet Minh, unter der Leitung von Premierminister Pham Van Dong. Die Vereinigten Staaten schickten nur Beobachter, und Außenminister Dulles, der damals für die USA die Verhandlungen führte, reiste bereits bald wieder ab. Seine Ablehnung, aktiv an den Verhandlungen teilzunehmen, basierte auf Prinzipien: Er lehnte sowohl direkte Verhandlungen mit den „Rotchinesen“ ab als auch die Teilnahme an der Konferenz selbst. Er erklärte öffentlich, nur ein Autounfall könne ihn in Kontakt mit Tschou En-lai bringen – eine deutliche Aussage, die seine ablehnende Haltung unterstrich.
Der Feldzug der Viet Minh: Von militärischer Sieger zu Figuren eines globalen Machtspiels
Auf dem Schlachtfeld gegen die französischen Truppen waren die Viet Minh unbestritten die Sieger des Krieges in Vietnam. Sie hatten den Krieg mit militärischer Überlegenheit gewonnen und galten als unangefochtene Helden des vietnamesischen Unabhängigkeitskampfes. Doch auf der internationalen Bühne in Genf wurden sie zu Figuren eines politischen Machtspiels, eines sogenannten „Poker Spiels“, bei dem die Interessen der großen Mächte im Vordergrund standen. Die Ergebnisse der Konferenz spiegelten in keiner Weise die tatsächlichen militärischen und politischen Realitäten Vietnams wider. Vielmehr standen die geopolitischen Interessen der Großmächte im Vordergrund, die nur wenig Bezug zu den tatsächlichen Verhältnissen vor Ort hatten. Für die Sowjetunion war Südostasien bis in die Mitte der sechziger Jahre eine Region von vergleichsweise geringer Bedeutung. Dennoch betrachtete die sowjetische Führung unter Chruschtschow, Bulganin, Malenkow und Molotow den Indochina-Konflikt als eine Chance, nach den schweren Jahren der Stalin-Diktatur wieder Kontakt zum Westen aufzunehmen. Das Ziel war es, Einfluss zu gewinnen und den Einfluss der Vereinigten Staaten in der Region einzudämmen. Die sowjetische Führung wollte die sogenannte „Europäische Verteidigungs Gemeinschaft“ (EVG) verhindern, weil ein Ende des Krieges Frankreich dazu bringen würde, seinen Verpflichtungen innerhalb der NATO nachzukommen. Ein solcher Schritt hätte die europäische Integration gestärkt und die deutsche Wiederbewaffnung gefördert – beides Ziele, die die Sowjets verhindern wollten. Tatsächlich scheiterte die Ratifizierung des EVG-Vertrags im August 1954, was ohne direkte Einmischung Moskaus geschah. Die französische Nationalversammlung verweigerte die Zustimmung. Die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland im folgenden Jahr dennoch mit dem Aufbau einer eigenen Armee begann, hing eng mit dem amerikanischen Interesse zusammen, Westdeutschland wieder zu bewaffnen. Die Bereitschaft der Deutschen, ihre Streitkräfte voll in die NATO zu integrieren, trug dazu bei, französische Bedenken gegen eine deutsche Armee zu lindern und die europäische Sicherheitsarchitektur zu stabilisieren.
China und die Viet Minh: Die treibenden Kräfte hinter den Zugeständnissen
Besonders die chinesische Führung spielte eine entscheidende Rolle bei den Verhandlungen und drängte die Viet Minh zu erheblichen Zugeständnissen. Mao Zedong und Tschou En-lai hatten ein klares Ziel vor Augen: Sie wollten ein militärisches Eingreifen der USA in Vietnam unbedingt verhindern. Für China war nach den langen Jahren des Bürgerkriegs und der Kriege gegen Japan vor allem Stabilität im Inneren und Außen von höchster Bedeutung. Zudem fühlte sich die kommunistische Führung Chinas durch die Nationalisten auf Taiwan bedroht, die in Propaganda und militärischer Rhetorik die Rückeroberung des chinesischen Festlandes forderten. Tschou En-lai trat daher für eine Teilung Vietnams ein und forderte gleichzeitig, dass keine fremden Truppen stationiert werden sollten. Ziel war es, den kommunistischen Norden vor ausländischen Interventionen zu schützen und den Süden vor einer amerikanischen Besetzung zu bewahren. Die USA waren zwar mit erheblichen Vorbehalten nach Genf gereist, doch im Grunde hätte Dulles die Konferenz am liebsten scheitern lassen. Während der Verhandlungen, die sich zogen und im Juni in eine Sackgasse zu geraten drohten, kehrten Eisenhower und Dulles sogar zu ihrer ursprünglichen Strategie des „vereinten Handelns“ zurück. Die amerikanischen Militärs entwickelten detaillierte Pläne für eine mögliche Stationierung eigener Truppen in Vietnam, falls China militärisch intervenieren oder die Viet Minh weitere Erfolge erzielen sollte. Auch eine Kongressresolution wurde vorbereitet, die den US-Präsidenten ermächtigen sollte, Truppen nach Indochina zu entsenden. Diese Pläne waren jedoch nur für den Notfall gedacht und wurden nach einer Regierungswechsel in Paris obsolet. Am 12. Juni stürzte das französische Kabinett Laniel, und der neue Premierminister Pierre Mendès-France erklärte, sein Verbleib im Amt sei nur möglich, wenn eine diplomatische Lösung des Konflikts gefunden werde. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger zeigte Mendès-France sich offen für eine Teilung Vietnams, was die amerikanische Politik zwang, ihre Strategien neu zu überdenken. Dulles erkannte, dass die Teilnehmer der Genfer Konferenz den Anspruch der Demokratischen Republik Vietnam auf den Norden zumindest in Teilen anerkennen würden. Es ging nun vor allem um Schadensbegrenzung. Gemeinsam mit der britischen Regierung erarbeitete Dulles ein Sieben-Punkte-Programm, das Mendès-France als Grundlage für weitere Verhandlungen dienen sollte. Ziel war es, die Viet Minh im Norden zu isolieren und gleichzeitig die Unabhängigkeit Kambodschas, Laos’ und des Südens Vietnams zu sichern.
