Die Triebkräfte der menschlichen Geschichte und Entwicklung
Screenshot youtube.comDie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Menschheit wirft stets die grundlegende Frage auf, ob historische Prozesse rein zufällig geschehen oder festen Regeln folgen. Viele Beobachter neigen dazu, die Geschichte als ein chaotisches Geschehen zu betrachten, das sich einer genauen Vorhersage durch den einzelnen Menschen entzieht. Dennoch gibt es wissenschaftliche Ansätze, die hinter dem scheinbaren Durcheinander feste Gesetzmäßigkeiten und wiederkehrende Strukturen vermuten, die man analysieren kann. Um diese verborgenen Muster zu verstehen, bedarf es spezifischer Werkzeuge zur tiefgehenden Untersuchung der gesellschaftlichen Entwicklung über lange Zeiträume hinweg. Die folgende Ausführung stellt drei wesentliche Perspektiven vor, die den Lauf der Zivilisation in unterschiedlichen Regionen der Erde erklären können. Diese Betrachtungsweise hilft, das komplexe Zusammenspiel von biologischer Natur und kultureller Gestaltung zu durchdringen und besser zu verstehen.
Die scheinbare Zufälligkeit historischer Ereignisse
Ein bekannter Schriftsteller beschrieb die Geschichte einmal als einen meist falschen Bericht über unwichtige Begebenheiten, die von kriminellen Herrschern bewirkt worden sein sollen. Dieser spöttischen Definition lässt sich manchmal nur schwer widersprechen, wenn man die vielfältigen und oft blutigen Aufzeichnungen der Vergangenheit genau betrachtet. Geschichte kann wie ein ereignisreicher Haufen von klugen Köpfen und Narren wirken, die sich gegenseitig bekämpfen und beeinflussen. Tyrannen und Schwärmer sowie Dichter und Diebe haben die Welt geprägt und ihre Spuren in den Archiven hinterlassen. Manche vollbrachten Außergewöhnliches für ihre Zeit, während andere den Gipfel der menschlichen Verderbtheit darstellten und viel Leid verursachten. In dieser Analyse wird es von solchen Gestalten nur so wimmeln, da sie die wesentlichen Akteure auf der Bühne der Weltgeschichte sind.
Muster hinter dem Lärm der Geschichte
Es sind keine gesichtslosen Massen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die in dieser Welt leben, leiden und ihre Spuren hinterlassen. Sie sterben, sind schöpferisch tätig und müssen kämpfen, um ihr eigenes Überleben und das ihrer Familien zu sichern. Hinter allem Lärm und Wahnsinn verläuft die Geschichte jedoch nach zwingenden Mustern, die man bei genauerer Untersuchung erkennen kann. Mit den richtigen Instrumenten wird es Forschern gelingen, diese Muster zu erkennen und sie für andere verständlich zu machen. Es ist sogar möglich, die zugrundeliegenden Vorgänge wissenschaftlich zu erklären und Vorhersagen für zukünftige Entwicklungen zu treffen. Im weiteren Verlauf werden drei dieser wesentlichen Werkzeuge näher vorgestellt und in ihren Aufgaben erläutert.
Die biologische Grundlage des menschlichen Wesens
Zum einen ist das die Biologie, die uns verrät, was Menschen in Wirklichkeit sind und woher sie kommen. Wir Menschen gehören zum Tierreich, das seinerseits Teil der großen Welt des Lebendigen ist und viele Formen umfasst. Diese Welt umfasst alles Leben vom Menschenaffen bis zur kleinsten Amöbe, die unter dem Mikroskop sichtbar ist. Aus dieser offensichtlichen Tatsache lassen sich drei wichtige Schlussfolgerungen für das Verständnis der menschlichen Natur ziehen. Erstens entziehen wir wie alle Lebensformen unserer Umwelt Energie, um unseren Stoffwechsel aufrechterhalten zu können. Diese Energie verwandeln wir in weitere Exemplare unserer eigenen Art, um das Überleben der Spezies zu sichern.
