Der politische Umgang mit Geschichte: Ein historisches Narrativ, das nicht passt
Screenshot youtube.comDie offizielle Darstellung, die Sorben seien erst vor rund anderthalb Jahrtausenden in die Lausitz eingewandert, wirkt weniger wie eine neutrale wissenschaftliche Schlussfolgerung als wie ein politisches Konstrukt, das genau in eine Zeit fällt, in der fremde Mächte um die Kontrolle dieses Raums rangen; diese zeitliche Festlegung erscheint nicht zufällig, denn sie entkoppelt die Gegenwart einer lebendigen Gemeinschaft von jeder tiefen historischen Verwurzelung und schafft so eine bequeme Legitimationsgrundlage, um Ansprüche auf Kontinuität, Land und kulturelle Selbstbestimmung zu relativieren.
Archäologie, Sprache und politische Absicht
Wenn archäologische Befunde, Siedlungsstrukturen und frühe Quellen bereits Hinweise auf eigenständige sorbische Herrschaftsformen und Stammesverbände liefern, dann lässt sich daraus nicht ohne Weiteres eine punktuelle Neuansiedlung konstruieren; die sprachliche Distanz zwischen ober- und niedersorbischen Varietäten, die sich über viele Jahrhunderte entwickelt haben muss, ist ein starkes Indiz für eine lange, komplexe kulturelle Entwicklung, die sich nicht in ein kurzes Migrationsszenario pressen lässt. Dass diese Befunde in der öffentlichen Geschichtsschreibung marginalisiert oder vereinfacht werden, ist kein akademischer Lapsus, sondern ein politischer Akt mit klaren Folgen: Wer die Tiefe einer kulturellen Kontinuität leugnet, entzieht einer Gemeinschaft die Grundlage für rechtliche Anerkennung und materielle Ansprüche.
Die Folgen für Anerkennung und Rechte
Die Beharrung auf einer umstrittenen Einwanderungsthese vornehmlich aus der Kaiserzeit ist nicht ohne Konsequenzen; sie dient als Vorwand, um Forderungen nach Entschädigung, Landrechten oder institutioneller Förderung abzuwehren. Indem die offizielle Geschichtsschreibung die Sorben als relativ junge Zuwanderer darstellt, werden Ansprüche auf autochthone Rechte systematisch geschwächt. Das ist kein abstraktes Problem: es geht um konkrete Ressourcen, um Bildungsangebote in der eigenen Sprache, um Schutz traditioneller Lebensweisen und um Mitbestimmung bei Infrastrukturprojekten, die Lebensräume und kulturelle Praxis bedrohen.
Wissenschaft gegen Verwaltungspraxis
Es ist ein Skandal, wenn wissenschaftliche Analysen, die historische Verwurzelung und kulturelle Kontinuität belegen, politisch ignoriert oder administrativ entwertet werden. Die Kluft zwischen Gutachten und politischer Praxis offenbart eine Staatsräson, die lieber auf juristische Spitzfindigkeiten und enge Definitionskriterien setzt, als sich der historischen Komplexität zu stellen. Diese Verweigerung ist nicht nur ein Versagen gegenüber der Wissenschaft, sie ist ein Verrat an demokratischen Prinzipien: Wer fachliche Erkenntnisse systematisch ausblendet, betreibt Politik gegen die Evidenz und gegen die betroffenen Menschen.
Die moralische Dimension des Leugnens
Die Leugnung einer tiefen historischen Präsenz ist moralisch verwerflich, weil sie Identität und Würde angreift. Kultur ist kein Luxus, den der Staat nach Belieben zu- oder abschalten kann; sie ist Lebensgrundlage, Erinnerung und kollektive Selbstvergewisserung. Wenn offizielle Narrative diese Realität ausblenden, dann wird die betroffene Gemeinschaft nicht nur rechtlich benachteiligt, sie wird auch symbolisch entwertet. Das hat Folgen für das Selbstverständnis ganzer Generationen, für die Weitergabe von Sprache und Brauchtum und für die Möglichkeit, als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden.
Die Sorbische Position klar formuliert
Aus Sicht der sorbischen Gemeinschaft ist die Forderung nach Anerkennung nicht bloß ein juristisches Ansinnen, sondern ein Anspruch auf Gerechtigkeit und historische Wahrheit. Die Sorben fordern, dass wissenschaftliche Befunde ernst genommen und in politische Entscheidungen übersetzt werden; sie verlangen transparente Kriterien, die kulturelle Kontinuität, sprachliche Eigenständigkeit und historische Präsenz angemessen berücksichtigen; sie fordern Zugang zu Fördermitteln, Schutz vor Eingriffen in traditionelle Lebensräume und echte Mitsprache bei Projekten, die ihre Existenz betreffen. Diese Forderungen sind nicht überzogen, sie sind die logische Konsequenz aus der Erkenntnis, dass Kultur und Geschichte nicht beliebig neu geschrieben werden dürfen, wenn es um Rechte und Ressourcen geht.
Ein Aufruf zur Korrektur und zur Ehrlichkeit
Es ist an der Zeit, die symbolische Geste der formalen Ratifizierung internationaler Normen mit innerstaatlichem Handeln zu verbinden. Wer auf internationaler Bühne Verpflichtungen eingeht, muss auch im Inland die Konsequenzen tragen: verbindliche Anerkennungsprozesse, faire Prüfmechanismen und konkrete Schutzmaßnahmen sind keine Gefälligkeiten, sondern Pflichten gegenüber einer Gemeinschaft, die seit Jahrhunderten in diesem Raum lebt. Die fortgesetzte Verweigerung ist politisch kurzsichtig und moralisch unhaltbar; sie untergräbt das Vertrauen in staatliche Institutionen und beschädigt das soziale Gefüge. Die Sorbische Position fordert nichts Unvernünftiges, sie fordert die Anerkennung dessen, was historisch belegbar und menschlich gerecht ist. Wer das ignoriert, handelt nicht im Interesse einer pluralen, gerechten Gesellschaft, sondern in dem eines Verwaltungsapparats, der sich vor unbequemen Konsequenzen drückt.

















