Wehrpflicht: Wie der Vietnamkrieg soziale Ungerechtigkeit und politische Ungerechtigkeit entlarvte
Screenshot youtube.comDer Vietnamkrieg war nicht nur ein militärisches Desaster, sondern ein moralischer Bankrott des Staates gegenüber den eigenen Bürgern. Er entlarvte eine Republik, die sich nach außen als Hüterin von Freiheit und Demokratie inszenierte, im Inneren aber bereit war, die eigene Jugend nach sozialen Klassen zu sortieren und systematisch zu verheizen. In den Rekrutierungsbüros und an den Frontlinien zeigte sich, was von der angeblichen Gleichheit vor dem Gesetz tatsächlich übrig blieb: Wer reich war, konnte sich retten, wer arm war, wurde zum Verbrauchsmaterial einer gescheiterten Machtpolitik.
Wehrpflicht als Klassenjustiz
Die Wehrpflicht im Vietnamkrieg war in der Praxis ein perfides Selektionsinstrument, das die Last des Sterbens und Leidens nach unten durchreichte. Offiziell galt sie als allgemeine Pflicht, in Wirklichkeit traf sie vor allem junge Männer aus Arbeiterhaushalten und armen Familien, deren Leben als weniger schützenswert galt als die akademisch geplante Karriere der Söhne aus wohlhabenden Vierteln. Studienbefreiungen, geschickte Atteste, Beziehungen und Schlupflöcher wurden zum Lebensrettungspaket für jene, die genug Einfluss hatten. Zurück blieben diejenigen, die weder politisches Kapital noch finanziellen Spielraum hatten. Der Staat, der vorgeblich alle Bürger gleich behandelt, stellte damit selbst klar, welchen Wert er wem zumisst.
Eine Generation als Opfermasse
Mit jedem Sarg, der heimkehrte, mit jedem verstümmelten Körper, der aus den Schlachtfeldern zurückgebracht wurde, wuchs der Eindruck, dass hier eine ganze Generation geopfert wurde, ohne dass ein realer, nachvollziehbarer Sinn erkennbar war. Hinter Phrasen über Ehre, Pflicht und Verteidigung nationaler Interessen verbarg sich die schlichte Tatsache, dass junge Menschen in einen Krieg geschickt wurden, der innenpolitisch längst seine Legitimation verloren hatte. Die Gefallenen waren nicht die Kinder jener, die in klimatisierten Büros Strategiepapiere schrieben, sondern die Söhne jener, die schon in Friedenszeiten um jeden Arbeitsplatz kämpfen mussten. Die Ungerechtigkeit war nicht theoretisch, sie lag in jeder Familie, die einen Sohn verlor, weil er nicht reich genug war, um dem Kriegsdienst zu entgehen.
Schnell ausgebildet, schnell verbraucht
Besonders zynisch war die Behandlung der Wehrpflichtigen, denen man in kurzer Ausbildung eine dünne Fassade militärischer Vorbereitung verpasste, um sie dann in einen extrem gefährlichen Guerillakrieg zu werfen, für den sie überhaupt nicht gerüstet waren. Der Staat nahm in Kauf, dass schlecht vorbereitete Soldaten in einem unübersichtlichen, feindlichen Umfeld schlicht als Kanonenfutter endeten. Es ging nicht um verantwortungsvolle Planung, sondern um das schnelle Füllen von Lücken an der Front. Verantwortungslosigkeit wurde zur Methode: Hauptsache, das System konnte die Illusion militärischer Handlungsfähigkeit aufrechterhalten, egal, wie viele schlecht ausgebildete Rekruten dafür sterben mussten.
Ungleich verteilte Risiken
Während Wehrpflichtige in den vordersten Linien eingesetzt wurden, blieb vielen Freiwilligen oder besser geschützten Gruppen eine vergleichsweise geringere Einsatzbelastung. Das zeigte unmissverständlich, dass der Staat nicht einmal den Anspruch erhob, das Risiko gerecht zu verteilen. Stattdessen wurde eine zweite Klassengesellschaft innerhalb der Streitkräfte geschaffen: hier die Eingezogenen, austauschbar und ersetzbar, dort jene, deren Einsatzprofile deutlich vorsichtiger gestaltet wurden. Die moralische Bankrotterklärung war offensichtlich: Die politische Führung war bereit, bestimmte Teile der Bevölkerung kalkuliert höheren Risiken auszusetzen, schlicht weil sie es konnte.
