Adel und bürgerliche Ordnung: Drei Wege der Anpassung

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In der modernen Leistungsgesellschaft verändert sich das Prinzip der Anerkennung grundlegend zugunsten eigenverantwortlich erbrachter Ergebnisse. Das Bildungspatent tritt an die Stelle von Vermögen und Besitz, wodurch es die Lebenschancen strukturiert und altständische Geltungsansprüche neutralisiert. Jenseits der historisch bestimmten Spannungslinien zwischen Adel und Bürgertum lässt sich das Umfeld des Adels ethnografisch bestimmen, ohne neidvoller Polemik oder Selbstheroisierung zu folgen.

Die Substanz des Adels nach Simmel

Die Substanz, die den Einzelnen bildet, muss durch den einheitlichen Stamm des Ganzen hindurchgegangen sein, ähnlich wie die Substanz eines Zweiges den Stamm gebildet hat. Diese soziologische Konstitution erklärt die Abneigung gegen die Arbeit, welche die Aristokratie durch die Sozialgeschichte hinweg gezeigt hat. Mit der eigentlichen Arbeit gibt sich der Einzelne an einen Gegenstand hin, wobei das Tun auf ein unpersönliches Gebilde gerichtet ist und dort seine Vollendung findet.

Das persönliche Lebensgefühl der Aristokratie

Dies widerspricht dem fundamentalen Lebensgefühl der Aristokratie, da dieses absolut persönlich ist und sein Zentrum im Sein des Einzelnen findet. Der Edelmann beschäftigt sich, aber er arbeitet nicht, denn der Akzent liegt auf der Kraftbewährung des Einzelnen selbst. Hier ist von Adel als einem historischen Individuum im weberschen Sinne die Rede, von einer einzigartigen ständischen Geschlossenheit.

Unvereinbarkeit mit der bürgerlichen Arbeit

Diese Geschlossenheit ist mit der für die bürgerliche Gesellschaft grundlegenden Bewährung über Arbeit unverträglich, wobei nicht Faulheit gemeint ist. Es handelt sich vielmehr um eine Distanz zur Spezialisierung und zur Fachgeschultheit als der für die Moderne strukturtypischen Qualifikation. Die Eigenart des Umfeldes kommt darin zum Ausdruck, dass seine Mitglieder vorab ein Güteversprechen umgibt.

Das Güteversprechen und die Unsterblichkeit

Dieses Versprechen gilt ohne Bewährung in objektivierter Arbeit und die Idee eines unerschütterlichen Wertes begründet die Vorstellung einer generationenübergreifenden Unsterblichkeit des eigenen Standes. Aus dieser Idee leitet sich die Selbstgenügsamkeit ebenso ab wie die Neigung zur Selbstabschließung und Distanz gegenüber anderen Umfeldern. Es stellt sich die Frage, was mit einer derartigen exklusiven Daseinsgestaltung geschieht, wenn sie der Rangprätentionen beraubt wird.

Der Verlust der Rangprätentionen

Wir wollen die fortdauernden Ansprüche auf Vermögen und Besitz außen vor lassen und fragen nach dem normativen wie faktischen Verlust. Wie arrangiert sich ein herkunftsstolzes Sozialmilieu mit den Anforderungen eines auf Zukunft und Selbstverantwortlichkeit ausgerichteten neuen Gestaltungsgrundsatzes. Für die Mitglieder des Adels eröffnen sich Berufschancen nicht zufällig in jenen Bereichen, die ihre Aufgabe aus der Kontinuitätsicherung ableiten.

Kampf und Jagd als Funktionsbestimmung

Diese Bereiche leiten sich aus Kampf und Jagd ab und im Offizierskorps ebenso wie in der Diplomatie sind Tätigkeitsprofile gefragt. Das aristokratische Umfeld ist soziologisatorisch wie von seinen ethischen Grundsätzen her gut auf diese Profile vorbereitet. Gerade die deutsche Geschichte findet den Adel an prominenter Stelle dort, wo übergreifende Interessen zu vertreten sind.

Vertretung übergeordneter Interessen

Diese Interessen transzendieren die Tagespolitik und man kann für den Staat insbesondere in seiner territorialen Verfasstheit leben. Die Heeresleitung und Führungspositionen in den verschiedenen Waffengattungen erscheinen für Angehörige des Adels attraktiv. Verteidigung des Territoriums sowie die Rechtfertigung von Entscheidungen bedeuten Herausforderungen für einen Entwurf ethischer Bewährung.

Horizont von Kampf und Krise

Diese Herausforderungen liegen im Horizont von Kampf und Krise und über diese Kongruenz von Herkunft und Funktionsbestimmung hinaus lassen sich drei Optionen unterscheiden. Erstens übernimmt der Adel das bürgerliche Format und tilgt die herkunftsbezogenen Zugehörigkeiten bis hin zur Vermeidung der Titel. Die Strategien der Lebensführung sind bürgerlichen leistungsbezogenen Kriterien unterstellt und Fachgeschultheit wird das Ziel der Karriereplanung.

