Aufstieg und Wandel der organisierten Kriminalität in den USA
Screenshot youtube.comDie Geschichte der organisierten Kriminalität in den Vereinigten Staaten ist eng mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts verbunden. Besonders prägend waren die Jahre der Alkoholprohibition und die Verschärfung der Drogengesetze, die den Nährboden für neue kriminelle Strukturen und Allianzen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen bildeten. Im Folgenden wird die Entwicklung der amerikanischen Mafia und der jüdischen Syndikate nachgezeichnet, wobei zentrale Persönlichkeiten, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Veränderungen im Mittelpunkt stehen.
Tradition und Wandel: Die ersten Reaktionen der Mafia auf verbotene Geschäfte
Zu Beginn der 1920er Jahre orientierten sich amerikanische Mafia-Gruppen noch an den Ehrenkodizes der sizilianischen »ehrenwerten Gesellschaft«. Diese traditionellen Werte verboten jegliche Beteiligung am Handel mit Drogen und der Prostitution. Aus diesem Grund ignorierten sie zunächst die gewinnträchtigen Geschäfte, die mit dem Verbot von Drogen und Alkohol einhergingen, und überließen diese Felder anderen kriminellen Akteuren. Besonders mächtige jüdische Gangster dominierten in dieser Zeit die organisierte Kriminalität in den USA und kontrollierten sowohl das Heroin- als auch das Prostitutionsgeschäft.
Die Prohibition als Katalysator für neue kriminelle Strukturen
Mit der Einführung der Prohibition veränderten sich nicht nur die Konsumgewohnheiten, sondern auch die Zusammensetzung und das Selbstverständnis der organisierten Kriminalität. Vor der Jahrhundertwende waren es vor allem Frauen der weißen Mittelschicht, die Opiumpräparate aus Apotheken konsumierten. Nach der Prohibition wandelte sich das Bild der Drogenabhängigen: Nun waren es meist Männer, die auf der Straße Heroin erwarben – versorgt von den Syndikaten, die diese neue Nachfrage bedienten. Die Prohibition führte somit nicht zu weniger Süchtigen, sondern trieb vielmehr neue, zahlungskräftige Kunden in die Arme der Verbrecherorganisationen. Aus kleinen, lokalen Banden wurden landesweite Syndikate, die milliardenschwere Geschäfte machten.
Jüdische Syndikate und die Professionalisierung des Drogenhandels
Ein besonders prägnantes Beispiel für diese Entwicklung ist die Karriere von Irving „Waxey“ Gordon Wexler. Gordon begann seine Laufbahn in der jüdischen Unterwelt New Yorks und wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Akteure im Kokain- und Heroingeschäft. Bereits kurz nach Inkrafttreten des Harrison Narcotics Act 1914 war er in den Handel mit Kokain verwickelt. Unterstützt wurde er von Arnold Rothstein, einem der berühmtesten jüdischen Gangster der Zeit, der durch seine Verwicklung in die Manipulation der World Series 1919 bekannt wurde. Jüdische Banden wie die von Gordon und Rothstein verbanden Drogenhandel, Alkoholschmuggel und Glücksspiele zu einem lukrativen, professionell geführten Geschäftsmodell.
Zahlen und Strukturen: Jüdischer Einfluss im Drogenhandel
Die jüdische Dominanz im Drogenhandel der 1920er Jahre lässt sich auch statistisch belegen. So wurden beispielsweise bei einer Erhebung in New York 83 von 263 bekannten Drogenhändlern als Juden identifiziert. Von den Syndikaten, die den Kokainhandel kontrollierten, waren 85 Prozent jüdisch, der Rest italienisch. Besonders konzentriert war das Geschäft in der Lower East Side, einem Viertel, das als Hochburg der jüdischen Kriminalität galt. Die Großhändler agierten von Philadelphia bis Boston, während sich fast die Hälfte der Einzelhändler auf wenige Straßen in Manhattan konzentrierte.
Internationale Dimensionen: Heroinhandel zwischen Europa, Asien und den USA
Die internationalen Verflechtungen der Drogenhändler wuchsen mit der Zeit. Jacob „Yasha“ Katzenberg etwa war ein Experte für die Beschaffung und den Schmuggel von Heroin aus Asien. In den 1920er Jahren konnten Drogen noch legal in Paris gekauft werden, später verlagerte sich der Einkauf nach Shanghai. Ein berüchtigter Fall war der sogenannte Katzenberg-Lvovsky-Buchalter-Komplex, der ab 1935 Heroin in großem Stil aus China in die USA schmuggelte und dabei enorme Gewinne erzielte. Die Akteure mussten dabei auf ausgeklügelte internationale Netzwerke und Schmuggelrouten zurückgreifen, um die Drogenlieferungen trotz zunehmender Kontrollen aufrechtzuerhalten.