Rückzug Frankreichs aus Indochina und die Unabhängigkeit der Staaten Kambodscha, Laos und Vietnam
Mit dieser Doppelstrategie verfolgte die Eisenhower-Administration zwei zentrale Ziele: Erstens sollte die Dekolonisierung vorangetrieben werden, also der Rückzug Frankreichs aus Indochina und die Unabhängigkeit der Staaten Kambodscha, Laos und Vietnam. Zweitens sollte die USA für die Sicherheit der Region sorgen. Tatsächlich gelang es der amerikanischen Regierung, ihre Forderungen weitgehend durchzusetzen: Am 20. Juli 1954 wurde zwischen der Demokratischen Republik Vietnam und Frankreich ein Waffenstillstand unterzeichnet. Dieser Waffenstillstand sah die Zurückziehung der französischen Streitkräfte vor, wobei die vietnamesischen Kräfte sich nördlich des 17. Breitengrades zurückziehen sollten. Die französischen Truppen würden Tonkin verlassen, und bis zu den geplanten freien Wahlen sollten beide Seiten ihre Territorien verwalten und den 17. Breitengrad als entmilitarisierte Zone respektieren. Zudem wurde beiden Parteien untersagt, ihre militärische Stärke auszubauen oder Militärbündnisse einzugehen. Eine internationale Kontrollkommission, bestehend aus Vertretern aus Polen, Kanada und Indien, sollte die Einhaltung der Vereinbarungen überwachen. Außerdem mussten die Viet Minh Laos verlassen, und den Pathet Lao wurde ein kleines Gebiet als Basis zugewiesen. Neben dem Waffenstillstand unterzeichneten alle Parteien – mit Ausnahme der USA und der Bao-Dai-Regierung – eine Abschlussvereinbarung, die die militärischen Vereinbarungen bestätigte und versicherte, dass der 17. Breitengrad keine völkerrechtliche Grenze darstelle. Es wurde festgelegt, dass im Juli 1956 faire, freie und geheime Wahlen unter Beobachtung der Internationalen Kontrollkommission stattfinden sollten. In einem separaten Protokoll erklärten die Vereinigten Staaten, dass sie die Beschlüsse von Genf weder durch Drohungen noch durch militärischen Einsatz verändern würden.
Die Rolle Moskaus und Pekings: Druck und Zugeständnisse
Nur unter großem Druck der Sowjetunion und vor allem der chinesischen Führung waren die Viet Minh bereit, die amerikanischen Forderungen zu akzeptieren. Sie kontrollierten schließlich neben dem Norden Vietnams etwa zwei Drittel des Südens und, gemeinsam mit den laotischen Kommunisten, große Teile von Laos. Ihre ursprünglichen Forderungen konnten sie nur teilweise durchsetzen. Das zentrale Anliegen der Viet Minh war die nationale Unabhängigkeit für Vietnam, Laos und Kambodscha. Diese Unabhängigkeit wurde jedoch nur eingeschränkt erreicht: Frankreich hatte dem Regime des Kaisers Bao Dai am 4. Juni die Souveränität Vietnams innerhalb von zwei Jahren zugesichert. Der Beschluss zur Teilung hinterließ zwei Regierungen – die Demokratische Republik im Norden und den Staat Bao Dais im Süden –, die beide Anspruch auf das gesamte Land hegten. Die einzige Forderung, die die Viet Minh durchsetzen konnten, war die Zusicherung, dass der Kampf um die Macht in Vietnam künftig auf der politischen Ebene ohne militärische Gewalt geführt werden sollte. Sie waren zuversichtlich, dass sie die vorgesehenen Wahlen in ganz Vietnam gewinnen würden.
Der Blick nach vorn: Der Weg in die amerikanische Schutzhaft
Allen Beteiligten war klar, dass die Beschlüsse von Genf nur einen Waffenstillstand bedeuteten, jedoch keinen endgültigen Friedensschluss. Im Verlauf der Verhandlungen trafen Eisenhower und Dulles eine Entscheidung, die das Schicksal Südvietnams für viele Jahre maßgeblich beeinflussen sollte: Die Vereinigten Staaten übernahmen die Verantwortung, für die Sicherheit des südlichen Teils Vietnams zu sorgen. Sie ersetzten Frankreich im Schutz des Landes und verpflichteten sich, militärisch einzugreifen, falls notwendig. Damit markierte die Genfer Konferenz einen entscheidenden Wendepunkt in der amerikanischen Indochinapolitik. Zwischen 1946 und 1950 hatte die US-Regierung sich neutral verhalten, Frankreich nur finanziell unterstützt und ihre Hilfe seit 1950 deutlich erhöht. Doch stets war die direkte militärische Intervention vermieden worden. Die Krise um Dien Bien Phu und die Ablehnung der Operation VULTURE durch Eisenhower hatten dies deutlich gemacht. Nun jedoch verbanden die USA ihre Sicherheitsinteressen zunehmend mit der Region Vietnam. Sie waren bereit, durch militärische Unterstützung Einfluss zu sichern, obwohl sie formal nur als Schutzmacht auftraten. Dieser Schritt war eine notwendige Vorstufe für das spätere amerikanische Engagement, das die Region bis in die 1960er Jahre maßgeblich prägte.