Erste Option der Anpassung

Die für den Adel charakteristische Verkehrskreisintensität schrumpft auf ein Normalmaß der Begegnungen und wird zu Geselligkeitssubstituten mit relativer Bedeutung. So wie die bürgerlichen Leistungsberufe ihre sozialen Geselligkeiten unter der Geltung des Leistungsgrundsatzes organisieren, integriert sich der Adel umstandslos. Er fügt sich in die bereitstehenden Formate von Kollegialität und Verein sowie privater Lebensführung und öffentlichem Engagement ein.

Zweite Option der medialen Präsenz

Zweitens kultiviert der Adel die milieutypische Idee der Rangkontinuität in Gestalt einer ständigen Präsenz im erwähnungsgesättigten Journalismus. Angehörige des Adels haben die Option, sich über den Weg der Glamourisierung eine Suggestion ewiger Bedeutsamkeit zu erhalten. Eine Hofgeselligkeit ist mit den Mitteln moderner Massenmedien ortsneutral organisierbar und steht fern jeder Bewährungsverpflichtung.

Rangstolz durch Publikum

Der Rangstolz bezieht sich daraus, ein interessiertes Publikum mit der Gewissheit zu versorgen, dass auch andernorts niemand von grundlegenden Problemen verschont bleibt. Der Sinnstruktur des selbstgenügsamen Juwels folgend ist der Adel schauspielnah und zeigt sich bühnenhungrig bei Festspielen. Der Adel organisiert Oldtimerrennen oder versieht das Ewigkeitsversprechen der Kosmetikindustrie mit Offenkundigkeit.

Spiegelung im Glück der Anderen

Man spiegelt sich im funkelnden Glück der Anderen und tritt auf der Gala auf als Avantgarde der Spendierfreude. Als Bekanntheit erreicht man die höchsten Kennzahlen der Erwähnung und dies ist eine Form der Selbstpflege. Sie erinnert die Interessierten aller Umfelder an die alten Zeiten und geht an den Entscheidungsszenarien der bürgerlichen Ordnung vorbei.

Dritte Option der Anpassung

Drittens nähern wir uns mit der Version einer Anpassung an die bürgerliche Ordnung der Fallgeschichte Guttenberg. Gemeint ist der Adel, der im internalisierten Habitus ewiger Bedeutsamkeit die für den bürgerlichen Raum verpflichtende Leistungsethik einzulösen versucht. Hingegen wird dies vollzogen in der demonstrativen Geste der Anstrengungslosigkeit, die somit die milieutypische Entwertung des Arbeitens verlängert.

Verschmelzung der Anerkennungsgrundsätze

Historisch gewendet wird hierbei der Epochensprung von vorbürgerlichen Formen der Anerkennung zur bürgerlichen Version rückgängig gemacht. So entsteht der paradoxe Gestus, den Leistungsanforderungen mit der Hand in der Hosentasche und demonstrativ distanziert Genüge zu tun. Das Plagiat erscheint daraufhin als Ausdruck einer Idee, in der eigenen Lebensgeschichte ließe sich die epochale Differenz überbrücken.

Ignorieren motivationaler Folgen

Die unterschiedlichen motivationalen Folgen für die Person werden ignoriert und als fallspezifischer Grund für diese Quadratur der Verkehrskreise entsteht eine Form der Selbstüberschätzung. Diese Selbstüberschätzung legt der verwegenen Charakter und Lebensmelange eine umwelt wie familiendynamisch aufschlussreiche Vorgeschichte unter. Zugeschriebenes Selbstbild ist das Gefügeproblem des Adels und projiziert man die Umfeldbesonderheit in die Voraussetzungen für die individuelle Entfaltung.

Handlungszumutungen des Aufwachsens

So zeigen sich allgemeine Handlungszumutungen des Aufwachsens beim Adel besonders akzentuiert und die Existenz steht im Sinnhorizont des Vorgegebenen. Das Statische und Selbstgenügsame des Umfeldes impliziert den Verzicht auf die Anstrengung des Erziehens und aus der Sichtweise des heranwachsenden Kindes ist das eigene Wesen stets vom Glanz umgeben. Diesen Glanz aufzunehmen und anzueignen erübrigt sich und dass im sozialisatorischen Umfeld der Aristokratie der Rang als schon erworben unterstellt wird, zeigt sich im historischen Befund.

