Die gewaltsame Eingliederung der Freien Stadt Frankfurt und die Schattenseiten der deutschen Reichsgründung

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Die historische Betrachtung der deutschen Reichsgründung in der Neuzeit wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft von einem verklärten Deutungsmuster dominiert. Dieses Deutungsmuster stellt die Vereinigung der deutschen Staaten als einen reinen Befreiungsakt dar, der die Bevölkerung von der Fessel der kleinstaatlichen Zersplitterung erlöste. Eine tiefgreifende Analyse der damaligen Ereignisse offenbart jedoch ein gänzlich anderes Bild der machtpolitischen Realitäten. Die gewaltsame Durchsetzung der preußischen Hegemonie ging mit erheblichen Freiheitsverlusten und brutalen Unterdrückungsmaßnahmen einher. Die folgende Darstellung beleuchtet diesen Konflikt am Beispiel der Freien Stadt Frankfurt, um die komplexen Dynamiken und die menschlichen Tragödien jener Zeit in ihren vollen Dimensionen zu erfassen.

Der trügerische Mythos der friedlichen Einigung

Die Gründung des deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871 wird bis in die Gegenwart hinein teilweise als eine glorreiche historische Leistung gefeiert. Angeblich soll die Bevölkerung dadurch vom Joch der Kleinstaaterei befreit worden sein. In der Realität verhielt es sich jedoch genau entgegengesetzt. Bereits vor dieser Reichsgründung fand im Jahr 1866 ein blutiger Konflikt zwischen deutschen Staaten statt. Dieser Krieg diente primär der Festigung der preußischen Vormachtstellung auf dem europäischen Kontinent.

Die Machtkonzentration in preußischer Hand

Der deutsche Kaiser war gleichzeitig stets der preußische König, was die Hegemonie Preußens innerhalb des im Jahr 1871 gegründeten Deutschen Kaisereiches zementierte. Weder der König von Bayern noch die Herrscher der übrigen 21 Königreiche, Herzogtümer und Fürstentümer erlangten jemals die Kaiserwürde. Die politische Macht konzentrierte sich ausschließlich in preußischer Hand, was die Souveränität der anderen Staaten faktisch aufhob. Am Beispiel der einst freien Stadt Frankfurt am Main lässt sich diese Entwicklung besonders gut nachvollziehen. Otto von Bismarck vertrat dort in den Jahren 1851 bis 1859 die preußischen Interessen als Gesandter beim Deutschen Bundestag.

Der Konflikt mit der liberalen Frankfurter Gesellschaft

Die ausgeprägte Liberalität der bürgerlichen Frankfurter Gesellschaft und die bestehende Freiheit der Presse missfielen dem preußischen Gesandten gründlich. In einem Schreiben an einen preußischen Minister im Jahr 1853 äußerte er die Überzeugung, dass man den demokratischen Strömungen nur durch eine militärische Diktatur begegnen könne. Diese Diktatur sollte ohne jegliche Rücksicht auf gerichtliche Formen und deren Schutz durchgesetzt werden, um die wirtschaftliche Blüte der Stadt unter preußische Kontrolle zu bringen. Lange vor der Reichsgründung war die freie Stadt Frankfurt mit ihren damals rund 80.000 Einwohnern jedoch bereits ein reiches und prosperierendes Gemeinwesen. Der wirtschaftliche Aufstieg nach der Reichsgründung fand nicht wegen dieser, sondern trotz dieser politischen Veränderung statt.

Fortschrittliche Strukturen in der Freien Stadt

Bereits im Jahr 1864 wurden in der Stadt die Reste der mittelalterlichen Zunftordnungen endgültig abgeschafft. Die Gewerbefreiheit setzte sich durch, und auch die letzten Einschränkungen der Rechte jüdischer Bürger wurden beseitigt. Kurz vor dem Ende der Unabhängigkeit im Juni 1866 wurde das direkte Mehrheitswahlrecht für alle Bürger eingeführt. Dieses Wahlverfahren für die Gesetzgebende Versammlung war für seine Zeit außerordentlich fortschrittlich. Selbst die Pressefreiheit war im Vergleich zu späteren staatlichen Konstrukten sehr weit entwickelt.

Die eskalierenden Spannungen zwischen Preußen und Österreich

Der preußisch-österreichische Gegensatz steuerte die deutschen Länder jedoch unaufhaltsam auf einen militärischen Konflikt zu. Ein im August 1863 auf Einladung Österreichs abgehaltener Fürstentag in Frankfurt brachte aufgrund des preußischen Fernbleibens keine politische Lösung. Das Scheitern dieser Versammlung brachte die Frankfurter Öffentlichkeit, die traditionell mit Österreich sympathisierte, vollends gegen Preußen auf. Auch die liberale Frankfurter Presse war mehrheitlich ablehnend gegenüber der preußischen Politik eingestellt. Besonders die seit 1617 bestehende Ober-Post-Amts-Zeitung und das französischsprachige Journal de Francfort übten scharfe Kritik.

