Vietnam im Kalten Krieg: Der Weg in die Krise und die Fehlentwicklungen des Südvietnamesischen Regimes
Screenshot youtube.comDer Vietnam-Krieg gilt heute als eines der blutigsten und folgenreichsten Konflikte des 20. Jahrhunderts. Er war das Ergebnis jahrzehntelanger politischer, gesellschaftlicher und militärischer Entwicklungen, die tief in der Geschichte des Landes und in den globalen Machtkämpfen des Kalten Krieges verwurzelt sind. In den fünfziger Jahren, in der Zeit des sich zuspitzenden Ost-West-Konflikts, wurde Vietnam zum Symbol für die Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Kommunismus, zwischen westlicher Einflussnahme und asiatischer Unabhängigkeit. Die politischen Entscheidungen und Strategien, die damals getroffen wurden, legten den Grundstein für die späteren Konflikte und die tragische Entwicklung des Landes.
Der folgende Artikel ordnet die damaligen Ereignisse in den größeren Kontext ein, analysiert die wichtigsten politischen Akteure, ihre jeweiligen Ziele und die gravierenden Fehler, die letztlich zur Eskalation des Vietnam-Krieges führten. Im Mittelpunkt stehen dabei die politischen, sozialen und militärischen Fehlentwicklungen des südvietnamesischen Regimes und die internationalen Reaktionen auf die sich verändernde Situation.
Vietnam als strategischer Schlüssel im Kalten Krieg
Im Jahr 1956 formulierte der amerikanische Senator John F. Kennedy eine der prägnantesten Aussagen seiner Zeit, die das strategische Denken der Vereinigten Staaten im Kalten Krieg widerspiegelte. Er bezeichnete Vietnam als den „Eckpfeiler der Freien Welt in Südostasien“ und sprach von ihm als dem „Schlussstein im Bogen“, dem „Stopfen im Deich“. Mit diesen Worten drückte Kennedy nicht nur eine persönliche Überzeugung aus, sondern auch eine tief verwurzelte politische Überzeugung der Washingtoner Machteliten, die in den Jahren vor dem Höhepunkt des Kalten Krieges entstanden war. Diese Sichtweise war das Ergebnis einer jahrzehntelangen Überlegung, die die Verteidigung und Ausweitung des demokratischen Westens gegen den kommunistischen Osten zum Ziel hatte.
Die Grundüberzeugung war, dass die Vereinigten Staaten eine moralische und sicherheitspolitische Verantwortung für die Verteidigung der Demokratie in Südostasien übernehmen müssten. Das Konzept war klar: Vietnam war das Bollwerk, das die Ausbreitung des Kommunismus in der Region aufhalten sollte. Diese Haltung wurde durch eine Reihe sicherheitspolitischer Prinzipien untermauert, die in den fünfziger Jahren zur Richtschnur der amerikanischen Außenpolitik wurden.
Die sicherheitspolitischen Grundpfeiler der amerikanischen Außenstrategie
Die amerikanische Politik jener Jahre wurde maßgeblich durch die Truman-Doktrin geprägt, die 1947 verkündet wurde. Sie erklärte, dass die USA bereit seien, jeden Staat zu unterstützen, der gegen kommunistische Einflüsse verteidigt werden müsse, um die Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern. Ergänzend dazu wurde das NSC-68-Papier entwickelt, das eine massive Aufrüstung der amerikanischen Streitkräfte forderte und die globale Präsenz der USA verstärkte. Schließlich wurde die sogenannte Domino-Theorie entwickelt, die besagte, dass der Fall eines Landes in den Kommunismus eine Kettenreaktion auslösen würde, bei der benachbarte Staaten folgen würden.
Aus dieser Sicht wurden Demokratie und Freiheit zu den zentralen Zielen der amerikanischen Außenpolitik erklärt. Es wurde argumentiert, dass diese Werte unverrückbar seien, selbst wenn gelegentliche Fehleinschätzungen und Irrtümer die Umsetzung erschwerten. Wichtig war den Machthabern, dass die Motive und Absichten stets auf dem rechten Weg blieben. Dem gegenüber stand die Einschätzung, dass der Kommunismus eine aggressive, expansionistische Kraft sei, die niemals zufrieden sein würde, sondern immer streben würde, mehr Territorium und Einfluss zu gewinnen.