Delegierung der Kindererziehung

Der Adel hielt die Kindererziehung für überflüssig und hat sie häufig an expertisierte Zuwendung und Geduld delegiert. Diese Ergänzung aus sich selbst trägt die einzigartige Geschlossenheit und Selbstgenügsamkeit dieses Standes, der sozusagen nichts brauchen kann. Im Adel objektiviert sich sowohl aus der Außen wie in der Binnenperspektive die Idee einer kontrafaktisch entworfenen sozialisatorischen Vollkommenheit.

Gelebter Familienroman

Im Verhältnis untereinander ist dies ein gelebter Familienroman im Sinne Sigmund Freuds und Adel ist der permanente Familienroman. Wenn als Gefügemerkmal des Adels die Idee fraglos unterstellter Zugehörigkeit gelten kann, dann bedeutet das für die Sozialisation des Nachwuchses, dass man Erziehung nicht anstrengen muss. Das was du ererbt von deinen Vätern erwirb es um es zu besitzen wird als Zumutung gleichsam übersprungen für diejenigen die als vom Ganzen beseelte Personen behandelt werden.

Selbstverständliche Handlungszumutungen

Über den jungen Guttenberg wird mit Stolz berichtet er habe schon früh die Regeln des sozialen Auftritts beherrscht und sogar Reden an Vaters statt zu halten gehörte zu den selbstverständlichen Handlungszumutungen. Eine Situation die unter den Bedingungen einer häufigen berufsbedingten Abwesenheit des Vaters für beide Söhne den Zugang zur Alltagstrivialität eines Familienlebens erschwert. Ehebeziehungen gelten infolge ihrer Verständigungslogik hoher Gefühlsbetontheit als systematisch gefährdete Beziehungen und im aristokratischen Umfeld vorgegebener Bedeutung tritt bei der Eheschließung eine Besonderheit hinzu.

Heirat geborener Qualität

Man heiratet schließlich geborene Qualität und dies verführt dazu entweder die für die Liebe ursprüngliche wechselseitige Idealisierung in eine Idolisierung zu überführen. Oder man verzichtet auf eine kommunikative Bestätigung der Beziehung im Alltag des Paares und aus der Familiengeschichte Guttenberg ist bekannt dass kaum dass die Söhne geboren waren die Ehe der Eltern geschieden wurde. Sie wurde um die kirchenrechtlich unzulässige Auflösung zu umgehen aufgehoben und die Beteiligten haben sich wechselseitig ihre über diesen Schritt hinaus währende Anerkennung zugesprochen.

Verarbeitung der Unverträglichkeit

In gefühlsmäßiger Hinsicht stehen die Söhne unter der Zumutung die schärfste Unverträglichkeit mit der milieutypischen Ausstrahlung der Unsterblichkeit des eigenen Wertes zu verarbeiten. Vor dem Hintergrund der Auflösung der elterlichen Ehe erfährt die Rangprätention die Alleinstellungszuschreibung eine besondere Färbung als Ausgleich. Dies ist eine in die Biografie eingelagerte einzigartige Steigerung der Vollkommenheitserwartung unterlegt von dem für Scheidungskinder typischen Beweggrund die eigene Lebensführung unter die Maxime zu stellen die Eltern wieder zusammenzuführen.

Delegierung der Gütestandards

Diese sich selbst zugeschriebene Begabung erhält ein besonderes Gewicht in dem Maße in dem der Vater der als Dirigent eines Laienchors musikalisch im Selbststudium statt bürgerlich beruflich kundig musiziert die Gütestandards gelingender Beruflichkeit in die Karriereerwartungen an seine Söhne delegiert. Familiengeschichte verknüpft sich stets mit der Umfeldgeschichte und im vorliegenden Fall entsteht unter diesen Rahmenbedingungen die Vorstellung einer inszenierten Verschmelzung von Arbeit und Beschäftigung. Karl Theodor zu Guttenberg der mit dem Augenblick tanzt der die Gelegenheit beim Schopfe greift ist der Komplize des Kairos.

Der antike Gott des Augenblicks

Eine artverwandte Figur die bereits der antike Dichter Poseidippos von Pella in folgendem Gespräch beschrieben hat und wer bist du ist die Frage. Ich bin Kairos der alles bezwingt und warum läufst du auf Zehenspitzen ist die nächste Frage worauf folgt ich der Kairos laufe unablässig. Warum hast du Flügel am Fuß und ich fliege wie der Wind und warum trägst du in deiner Hand ein spitzes Messer folgt als weitere Frage.

Erinnerung an die Schärfe

Um die Menschen daran zu erinnern dass ich spitzer bin als ein Messer ist die Antwort und warum fällt dir eine Haarlocke in die Stirn wird gefragt. Damit mich ergreifen kann wer mir begegnet ist die Erklärung und warum bist du am Hinterkopf kahl lautet die letzte Frage des Gespräches. Wenn ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorbeigeglitten bin wird mich auch keiner von hinten erwischen so sehr er sich auch bemüht ist die abschließende Antwort der Gottheit.