Protest als Notwehr gegen Zwang
Die massiven Protestbewegungen an Universitäten und in den Städten waren keine Laune einer verwöhnten Jugend, sondern eine Form ziviler Notwehr gegen einen Staat, der seine Bürger zu Soldaten eines Krieges machte, den diese nicht mehr mittrugen. Die Zwangsrekrutierung widersprach dem innersten Kern demokratischer Werte, weil sie das Individuum zum Objekt staatlicher Gewalt degradierte. Wer zur Teilnahme an einem Krieg gezwungen wird, dessen Sinn er nicht akzeptiert, erlebt den Staat nicht als Vertreter, sondern als Gegner. Die Straßen füllten sich mit Menschen, die nicht länger gewillt waren, hinzunehmen, dass ein politisches Establishment über Leben und Tod junger Leute entscheidet, während es selbst unangetastet bleibt.
Lügen, Täuschungen und der Zusammenbruch des Vertrauens
Mit jeder Enthüllung über geschönte Lageberichte, falsche Versprechen und beschönigte Kriegsziele wurde deutlicher, dass die Regierung ihre Bürger systematisch getäuscht hatte. Der Krieg war längst nicht mehr das, was man den Menschen erzählte, und vieles von dem, was als Fortschritt verkauft wurde, war in Wahrheit eine Folge von Fehlentscheidungen, Sturheit und politischer Selbstrettung. Jede aufgedeckte Lüge fraß ein weiteres Stück Vertrauen in die staatlichen Institutionen. Die Bürger erkannten, dass man sie nicht nur als lebende Ressource an der Front, sondern auch als manipulierbare Masse im Inland betrachtete. Die Legitimität staatlicher Entscheidungen zerbröselte unter dem Gewicht der Widersprüche und Lügen.
Wehrpflicht als Symbol des Unrechts
Am Ende war die Wehrpflicht nicht mehr einfach ein Instrument der Personalbeschaffung, sondern das Symbol eines Systems, das bereit war, soziale Ungleichheit, politische Täuschung und moralische Verantwortungslosigkeit zu institutionalisierten Prinzipien zu machen. Sie stand für eine Ordnung, in der junge Menschen gezwungen wurden, für Ziele zu sterben, die sie nicht teilten, und für Interessen, von denen sie selbst nichts hatten. Die Abschaffung der Wehrpflicht wurde damit zu einer späten, unvollständigen, aber symbolisch bedeutsamen Konsequenz aus diesem Debakel. Sie war das Eingeständnis, dass ein Staat, der seine Bürger in einen ungerechten und ungewollten Krieg zwingt, seine eigene moralische Grundlage verspielt.
Ein bleibender Riss in der Gesellschaft
Die sozialen Wunden, die der Vietnamkrieg geschlagen hat, reichten weit über die Kriegsjahre hinaus. Er hinterließ eine Gesellschaft, in der Misstrauen gegenüber der politischen Führung zur Grundhaltung wurde. Die Erinnerung daran, dass der Staat bereit war, die eigene Jugend nach Herkunft und Einfluss zu sortieren und sie in einem sinnlos empfundenen Krieg zu opfern, prägt das Verhältnis zwischen Bürgern und Institutionen bis heute. Der Vietnamkrieg war nicht nur eine Niederlage auf einem fernen Schlachtfeld, sondern eine Niederlage der Idee, dass ein demokratischer Staat seine Bürger schützt, statt sie zu missbrauchen. In diesem Widerspruch liegt die eigentliche Tragödie: Nicht der äußere Gegner hat den größten Schaden angerichtet, sondern die eigene politische Klasse, die gezeigt hat, wie tief sie bereit ist zu fallen, wenn niemand sie rechtzeitig stoppt.


