Geschichte und Erfahrung, so die Überzeugung, hätten gezeigt, dass man einen aggressiven Staat niemals dauerhaft besänftigen könne. Das berühmte Münchener Abkommen von 1938, das die Westmächte in die Zwangsauflösung der Tschechoslowakei durch Hitler einwilligen ließ, wurde dabei als warnendes Beispiel herangezogen. Es zeigte, dass nachsichtige Politik gegenüber einem Aggressor nur zu weiterer Expansion führe. Die amerikanische Einschätzung war, dass die sogenannte Eindämmungspolitik, die Truman verfolgte, im Wesentlichen richtig war.
Die Bedeutung der Verteidigung der freien Staaten
Im Kern war die amerikanische Außenpolitik auf den Gedanken ausgerichtet, dass die Sicherheit des Westens nur so stark ist wie das schwächste Glied in der Kette der freien Staaten. Das bedeutete, dass der Sieg des Kommunismus in einem Land die gesamte Sicherheitsarchitektur bedrohte. Daher war es unerlässlich, die kommunistischen Bewegungen und Regierungen zu kontrollieren und zu verhindern, dass sie expandierten. Der Fall Vietnams wurde hierbei zum Symbol: Ein kommunistischer Sieg in Südvietnam würde die Sicherheit der USA und des gesamten westlichen Blocks gefährden.
Doch die Realität der fünfziger Jahre begann, diese starre Sichtweise in Frage zu stellen. Während die Sowjetunion nach wie vor eine Atommacht war, die ihre Macht durch Aufrüstung und Einflussnahme in Osteuropa und anderen Regionen zeigte, wandelte sich die sowjetische Gesellschaft selbst. Nach Stalins Tod wurde die Politik der Massenverfolgungen eingestellt. Die neue sowjetische Führung suchte nach Wegen der „friedlichen Koexistenz“ mit dem Westen, was eine bedeutende Veränderung im Weltbild bedeutete.
In dieser Zeit entstanden auch bedeutende Bewegungen in der sogenannten Dritten Welt. Überall in Afrika und Asien wuchs der Wunsch nach Unabhängigkeit, nach Selbstbestimmung und nationaler Souveränität. Während Frankreich nach 1954 in einem verlustreichen Krieg in Algerien gefangen war, begann Großbritannien, sein Kolonialreich in den sogenannten „Commonwealth of Nations“ zu überführen, eine Art freiwilliges Bündnis unabhängiger Staaten. 1957 wurde Malaya unabhängig, und im selben Jahr proklamierte Kwame Nkrumah mit britischer Unterstützung die Republik Ghana. Der britische Premier Harold Macmillan warnte 1960 vor den Zeichen des Wandels, die durch Afrika wehten, und sprach vom „Wind des Wandels“.
Viele junge Staaten wollten sich nicht in das Ost-West-Schema der Supermächte pressen lassen. Sie orientierten sich stattdessen an der Politik des indischen Premierministers Jawaharlal Nehru, der eine konsequente Neutralitätspolitik verfolgte. Nehru vertrat die Überzeugung, dass eine unabhängige, friedliche Außenpolitik notwendig sei, um die Entwicklung der eigenen Gesellschaft voranzutreiben. Seine Politik, bekannt als „dynamischer Neutralismus“, umfasste die Ablehnung von Militärbündnissen, die Nutzung wirtschaftlicher Hilfe aus beiden Lagern sowie die moralische Unterstützung nationaler Befreiungsbewegungen.
Sein Ansatz wurde in der „Blockfreien Bewegung“ verkörpert, die sich 1955 in Bandung konstituierte. Ziel war es, eine Plattform für Staaten zu schaffen, die weder dem Ost- noch dem Westblock angehören wollten, um gemeinsam gegen Kolonialismus, Rassendiskriminierung und die Gefahr von Atomwaffen vorzugehen. Diese Bewegung wurde zum Symbol für eine neue, unabhängige Haltung weltweit, die sich gegen die bisherige bipolare Weltordnung richtete.
Amerikanische Fehlentwicklungen und die verpassten Chancen
Trotz dieser globalen Veränderungen in der internationalen Ordnung versäumte es die amerikanische Außenpolitik in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, auf die neuen Herausforderungen flexibel und konstruktiv zu reagieren. Die Eliten um Eisenhower, Dulles und das außenpolitische Establishment hielten an alten Denkmustern fest, die vor allem im Kampf gegen die Bedrohung durch den Nationalsozialismus und den Stalinismus entstanden waren. Diese Denkmuster waren schwerfällig und blockierten eine angemessene Reaktion auf die komplexer werdenden internationalen Verhältnisse.