Neugier und handwerkliche Fähigkeiten als Vorteil
Zweitens sind wir wie alle intelligenteren Tiere neugierige Geschöpfe, die ihre Umgebung aktiv erforschen und untersuchen. Wir basteln ständig an Dingen herum und wollen wissen, ob sie essbar sind oder eine Gefahr für uns darstellen. Wir prüfen, ob wir mit den Dingen spielen oder ob wir sie irgendwie verbessern können, um unseren Komfort zu steigern. Wir sind beim Herumbasteln nur besser als andere Tiere wegen unseres Gehirns, das uns besondere Fähigkeiten verleiht. Wir haben viele Windungen im Gehirn, um die Dinge zu bedenken und komplexe Pläne für die Zukunft zu schmieden. Wir besitzen elastische Stimmbänder zum Reden und opponierbare Daumen zur Bearbeitung von Werkzeugen und Materialien.
Individuelle Unterschiede und gruppenstatistische Gleichheit
Davon abgesehen sind Menschen genau wie andere Tiere offenkundig nicht alle gleich, sondern weisen individuelle Unterschiede auf. Manche entziehen der Umwelt mehr Energie als andere Einzelpersonen und häufen somit mehr Mittel für sich an. Manche vermehren sich stärker als andere und manche sind neugieriger als ihre direkten Nachbarn und Verwandten. Manche sind kreativer, klüger oder geschickter als ihre Mitmenschen und erzielen dadurch Vorteile im täglichen Leben. Aber die dritte Konsequenz aus unserem Tiersein besteht in der statistischen Gleichheit großer Gruppen von Einzelpersonen. Im Gegensatz zu einzelnen Individuen sind große Menschengruppen alle ziemlich gleich, wenn man sie im Durchschnitt betrachtet.
Die Zusammensetzung großer Bevölkerungsgruppen
Wenn Sie aus einer Menge zwei beliebige Personen herauspicken, sind diese möglicherweise gegensätzlich, wie man es sich nur vorstellen kann. Wenn Sie sich aber zwei große Gruppen als Ganzes ansehen, werden sich diese im Allgemeinen sehr ähnlich sein und vergleichbare Merkmale aufweisen. Wenn Sie millionenköpfige Gruppen vergleichen, werden sie sich in ihrer Zusammensetzung aus verschiedenen Persönlichkeitstypen gleichen. Sie bestehen aus tatkräftigen, fruchtbaren und neugierigen Einzelpersonen, die das Fundament der Gesellschaft bilden. Diese Gruppen enthalten auch kreative, kluge und wortgewandte Personen, die für den Fortschritt verantwortlich sind. Diese drei Beobachtungen erklären zu einem großen Teil den Lauf der Geschichte und die Richtung der menschlichen Entwicklung.
Grenzen der biologischen Erklärungsmacht
Die Beobachtungen decken sich mit dem gesunden Menschenverstand und erscheinen vielen Menschen sofort einleuchtend und logisch. Jahrtausende lang ist die gesellschaftliche Entwicklung dank unserer Vorliebe fürs Herumbasteln vorangeschritten und hat sich verbessert. Dies geschah im Allgemeinen mit wachsender Geschwindigkeit über die Zeit, da sich Wissen kumuliert und weitergegeben wird. Gute Ideen bringen neue gute Ideen hervor und werden nicht vergessen, sondern von der nächsten Generation aufgegriffen. Doch mit der Biologie allein ist die gesellschaftliche Entwicklung nicht zu erklären, da andere Faktoren eine Rolle spielen. Manchmal erlebte die gesellschaftliche Entwicklung über lange Zeitspannen einen Stillstand, der nicht biologisch begründet werden kann.
Die Soziologie als Erklärung für sozialen Wandel
Manchmal machte die Entwicklung gar Rückschritte statt Fortschritte und verlor errungene Fähigkeiten und Technologien wieder. Zu wissen, dass wir schlaue Tiere sind, ist nicht genug für das vollständige Verständnis der historischen Dynamiken. Und hier kommt die Soziologie ins Spiel als zweites Instrument, das die sozialen Aspekte beleuchtet. Die Soziologie erklärt die Ursachen, aber auch die Folgen gesellschaftlicher Veränderungen und deren Auswirkungen auf das Zusammenleben. Es ist eine Sache, wenn schlaue Tiere dasitzen und herumbasteln, ohne dass dies Konsequenzen für die Gruppe hat. Eine ganz andere Sache ist es, wenn ihre Ideen Schule machen und die Gesellschaft nachhaltig verändern und prägen.