Die satirische Kritik und die preußische Reaktion

In einer im Jahr 1860 neu gegründeten satirischen Zeitschrift kritisierte der Herausgeber Friedrich Stoltze die Politik Bismarcks in immer schärferen Kommentaren. Er wurde daraufhin mit einem Haftbefehl in Preußen gesucht und konnte die Grenzen seiner Heimatstadt nicht mehr gefahrlos verlassen. Im Umfeld des Deutschen Nationalvereins gab es jedoch auch einflussreiche Frankfurter, die an eine preußische Sendung zur Herstellung der deutschen Einheit glaubten. Ihr Sprachrohr war ein nationalliberales und von Preußen finanziell unterstütztes Blatt. Der angesehene Bankier Moritz von Bethmann, der als preußischer Generalkonsul in Frankfurt amtierte, gab sein Amt aus Protest gegen diese Politik später auf.

Der Ausbruch des Konflikts und die Besetzung Frankfurts

Als sich im Frühsommer des Jahres 1866 der Krieg unausweichlich abzeichnete, blieb die Stadt ihrer Devise treu, im Recht und bundestreu zu handeln. Sie stimmte im Juni 1866 für die Bundesexekution gegen Preußen, erklärte jedoch gleichzeitig, dass sie sich nicht aktiv an den kriegerischen Handlungen beteiligen werde. Es gelang der Stadt jedoch nicht, sich aus den militärischen Verwicklungen herauszuhalten. Preußen betrachtete die Frankfurter Bundestreue als feindlichen Akt. Bismarck war fest entschlossen, die deutsche Einheit unter preußischer Führung mit militärischer Gewalt herzustellen und Österreich aus der deutschen Politik zu verdrängen.

Die brutale Besatzung und die finanziellen Forderungen

Preußische Truppen unter General Eduard Vogel von Falckenstein okkupierten im Juli 1866 die unverteidigte Stadt und belegten sie sofort mit schärfsten Strafmaßnahmen. Bereits am folgenden Tag wurde der Stadt eine anfängliche Kontribution von rund 5.800.000 Gulden auferlegt, die sofort bezahlt werden musste. Der kurz darauf neu ernannte Nachfolger Edwin von Manteuffel erhob daraufhin eine weitere gewaltige Kontributionsforderung in Höhe von 25.000.000 Gulden. Diese Summe sollte von den damals übrigen und nicht geflohenen etwa 35.000 Bewohnern der Freien Stadt aufgebracht werden, was die lokale Wirtschaft in den Ruin trieb. Der spätere Prager Frieden im August 1866 legalisierte diese Annektierung völkerrechtlich, doch die Besatzer gingen bis dahin mit äußerster Härte gegen die Bevölkerung vor.

Die systematische Ausplünderung der Stadt

Zahlreiche Bürger, darunter alle Mitglieder des Senats, wurden mit der Einquartierung von Soldaten belegt. Die Bürger mussten ihre privaten Reitpferde für die Armee zur Verfügung stellen. Händler und Gastwirte wurden gezwungen, große Vorräte an Lebensmitteln, Wein und Zigarren an die preußische Verwaltung auszuliefern. Es fand also eine regelrechte und systematische Ausplünderung der Stadt statt. Den lokalen Zeitungen wurde mit Ausnahme des preußenfreundlichen Blattes das Erscheinen verboten.

Verhaftungen, Geiselnahmen und die Flucht der Bürger

Der Redakteur der Oberpostamtszeitung, Hofrat Fischer-Goullet, wurde verhaftet und erlitt bei einer Vernehmung einen tödlichen Schlaganfall. Die Senatoren von Bernus und Speltz wurden als Geiseln in die Festung Köln gebracht. Zahlreiche Frankfurter sahen keine andere Möglichkeit, als ins Ausland zu fliehen. Der Herausgeber der satirischen Zeitschrift floh nach Stuttgart, und der Naturforscher Eduard Rüppell suchte Zuflucht in der Schweiz. Der Senat unter Bürgermeister Johann Heinrich von Fellner lehnte einen freiwilligen Anschluss der Stadt an Preußen zwar nicht grundsätzlich ab, erklärte sich aber bereit, die Stadtgeschäfte als Bevollmächtigter der Besatzer weiterzuführen.

Der vergebliche Versuch der Verhandlung

Fellner wurde wenige Tage später vom preußischen Militärkommando vereidigt. Er plädierte im Senat dafür, die weitere Geldforderung ebenso wie die anfängliche zu erfüllen. Gleichzeitig bat er die preußische Regierung um eine Möglichkeit zur Ratenzahlung. Die Gesetzgebende Versammlung und die Ständige Bürgerrepräsentation der Freien Stadt lehnten diesen Vorschlag jedoch im Juli 1866 ab. Sie wollten auf diese Weise gegen die unmenschliche Behandlung der Stadt protestieren.