Auch im Inneren der USA zeigte sich die konservative Haltung. Die Regierung unter Eisenhower setzte die Forderungen der Afroamerikaner nach Gleichberechtigung nur zögerlich um. Martin Luther King und andere Aktivisten forderten eine vollständige Integration und die Abschaffung der Rassentrennung, doch die Regierung antwortete mit einer Politik der „kleinen Schritte“, die den gesellschaftlichen Wandel verzögerte. Viele Amerikaner fühlten im Laufe des Jahrzehnts, dass die Gesellschaft in einer Art Lähmung verharrte, die sowohl die politische Stabilität als auch die gesellschaftliche Dynamik behinderte.
Ein Beispiel für die veralteten Ansätze ist die Unterstützung des südvietnamesischen Diktators Ngo Dinh Diem. Bereits im Oktober 1954 machte Präsident Eisenhower die Unterstützung von Diem von einer langfristigen Stabilisierung seiner Regierung abhängig. Ziel war es, eine stabile Regierung und ein nationales Bewusstsein in Südvietnam zu schaffen. Anfangs schien Diem diese Erwartungen zu erfüllen. Der Widerstand gegen kommunistische Bewegungen, die von Sekten, Kriminellen, Teilen des Militärs und der Verwaltung organisiert wurden, schien gebrochen. Diem schien auf dem Rücken des sogenannten „vietnamesischen Tigers“ zu reiten und fest im Sattel zu sitzen.
Doch die Realität war eine andere. Die breite Mehrheit der Bevölkerung identifizierte sich kaum mit der neuen Regierung. Der Staat war nur eine Elitefrage, und die meisten Menschen sahen ihre tatsächlichen Interessen nicht durch die Regierung vertreten. Die Unterstützung war nur oberflächlich, und die Unzufriedenheit breitete sich aus. Die politischen und sozialen Verwerfungen innerhalb Südvietnams wurden dadurch verstärkt, anstatt gelöst.
Wirtschaftliche Entwicklung und die Abhängigkeit vom Westen
Die Bedeutung einer stabilen wirtschaftlichen Basis wurde in Washington früh erkannt. Bereits Truman hatte 1949 im Rahmen seines „Point Four“-Programms die wirtschaftliche Hilfe für die peripheren Regionen angekündigt. Ziel war es, die Entwicklung in den ärmeren Ländern voranzutreiben, um den Einfluss des Kommunismus einzudämmen. In den fünfziger Jahren begann eine Welle von Unterstützung, bei der Staaten technische, finanzielle und personelle Hilfe erhielten. Wissenschaftler und Ökonomen an amerikanischen Universitäten entwickelten Konzepte und Programme, die Begriffe wie „Entwicklungshilfe“ und „Dritte Welt“ populär machten.
Der bedeutendste Vertreter dieser Entwicklung war Walt Rostow, der 1959 sein Buch The Stages of Economic Growth veröffentlichte. Seine Modernisierungstheorie postulierte, dass die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen, die Europa und die USA im Zuge der Industriellen Revolution durchlaufen hatten, auch in den Ländern der sogenannten Dritten Welt eintreten würden. Besonders in Südostasien sah Rostow eine „Take-off“-Phase voraus, in der die Gesellschaften durch amerikanische Unterstützung in die Moderne katapultiert werden könnten.
Im Rahmen dieser Strategie erhielt die südvietnamesische Regierung zwischen 1955 und 1961 insgesamt 1,447 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe. Hinzu kamen 508 Millionen Dollar an Militärhilfe. Damit war Südvietnam das Land, das nach Südkorea und Laos die höchste Pro-Kopf-Hilfe erhielt. Die Mittel wurden hauptsächlich für den Etat der Streitkräfte, den Staatshaushalt und die Infrastruktur eingesetzt. Ein bedeutender Teil der amerikanischen Finanzhilfe wurde durch das sogenannte „Commercial Import Program“ abgewickelt. Dabei stellte Washington der Regierung in Saigon Dollar zur Verfügung, die in Landeswährung weitergereicht wurden. Dieses System ermöglichte es Händlern, ausländische Produkte in der Landeswährung zu erwerben und somit den Handel anzukurbeln.
Doch diese Regelung hatte auch Schattenseiten. Sie förderte die Korruption innerhalb des Landes: Regierungsbeamte und Lizenznehmer schürften durch den systematischen Umgang mit den Mitteln enorme Profite. Mitte der sechziger Jahre beliefen sich die sogenannten „Windfall Profits“ auf jährlich 200 bis 600 Millionen Dollar, was die Wirtschaft in ihrer Eigenständigkeit schwächte und die Abhängigkeit vom Westen verstärkte. Die städtische Bevölkerung profitierte zwar vom System, aber die Wirtschaft insgesamt blieb schwach.
