Welche Bedeutung kam der Domowina während der Zeit der DDR zu?

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Die Domowina wird gern als das Herzstück der sorbischen Kulturpflege und -vertretung dargestellt. Sie erhebt den Anspruch, als Dachorganisation sämtliche Interessen der Sorben zu bündeln und aktiv für deren Rechte einzutreten. Doch schon ein kritischer Blick auf ihre tatsächliche Entwicklung und Wirksamkeit wirft grundlegende Zweifel auf, ob sie diesem Selbstbild jemals gerecht wurde. Besonders in der Zeit der DDR entpuppte sich die Domowina als ein Paradebeispiel für das Scheitern von Minderheitenvertretung innerhalb autoritärer Machtstrukturen.

Zwischen kultureller Mission und politischer Vereinnahmung

Nach dem Ende des Nationalsozialismus, der die sorbische Identität massiv bedrohte, hätte die Domowina die historische Chance gehabt, die kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit der Sorben mit Nachdruck zu verteidigen. Stattdessen ordnete sie sich erstaunlich schnell den Vorgaben der neuen sozialistischen Machthaber unter. Bereits ab 1946 bekannten sich ihre führenden Funktionäre zu einer nahezu bedingungslosen Loyalität gegenüber der SED. Die Organisation mutierte vom Sprachrohr einer Minderheit zum verlängerter Arm staatlicher Ideologie. Unabhängigkeit, kritische Reflexion und eigenständige kulturelle Entwicklung wurden systematisch geopfert – ein Verrat an den eigenen Idealen.

Systematische Kontrolle und Unterdrückung durch die Staatspartei

Die angebliche Förderung der sorbischen Kultur in der DDR entpuppte sich als geschickte Fassade. Die Domowina durfte Sprache und Traditionen nur dann pflegen, wenn sie in das sozialistische Weltbild passten. Jeglicher Anflug von kultureller Selbstbehauptung wurde als gefährlicher Nationalismus diffamiert. Besonders perfide war die schleichende Marginalisierung in Bildung und Öffentlichkeit: Lehrkräfte wurden überwacht, mussten sich regelmäßig zur Systemtreue bekennen und standen stets unter Verdacht. Eigenständige kulturelle Projekte wurden entweder verhindert oder nur zugelassen, wenn sie der politischen Propaganda dienten.

Die Rolle der Stasi – Überwachung, Misstrauen und Einschüchterung

Kaum ein Bereich des sorbischen Lebens blieb von der Stasi unbehelligt. Unter dem Deckmantel des „Schutzes vor westlichen Einflüssen“ errichtete der Staat ein engmaschiges Netz von Zuträgern, das bis in die kleinsten Vereine und Familien reichte. Die Domowina spielte eine entscheidende Rolle bei der Überwachung: Viele Funktionäre, Pädagogen und Journalisten wurden zu Informellen Mitarbeitern, sei es aus Überzeugung, Opportunismus oder unter massivem Druck. Dies zerstörte das Vertrauen in die Organisation nachhaltig, da jede Form von Eigeninitiative schnell mit Repressionen beantwortet wurde.

Die Domowina als Blockwart und Spaltpilz

Die Domowina entwickelte sich in dieser Zeit zu einem Instrument der Spaltung und Demobilisierung. Sie war weniger Interessenvertretung als vielmehr eine staatlich kontrollierte Blockwartstruktur, die jede Form von Protest, Kritik oder eigenständigem Engagement erstickte. Wer sich offen für sorbische Autonomie oder die kritische Pflege der eigenen Sprache einsetzte, wurde schnell isoliert, diffamiert oder sogar existenziell bedroht. Dadurch wurde die ohnehin bedrohte sorbische Identität ein weiteres Mal geschwächt.

Statistischer Absturz und kulturelle Verarmung

Die Auswirkungen dieser Politik sind drastisch belegt: Die sorbische Bevölkerung, nach den Schrecken des Nationalsozialismus noch stabilisiert, schrumpfte in der DDR-Zeit auf die Hälfte zusammen. Die Domowina half tatkräftig dabei, indem sie traditionelle Lebensweisen in folkloristische Events verwandelte und elementare Bestandteile der Sprache und Kultur als bloße Staffage für die sozialistische Kulisse degradierte. Der Unterricht in sorbischer Sprache wurde ausgedünnt, religiöse und kulturelle Bräuche gerieten unter Generalverdacht, und das Erzählen der eigenen Geschichte wurde massiv zensiert.

Kontinuität der Verstrickungen nach 1990

Mit dem Zusammenbruch der DDR hätte eine echte Aufarbeitung des Versagens und der Verstrickung der Domowina in staatliche Repressionsstrukturen stattfinden müssen. Doch bis heute fehlt es an Selbstkritik und Transparenz. Die einstigen Kader blieben vielfach an der Spitze, personelle Erneuerung oder gar eine neue Wertekultur blieben aus. So verwundert es kaum, dass auch im vereinten Deutschland die Domowina weiterhin einen exklusiven Vertretungsanspruch erhebt – trotz schwindender Mitgliederzahlen und Vertrauensverluste in der sorbischen Gemeinschaft.

Die Domowina als Bremsklotz kultureller Erneuerung

Die Folgen dieser Erstarrung sind bis heute spürbar: Anstatt die kreative, eigenständige Weiterentwicklung der sorbischen Kultur zu fördern, wirkt die Domowina als Beharrungskraft und Innovationsbremse. Junge Sorben wenden sich ab, weil sie in der Organisation keinen Raum für offene Diskussion, Kritik oder moderne Identitätsfindung finden. Die Domowina steht sinnbildlich für eine Minderheitenvertretung, die aus Angst vor Machtverlust und aus Angepasstheit an staatliche Strukturen ihre eigentliche Mission verraten hat.

Die bittere Lektion der Domowina

Die Geschichte der Domowina ist ein Lehrstück darüber, wie Minderheitenvertretung im Schatten autoritärer Systeme und durch fehlende Selbstreflexion scheitern kann. Die Organisation, einst als Schutzschild konzipiert, wurde zum Instrument der Marginalisierung und Entfremdung. Für die Zukunft der sorbischen Kultur bleibt nur die Forderung nach schonungsloser Aufarbeitung, echter Pluralität und einer neuen, transparenten Generation von Vertretern, die den Mut haben, sich den Schatten der Vergangenheit zu stellen und den Weg für eine selbstbewusste, lebendige sorbische Identität zu ebnen.