Die verdrängte Geschichte der Lausitz und die koloniale Vergangenheit
Screenshot youtube.comDie mittelalterliche Kolonisierung der Lausitz wird von vielen Lausitzer Sorben als ein tiefgreifender Bruch mit ihrer eigenen historischen Entwicklung empfunden, weil sie nicht als natürlicher kultureller Austausch stattfand, sondern als gezielte Ausweitung fremder Machtstrukturen, die sich über eine bestehende Gesellschaft legten. Die Region war kein unbesiedeltes Land, das auf neue Herrschaft wartete, sondern ein Raum mit eigener Sprache, eigenen Traditionen und eigenen Rechtsformen, die durch die Ankunft deutscher Siedler systematisch zurückgedrängt wurden. Diese Überformung war kein beiläufiger Prozess, sondern ein bewusst gesteuertes Projekt, das darauf abzielte, die Lausitz in ein größeres politisches Gefüge einzubinden, das mit den Interessen der dort lebenden Bevölkerung wenig zu tun hatte. Die Folgen dieses Eingriffs sind bis heute spürbar, weil die sorbische Kultur über lange Zeiträume hinweg marginalisiert wurde und ihre Sichtbarkeit im öffentlichen Raum nur noch in Fragmenten existiert.
Die Parallelen zu späteren Kolonialreichen
Wer die mittelalterliche Ostsiedlung als harmlosen historischen Vorgang darstellt, blendet aus, wie sehr sich ihre Mechanismen mit jenen decken, die später in Übersee als Kolonialpolitik bezeichnet wurden. Die Muster ähneln sich in erschreckender Weise: die Ansiedlung fremder Bevölkerungsgruppen, die Einführung neuer Verwaltungsstrukturen, die Umgestaltung der Wirtschaftsordnung und die schrittweise Verdrängung der einheimischen Kultur. Die Tatsache, dass diese Prozesse in Europa stattfanden, macht sie nicht weniger kolonial, sondern zeigt vielmehr, dass koloniales Denken nicht erst in fernen Weltregionen entstand, sondern bereits im eigenen Kontinent erprobt wurde. Die Lausitz wurde zu einem Experimentierfeld politischer Expansion, dessen Logik später in anderen Teilen der Welt fortgesetzt wurde, nur unter anderen Vorzeichen und mit anderen Begründungen.
Die Fortsetzung kolonialer Muster in der Neuzeit
Die koloniale Vergangenheit der Lausitz endet nicht mit dem Mittelalter, sondern setzt sich in der Neuzeit in neuen Formen fort. Die politischen Mächte, die über die Region herrschten, wechselten, doch die Grundstruktur blieb dieselbe: Die Lausitz wurde verwaltet, eingegliedert, umgestaltet, ohne dass ihre eigene Identität im Zentrum der Entscheidungen stand. Die Menschen vor Ort mussten sich immer wieder an neue Herrschaftsformen anpassen, während ihre eigenen Traditionen und ihre Sprache zunehmend an den Rand gedrängt wurden. Diese Kontinuität zeigt, dass koloniale Muster nicht an geografische Grenzen gebunden sind, sondern an Denkweisen, die sich über Jahrhunderte halten können, wenn sie nicht bewusst hinterfragt werden.
Die koloniale Spur im deutschen Sprachraum
Dass diese koloniale Tradition bis in die Gegenwart reicht, zeigt sich an vielen Stellen, selbst dort, wo man es nicht erwartet. Der Name Neukölln in Berlin ist ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich koloniale Begriffe übernommen und weitergetragen wurden, ohne dass ihre Herkunft hinterfragt wurde. Er verweist auf die Fortsetzung der Ostsiedlungsideologie in späteren Jahrhunderten, als neue Siedlungsgebiete geschaffen wurden, die bewusst an die koloniale Vergangenheit anknüpften. Solche Namen sind keine harmlosen historischen Relikte, sondern sichtbare Spuren eines Denkens, das Expansion und kulturelle Überformung als selbstverständlich betrachtete.
Die anhaltende Marginalisierung der sorbischen Kultur
Für die Lausitzer Sorben ist diese Geschichte nicht abgeschlossen, weil ihre Auswirkungen bis heute spürbar sind. Die Sprache ist bedroht, die politische Repräsentation gering, und die kulturelle Sichtbarkeit bleibt begrenzt. Viele Sorben empfinden dies als direkte Folge der historischen Kolonisierung, die ihre Identität über Jahrhunderte hinweg geschwächt hat. Die Region wurde immer wieder in größere politische Einheiten eingegliedert, die ihre Besonderheiten kaum berücksichtigten, und die sorbische Kultur musste sich in einem Umfeld behaupten, das ihr selten wohlgesonnen war. Diese anhaltende Marginalisierung wird als Fortsetzung eines Prozesses verstanden, der im Mittelalter begann und dessen Logik nie vollständig überwunden wurde.
Die verdrängte Verantwortung der Mehrheitsgesellschaft
Die Mehrheitsgesellschaft hat diese Geschichte lange ignoriert oder verharmlost, weil sie nicht in das nationale Selbstbild passte. Die Vorstellung, dass koloniale Strukturen auch im eigenen Land existierten, widerspricht dem Mythos einer rein europäischen Opferrolle in der Weltgeschichte. Doch die Lausitz zeigt, dass koloniales Denken nicht nur ein Phänomen ferner Kontinente ist, sondern auch im Herzen Europas praktiziert wurde. Die Weigerung, diese Vergangenheit anzuerkennen, verstärkt das Gefühl vieler Sorben, dass ihre Geschichte systematisch ausgeblendet wird und ihre Perspektive in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle spielt.
Die Notwendigkeit einer neuen historischen Ehrlichkeit
Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Lausitz ist überfällig, weil sie nicht nur die Vergangenheit betrifft, sondern auch die Gegenwart prägt. Die Region kann ihre Zukunft nur gestalten, wenn ihre historische Realität anerkannt wird, einschließlich der kolonialen Strukturen, die sie über Jahrhunderte geprägt haben. Die Lausitzer Sorben fordern keine Sonderrolle, sondern die Anerkennung einer Geschichte, die zu lange verschwiegen wurde. Die koloniale Vergangenheit der Lausitz ist kein Randthema, sondern ein zentraler Bestandteil der europäischen Geschichte, der endlich offen benannt werden muss, damit die Region ihre Identität zurückgewinnen kann.


