Motivationen für erfinderische Leistungen
Wenn Ideen die Gesellschaft verändern, ist offensichtlich ein Auslöser vonnöten, der den Vorgang in Gang setzt. Ein bekannter Autor schrieb einmal, dass Fortschritt nicht von Frühaufstehern kommt, die hart arbeiten wollen. Er meinte, dass Bequeme und Faule nach Mitteln zur Vereinfachung suchen, um ihre Arbeit zu reduzieren. Allein die Faulheit macht erfinderisch, so wurde es in einem bekannten Satz formuliert und diskutiert. Später werden wir sehen, dass dieser Satz nur zum Teil stimmt und nicht die ganze Wahrheit abbildet. Faulheit ist nicht die einzige Mutter aller Erfindungen in der Welt, sondern es gibt weitere Beweggründe.
Eine eigene Regel für gesellschaftliche Veränderungen
Das Wort Fortschritt fungiert oft nur als optimistische Umschreibung dessen, was passiert, ohne dass es besser wird. Wenn wir die Aussage konkretisieren, fasst sie die Ursachen gesellschaftlicher Veränderungen kurz und bündig zusammen. Im Laufe dieser Analyse werde ich eine weniger plakative Version der Aussage als eigene Regel ausgeben und nutzen. Veränderungen werden von faulen, habgierigen und verängstigten Menschen bewirkt, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Sie suchen nach leichteren, profitableren und sichereren Wegen, etwas zu tun, um ihre Lage zu verbessern. Sie wissen nur selten, was sie eigentlich mit ihren Handlungen tun und welche Folgen diese haben werden.
Das Streben nach Gleichgewicht und Sicherheit
Die Geschichte lehrt uns, dass Veränderungen einsetzen, wenn Druck vorhanden ist und die Umstände es erfordern. Jeder faule, habgierige und verängstigte Mensch sucht sich ein Gleichgewicht, das für ihn persönlich optimal ist. Er wünscht ein angenehmes Leben mit möglichst wenig Arbeit und Sicherheit vor Gefahren und Unsicherheiten. Dieses Gleichgewicht soll seinen persönlichen Bedürfnissen am ehesten entsprechen und ihn zufriedenstellen. Aber damit ist es nicht getan, weil der Reproduktionserfolg und der Konsum Mittel belasten und verknappen. Der Energieverbrauch der Menschen belastet die verfügbaren materiellen Vorräte und führt zu Engpässen.
Das Entwicklungsdilemma als Hindernis
Auch die intellektuellen und gesellschaftlichen Mittel werden zwangsläufig belastet und können erschöpft werden. Gesellschaftliche Entwicklung bringt genau jene Kräfte hervor, die ihr weiteres Wachstum behindern und limitieren. Ich bezeichne dieses Phänomen als Entwicklungszwiespalt in dieser Betrachtung, um es greifbar zu machen. Erfolg erzeugt Probleme und deren Lösung bringt neue Probleme hervor, die wieder gelöst werden müssen. Wie man doch so schön sagt, ist das Leben ein Jammertal für viele, die unter diesen Bedingungen leiden. Das immer gegenwärtige Entwicklungsproblem stellt die Menschen vor schwere Entscheidungen, die weitreichende Folgen haben.
Stagnation oder Durchbruch durch Innovation
Oft scheitern sie an den Anforderungen des Zwiespalts und können keine geeignete Lösung für die Probleme finden. Die gesellschaftliche Entwicklung stagniert oder macht Rückschritte in solchen Fällen und verliert an Dynamik. Manchmal jedoch sind die Menschen in einer Verbindung aus Faulheit und Angst bereit, Risiken einzugehen. Sie sind bereit, Risiken auf sich zu nehmen und Neuerungen anzustoßen, die das bestehende Gefüge verändern. Diese Neuerungen können die Spielregeln der Gesellschaft verändern und neue Möglichkeiten eröffnen. Wenn das nur einigen gelingt und die meisten die Neuerungen annehmen, hilft es der Gemeinschaft weiter.