Die mörderische Drohung des preußischen Kommandanten

Der preußische Stadtkommandant Generalmajor von Roeder legte diese Ablehnung als offene Rebellion aus. Er forderte den Bürgermeister auf, bis zum nächsten Morgen eine Liste mit den Namen und Besitzverhältnissen aller Mitglieder der städtischen Körperschaften offenzulegen. Andernfalls drohte er mit der endgültigen Plünderung und der Bombardierung der Stadt. Bei einer solchen Plünderung hätten sich die Soldaten alles nehmen dürfen, was sie für ihre privaten Zwecke benötigten. Es wäre dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu Brandschatzungen, Morden, Vergewaltigungen und weiteren schwersten Verbrechen gekommen.

Die Bombardierung und die totale Zerstörung

Inklusive der angedrohten Bombardierung durch große Feldgeschütze wäre die Stadt danach nur noch eine Trümmerwüste gewesen. Solche Szenarien der totalen Zerstörung sind leider auch bei späteren militärischen Konflikten immer wieder zu beobachten. Der Bürgermeister fand sich somit in einem unauflösbaren Konflikt wieder. Er stand zwischen seinen Pflichten gegenüber der Stadt und ihren Bürgern einerseits und seinem Eid als Regierungsbevollmächtigter andererseits. In dieser ausweglosen Situation sah er keinen anderen Ausweg als den Freitod.

Der tragische Freitod des Bürgermeisters

Am Morgen seines Geburtstages im Alter von 59 Jahren im Juli 1866 erhängte sich Fellner in seinem Wohnhaus in der Seilerstraße. Obwohl die Mitteilung seines Todes von der preußischen Militärbehörde zunächst unterdrückt wurde, verbreitete sie sich rasch in der Bürgerschaft. Über 6000 Bürger gaben ihm bei seinem Begräbnis auf dem Hauptfriedhof im Juli 1866 das letzte Geleit. Dies geschah, obwohl die Beerdigung auf Anordnung des Stadtkommandanten in den frühen Morgenstunden stattzufinden hatte. Bei der Trauerfeier überreichte der Schwager des Verstorbenen dem neuen preußischen Landrat die leere Ächtungsliste und den Strick, mit dem sich der Bürgermeister das Leben genommen hatte.

Die Lockerung der Repressalien und die diplomatische Absicherung

Nach diesem tragischen Vorfall wurden die schlimmsten Unterdrückungsmaßnahmen gelockert, da der preußische Ministerpräsident sein Ziel erreicht hatte. Er hatte in diplomatischen Kontakten mit dem französischen Kaiser und dem russischen Zaren die Gewissheit gewonnen. Er wusste nun, dass diese Mächte der preußischen Annexionspolitik und der Gründung des Norddeutschen Bundes im Jahr 1867 keinen Widerstand entgegensetzen würden. Die gewaltsame Eingliederung der Freien Stadt in das preußische Staatsgebiet war damit endgültig besiegelt. Die historische Wahrheit wurde jedoch lange Zeit von der offiziellen Geschichtsschreibung verschleiert, um das nationale Einheitswerk nicht zu beschädigen.

Die anhaltende Verdrängung der historischen Wahrheit

Die Einigung von Deutschland und die Gründung des Kaiserreiches werden teilweise heute noch als große historische Tat gefeiert. Es ist deshalb nicht besonders verwunderlich, dass viele Historiker an den staatlichen Universitäten nicht besonders erpicht sind, jenen Teil der Geschichte näher zu untersuchen. Eine solche Aufarbeitung könnte wohl ihre eigenen akademischen Titel und ihr Einkommen gefährden. Dies sagt auch viel über die reale Bedeutung der Wissenschaftsfreiheit in der gegenwärtigen Zeit aus. Eine wahrhaftige Geschichtsbetrachtung erfordert jedoch den Mut, auch die dunklen Kapitel der nationalen Vergangenheit ohne Scheuklappen zu analysieren.

Historische Einordnung und die Bedeutung der Aufarbeitung

Die Ereignisse um die Besetzung Frankfurts im Jahr 1866 verdeutlichen eindrücklich, dass die deutsche Einigung keineswegs ein rein friedlicher oder ausschließlich fortschrittlicher Prozess war. Vielmehr wurde sie durch militärische Gewalt, finanzielle Erpressung und die gezielte Zerschlagung demokratischer Strukturen in den betroffenen Städten erzwungen. Der tragische Freitod des Frankfurter Bürgermeisters steht symbolisch für den Widerstand der freien Bürgerschaft gegen autoritäre Übergriffe. Die heutige Geschichtswissenschaft steht in der Verantwortung, diese komplexen Zusammenhänge offen zu legen, anstatt sie zugunsten eines vereinfachten nationalen Deutungsmusters zu verschweigen. Nur durch eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der Vergangenheit kann ein fundiertes Verständnis für die Entwicklung demokratischer Werte in der Gegenwart entstehen.