Militärischer Aufbau und die fatale Fehleinschätzung
Neben der wirtschaftlichen Unterstützung kam auch der militärische Aufbau eine zentrale Bedeutung zu. Die amerikanische Regierung entsandte Berater, um die Streitkräfte Südvietnams zu reorganisieren, auszurüsten und auszubilden. Die sogenannte „Military Assistance and Advisory Group“ (MAAG) wurde zunächst mit 360 Mann gegründet und später auf knapp 700 Soldaten aufgestockt. Sie war verantwortlich für die Verteilung der militärischen Hilfe und die Ausbildung der Streitkräfte, der sogenannten „Armee der Republik Vietnam“ (ARVN).
Die Organisation orientierte sich an den Erfahrungen des Koreakrieges und ging von einer konventionellen Verteidigung gegen eine Invasion aus dem Norden aus. Das heißt, die Strategie war auf einen Krieg gegen reguläre nordvietnamesische Truppen ausgerichtet, die den 17. Breitengrad überschreiten sollten. Doch bereits 1958 zeigte sich, dass diese Strategie den tatsächlichen Gegebenheiten nicht gerecht wurde. Der Bürgerkrieg im Süden brach aus, und die ARVN erwies sich als weitgehend unfähig, den bewaffneten Widerstand gegen die kommunistischen Guerillabewegungen effektiv zu unterbinden.
Ein weiteres Problem bestand darin, dass die kulturellen Differenzen zwischen amerikanischen Beratern und vietnamesischen Soldaten den Aufbau einer funktionierenden Armee erschwerten. Die meisten amerikanischen Offiziere beherrschten kein Vietnamesisch, geschweige denn Französisch, was die Kommunikation erheblich erschwerte. Vorurteile und Rassismus traten immer wieder offen zutage. Viele US-Offiziere äußerten sich abfällig über die vietnamesischen Soldaten, bezeichneten sie als „gooks“ und waren der Ansicht, dass sie nicht lernfähig seien. Gleichzeitig wurden die Vietnamesen schnell mit dem Vorwurf des Kolonialismus konfrontiert, wenn ihnen die amerikanischen Berater nicht als Partner, sondern eher als Vormünder erschienen.
Der größte Problempunkt war jedoch Präsident Diem selbst. Er verhinderte eine echte Koordination und Zusammenarbeit zwischen den Truppenteilen. Seine Politik war geprägt von zentralistischer Kontrolle. Er bestimmte alle Personalentscheidungen und ließ keine eigenständigen Entscheidungen der militärischen Führung zu. So wurden ranghohe Offiziere, wie Generalleutnant Duong Van Minh, auf Posten versetzt, bei denen sie keine eigenen Truppen unterstehen hatten. Dadurch entstand kein echtes Gemeinschaftsgefühl in der Streitmacht. Die Moral war niedrig, viele Soldaten sahen die Armee eher als Mittel zur Machterhaltung des Präsidenten denn als eine nationale Streitmacht.
Diem und die politische Struktur Südvietnams
Diem selbst war das zentrale Problem des südvietnamesischen Staates. Sein Regierungsstil war autokratisch und stark von konfuzianisch-katholischen Traditionen beeinflusst. Die Fassade einer Demokratie, nach den Wahlen 1955 eingeführt, war nur oberflächlich. In Wirklichkeit verfügte Diem über eine autokratische Herrschaft, bei der er das Land nach alten, autoritären Prinzipien führte. Es gab zwar ein Parlament und angebliche Menschenrechte, doch diese Prinzipien wurden in der Realität mit Füßen getreten.
Der Schein einer demokratischen Legitimation wurde durch Manipulationen bei Wahlen gewahrt. Die Wahlen 1955 wurden durch massive Wahlfälschungen geprägt. Die Opposition wurde systematisch ausgeschaltet, kritische Journalisten, Studenten und Intellektuelle wurden verhaftet oder eingeschüchtert. Das Wahlergebnis wurde durch die Armee und loyalen Kreise im Geheimen kontrolliert.
Diem sah sich selbst als obersten Herrscher, der über das Land wachte. Seine Regierungsphilosophie basierte auf konfuzianisch-katholischen Prinzipien, die den Herrscher als unfehlbar und über den Menschen stehend ansahen. In dieser Weltanschauung war der Souverän ein Vermittler zwischen Himmel und Erde, und die Menschen schuldeten ihm Gehorsam. Die Menschenrechte galten nur als Fassade, während die tatsächliche politische Praxis auf Kontrolle und Unterdrückung gründete.