Wandel der Vorherrschaft: Der Aufstieg der italienischen Mafia
Während jüdische Syndikate in den 1920er Jahren noch die Hauptakteure im Drogen- und Alkoholhandel waren, begann sich dies in den 1930er Jahren zu ändern. Durch interne Machtkämpfe und das Aufstreben neuer, weniger traditionsgebundener Führungspersönlichkeiten wie Salvatore „Lucky“ Luciano wandelte sich die italienische Mafia. Luciano, der als einer der wichtigsten Verbrechensmanager der Neuzeit gilt, brach mit den alten Kodizes und integrierte das Drogen- und Prostitutionsgeschäft systematisch in die Mafia. Er schuf ein landesweites Netzwerk, das auf Kooperation zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen setzte – ein Bündnis mit jüdischen Gangstern wie Meyer Lansky hielt fast vier Jahrzehnte.
Innovationen und Expansion: Die Modernisierung der Mafia
Luciano modernisierte die Mafia grundlegend. Er schuf eine zentralisierte Organisationsstruktur, die es ermöglichte, landesweit zu operieren und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Neben Alkoholschmuggel und Glücksspiel setzte die Mafia nun verstärkt auf Heroinhandel und organisierte Prostitution. Besonders lukrativ war die Verbindung dieser beiden Bereiche: Viele Prostituierte wurden heroinabhängig gemacht, um ihre Loyalität und Arbeitskraft zu sichern. Bis 1935 kontrollierte Luciano Hunderte Bordelle in New York, und die Gewinne aus Drogen- und Sexgeschäften beliefen sich auf Millionenbeträge.
Verdrängung und Monopolisierung: Die Mafia übernimmt das Geschäft
Mit dem Aufstieg der italienischen Mafia wurden die jüdischen Syndikate nach und nach verdrängt, teils durch Gewalt, teils durch geschickte Preisstrategien. Die Mafia erreichte ein nahezu vollständiges Monopol im Straßenhandel mit Heroin. Allerdings führte diese Entwicklung auch zu einer drastischen Verschlechterung der Qualität des Rauschgifts: Der Reinheitsgrad sank, und gesundheitliche Schäden bei den Konsumenten nahmen zu. Zeitzeugen berichteten, dass mit der Mafia die Geschäftsethik verloren ging und der Profit über alles gestellt wurde.
Staatliche Gegenmaßnahmen und die Schwächung der Mafia
Ende der 1930er Jahre wuchs der staatliche Druck auf das organisierte Verbrechen. Großangelegte Ermittlungen und Prozesse führten zu spektakulären Verurteilungen, darunter auch die des Mafia-Bosses Luciano, der zu jahrzehntelanger Haft verurteilt wurde. Weitere Anführer flohen ins Ausland, um der Strafverfolgung zu entgehen. Der Niedergang der Mafia in den USA wurde zudem von parallelen Entwicklungen in Europa begleitet, wo insbesondere Mussolinis faschistische Regierung einen kompromisslosen Kampf gegen die sizilianische Mafia führte.
Mussolinis Feldzug gegen die sizilianische Mafia
In Italien führte Mussolini ab Mitte der 1920er Jahre eine gnadenlose Kampagne gegen die Mafia. Mit modernen Polizeimethoden und brutaler Gewalt gelang es seinem Präfekten Cesare Mori, die Mafia in vielen Regionen Siziliens nachhaltig zu schwächen. Tausende Mafiosi wurden verhaftet, viele Strukturen zerschlagen. Die „ehrenwerte Gesellschaft“ überlebte zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nur noch in abgelegenen Gebieten.
Organisierte Kriminalität im Wandel
Die Geschichte der amerikanischen Mafia und der jüdischen Syndikate zeigt, wie eng gesellschaftliche Umbrüche, Gesetzesänderungen und kriminelle Innovationen miteinander verflochten sind. Die Prohibition und die ersten Drogengesetze schufen neue Märkte, die von flexiblen und skrupellosen Akteuren schnell genutzt wurden. Die italienische Mafia entwickelte sich unter Führung von Luciano zu einer modernen, effizienten Organisation, die das Bild des organisierten Verbrechens bis heute prägt. Doch der ständige Druck von Polizei und Justiz sowie interne Machtkämpfe sorgten immer wieder für Wandel und Neuorientierung – ein Prozess, der die Geschichte der Kriminalität in den USA bis in die Gegenwart bestimmt.