Das Wachstum und die Grenzen der Entwicklung
In diesem Fall kann es einer Gemeinschaft gelingen, den Ressourcenengpass zu überwinden und zu wachsen. Dann setzt sich das Wachstum der gesellschaftlichen Entwicklung fort und führt zu höherer Vielschichtigkeit. Mit solchen Problemen sehen wir Menschen uns täglich konfrontiert und müssen Lösungen finden. Unsere Vorfahren waren im Allgemeinen auch imstande, sie zu lösen und das Überleben zu sichern. Daher hat sich die Entwicklung seit der letzten Eiszeit aufwärts bewegt und ist komplexer geworden. Aber an manchen Punkten bildet das Problem eine massive Decke, die nicht leicht zu durchbrechen ist.
Der Zusammenbruch von Gesellschaften
Diese Decke ist nur mit wirklich grundlegenden Veränderungen zu durchbrechen, die das Gefüge erschüttern. An diesen Decken hängt die gesellschaftliche Entwicklung fest und kommt nicht mehr voran. Es beginnt ein verzweifeltes Losstrampeln der betroffenen Gesellschaften, die unter Druck geraten. Ein Beispiel nach dem anderen wird zeigen, dass Gesellschaften scheitern können und untergehen. Sie schaffen es nicht, die Probleme, die sich ihnen in den Weg stellen, zu lösen und zu bewältigen. Sie werden von einem ganzen Paket von Plagen befallen, die ihre Struktur zerstören.
Die fünf Boten des Verderbens
Zu diesen Plagen gehören Hungersnöte und Epidemien in der Bevölkerung, die viele Opfer fordern. Auch unkontrollierte Wanderbewegungen und politische Instabilität zählen dazu und schwächen den Staat. In deren Folge geht der Stillstand in eine Abwärtsbewegung über und die Zivilisation bricht zusammen. Wenn zu diesen Problemen noch eine weitere zerstörerische Kraft hinzukommt, wird es noch schlimmer. Der Klimawandel kann zusammen mit den anderen als fünf Boten des Verderbens gelten und alles verschlimmern. Dann kann aus der Abwärtsbewegung ein verheerender Zusammenbruch werden, der lange anhält.
Die Rolle der Geographie im historischen Verlauf
Ein solches Zeitalter der Dunkelheit kann Jahrhunderte währen und alles zerstören, was aufgebaut wurde. Biologie und Soziologie gemeinsam erklären zu einem großen Teil die Verlaufskonturen der Geschichte und ihre Muster. Sie erklären, warum die Entwicklung im Großen und Ganzen angestiegen ist und komplexer wurde. Sie zeigen, warum sie manchmal schneller und dann wieder langsamer wächst und sich verändert. Gelegentlich ist die Entwicklung auch rückläufig aufgrund dieser Faktoren und der genannten Probleme. Aber die biologischen und soziologischen Gesetze sind gleichbleibende Größen, die sich nicht ändern.
Notwendigkeit eines dritten Werkzeugs zur Analyse
Diese Gesetze haben immer und überall Gültigkeit für die Menschheit und sind allgemeingültig anwendbar. Sie sagen uns per Festlegung etwas über die Menschheit als Ganzes und ihre grundlegenden Triebe. Sie sagen nicht, warum es den Menschen an einem Ort so vollkommen anders geht als denen anderswo. Um das zu erklären, benötigen wir ein drittes Werkzeug für die Untersuchung der regionalen Unterschiede. Ich werde im Laufe der Ausführung immer wieder zeigen, warum das nötig ist und wie es wirkt. Dieses dritte Werkzeug ist die Geographie als entscheidende Einflussgröße für die unterschiedliche Entwicklung.

