Die Regierung war eng mit der Familie verbunden. Angehörige und Vertraute des Präsidenten dominierten die wichtigsten Positionen. Sein Bruder Ngo Dinh Nhu, der im Hintergrund agierte, war der eigentliche Machtträger. Die Familie Diem führte ein regierungseigenes Netzwerk aus Vetternwirtschaft, Korruption und politischen Intrigen. Die Verwaltung war von Nepotismus durchsetzt, und die Korruption war allgegenwärtig. Die Macht der Familie wurde durch die Einrichtung zweier Geheimdienste abgesichert, die sich gegenseitig ausspionierten.
Die politische Führung war geprägt von einer tiefen Ablehnung gegenüber jeglicher Opposition. Die Maßnahmen gegen die kommunistische Bewegung waren brutal: Tausende Menschen wurden verhaftet, in Lager gesteckt oder ermordet. Die Landreform war nur begrenzt erfolgreich, weil die meisten Bauern kaum die Mittel hatten, Land zu erwerben oder zu bewirtschaften. Die Abschaffung der lokalen Selbstverwaltungsorgane führte dazu, dass die traditionellen Machtstrukturen vor Ort zerbrachen. Landbesitzer, die früher als lokale Herrscher fungierten, wurden durch eine zentrale Verwaltung ersetzt, die wenig Verständnis für die lokalen Gegebenheiten zeigte.
Der Aufstieg der „Agrovilles“ und die soziale Krise
Um die Kontrolle über die Landbevölkerung zu erhöhen, begann die Regierung im Juli 1959 mit dem Projekt der „Agrovilles“ – Zwangsumsiedlungen in befestigte Dörfer. Das Ziel war es, die Landbevölkerung besser überwachen und frühzeitig kommunistische Sympathisanten identifizieren zu können. Die Umsetzung war allerdings katastrophal. Viele Bauern wurden gezwungen, ihre alten Hütten abzureißen, um den Bau der neuen Siedlungen zu ermöglichen. Das Material wurde oftmals von korrupte Beamte eingestrichen, die sich den Erlös sicherten.
Der materielle Verlust war für die meisten Bauern enorm. Für viele war die Trennung von den Familiengräbern, die in der konfuzianisch-buddhistischen Tradition eine zentrale Rolle spielen, kaum zu verkraften. Das Zurücklassen der Vorfahren bedeutete für die Bauern eine schwere seelische Belastung. Die meisten weigerten sich, umzuziehen, und kehrten nach einigen Wochen in ihre ursprünglichen Dörfer zurück – ein Zeichen für den Misserfolg des Projekts. Für das Regime war die Folge klar: Die „Agrovilles“ wurden zur Symbolfigur staatlicher Willkür und gesellschaftlicher Zerwürfnisse.
Opposition und die Krise der Demokratie
Bereits im April 1960 formierte sich Widerstand. Ehemalige hohe Beamte der französischen Kolonialverwaltung, die sich im „Hotel Caravelle“ in Saigon trafen, veröffentlichten ein Manifest, in dem sie die Regierung aufforderten, das Land zu liberalisieren und zu reformieren. Sie kritisierten die gewaltsamen Maßnahmen gegen die Opposition, die Wahlfälschungen und die zunehmende Repression. Es wurde deutlich, dass die Unzufriedenheit in der Gesellschaft groß war.
Diem reagierte mit harter Hand: Oppositionelle Journalisten, Studenten und Intellektuelle wurden verhaftet, ihnen wurden „kommunistische Verbindungen“ unterstellt. Im November 1960 versuchten einige Fallschirmjäger, den Präsidentenpalast zu stürmen, doch der Putsch wurde schnell niedergeschlagen. Dennoch zeigte sich, dass in der Gesellschaft eine immer größere Unruhe herrschte. Die politische Stabilität war zunehmend bedroht, und die Krise des Regimes zeichnete sich ab.
Der Weg Vietnams durch die fünfziger Jahre war geprägt von einer Mischung aus ideologischer Fixierung, veralteten Strategien und politischen Fehlentscheidungen. Die Fehlentwicklung des südvietnamesischen Regimes, die Abhängigkeit vom Westen, die Vernachlässigung der gesellschaftlichen Realität und die zunehmende soziale Spaltung trugen dazu bei, dass das Land in den folgenden Jahren in einen blutigen Konflikt stürzte, der bis heute nachwirkt. Die Ereignisse jener Zeit sind ein Mahnmal für die Folgen einer starren Ideologie, die die komplexen sozialen und politischen Realitäten ignoriert.












