Die historische Entwicklung der Beziehungen zwischen frühem Christentum und Judentum
Screenshot youtube.comDie Beziehungen zwischen dem frühen Christentum und dem Judentum stellen ein komplexes und vielschichtiges Thema der antiken Religionsgeschichte dar. In den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende entwickelten sich aus einer gemeinsamen Wurzel zwei eigenständige religiöse Traditionen, deren Trennungsprozess von theologischen Auseinandersetzungen, politischen Ereignissen und sozialen Veränderungen begleitet wurde. Die Art und Weise, wie diese Entfremdung stattfand und wie sie in den frühen christlichen Schriften reflektiert wurde, hat weitreichende Folgen für die weitere Geschichte beider Religionen gehabt. Die folgende Betrachtung untersucht die Anfänge dieser Entwicklung, die theologischen Argumentationen und die historischen Umstände, die den Prozess der gegenseitigen Abgrenzung prägten. Dabei wird deutlich, dass die frühen christlichen Texte in ihrem historischen Kontext verstanden werden müssen, um ihre Bedeutung angemessen erfassen zu können. Diese historische Perspektive hilft, die komplexen Dynamiken religiöser Identitätsbildung in der Antike besser zu begreifen.
Die gemeinsame Wurzel beider Religionen
Das Christentum hat seinen Ursprung im Judentum und darf diesen Ursprung nicht verleugnen, auch wenn die Ausbreitung des Christentums einerseits mit der Loslösung vom Judentum verbunden war. Andererseits war diese Entwicklung mit der Inkulturation in die römisch-hellenistische Geisteswelt und Gesellschaft verknüpft. Jesus, seine Gefolgsleute und Anhänger wie auch die ersten Christen nach seinem Tod, die Mitglieder der Urgemeinden, waren Juden und lebten nach jüdischer Tradition. Bis heute haben die Kirchen vieles mit dem Judentum gemeinsam und in ihrer Tradition bewahrt, was die enge Verwandtschaft beider Glaubensrichtungen zeigt.
Gemeinsame Elemente in der religiösen Praxis
Nur einiges Herausragende sei genannt, um die Verbindungen deutlich zu machen. Das Alte Testament, die jüdische Bibel, ist auch ein Teil der christlichen Bibel geblieben und bildet eine gemeinsame Grundlage. Ein wöchentlicher Feiertag und die Gestaltung eines Kirchenjahres und Festkalenders zeigen parallele Strukturen im religiösen Leben. Bestimmte Gebetsformeln und Bitten sowie die Predigt als Auslegung von Bibelstellen verbinden beide Traditionen in ihrer Praxis. Die Wertschätzung der Überlieferung und die Schöpfungslehre mit Ausrichtung auf ein Endziel sind weitere gemeinsame Elemente. Die Heilsgeschichte, die Bindung der Offenbarung an die geschichtliche Entwicklung und die Hochschätzung der Erzväter und Propheten gehören ebenfalls zum gemeinsamen Erbe. Der ethische Kanon bildet eine weitere Klammer zwischen beiden Religionen.
Die Vielfalt des Judentums zur Zeit Jesu
Die Juden zur Zeit Jesu und der Urgemeinden boten ein buntes Bild verschiedener, voneinander abweichender oder entgegengesetzter religiöser und politischer Richtungen und Bewegungen. Jedenfalls handelte es sich nicht um ein monolithisches Judentum, sondern um eine vielfältige religiöse Landschaft. Deshalb wurden offensichtlich auch die ersten christlichen Gemeinden als spezielle Sondergemeinschaften toleriert, die glaubten, der Messias sei bereits gekommen. Das Gottesreich stand nach ihrer Überzeugung nahe bevor und diese Erwartung prägte ihr Handeln und ihre Verkündigung.
Die Voraussetzungen für Anerkennung im jüdischen Kontext
Die grundsätzliche Bejahung des jüdischen Ritualgesetzes, der Thora, und des Tempelkultes war die Voraussetzung der Anerkennung in der jüdischen Gemeinschaft. Denn sie bildeten die Fundamente des jüdischen Selbstverständnisses und der religiösen Identität. Diese Basis scheinen hellenistisch geprägte Judenchristen von Anfang an nicht geteilt zu haben, was zu Spannungen führte. In der Apostelgeschichte wird ausführlich von der Steinigung ihres Wortführers Stephanus und von ihrer Vertreibung aus Jerusalem schon bald nach Jesu Tod und Auferstehung berichtet. Der Grund lag darin, dass sie in radikaler Weise die Geltung des Tempelkultes und der Thora in Frage stellten und damit die Grundlagen des Judentums berührten.
Die ökonomischen und religiösen Konsequenzen der neuen Lehre
Damit zerstörten sie in der Sicht der meisten Juden das religiöse und ethnische Fundament ihrer Gemeinschaft. Zudem lösten sie ökonomische Ängste bei jenen aus, deren wirtschaftliche Existenz auf diesen Fundamenten ruhte. Beispielsweise verkauften manche Menschen Opfertiere für die Riten im Tempel und waren von diesem Kult wirtschaftlich abhängig. Es war dadurch aber noch kein grundsätzlicher Trennungsstrich gezogen zwischen den beiden Gemeinschaften. Die frühe christliche Mission konnte noch vielfach in den Synagogen einsetzen und dort Anhänger gewinnen.
Die Reaktion auf Infragestellung jüdischer Grundlagen
Sobald dabei aber die Grundlagen des Judentums angezweifelt wurden, war die Reaktion feindlich und ablehnend. In den Briefen des Paulus und der Apostelgeschichte können wir diese Entwicklung verfolgen und nachvollziehen. Der Prozess einer zunehmenden Ablehnung der Christen durch die Juden ist wegen der schlechten Quellenlage nur schwer zu verfolgen und zu rekonstruieren. Aus dem mangelnden Interesse jüdischer Gewährsmänner an den Christen kann man wohl schließen, dass diese im Grunde nur von marginaler Bedeutung für das Judentum waren.
Die Wahrnehmung der Spannungen in heidnischen Quellen
Auch heidnische Quellen beachteten die Spannungen zwischen Juden und Christen wenig und erwähnten sie nur am Rande. Es gibt aber eine Reihe christlicher Zeugnisse über Verfolgungen durch Juden, und man wird sie schwerlich alle als Verleumdungen oder als polemische Phantasieprodukte abtun können. Das gilt vor allem für die ganz frühen Zeugnisse, die unmittelbare Erfahrungen der ersten Christen widerspiegeln. Paulus schreibt im zweiten Brief an die Gemeinde zu Korinth von seinen eigenen Erfahrungen mit Verfolgung und Gewalt.
Die persönlichen Erfahrungen des Paulus mit Verfolgung
Er berichtet, überreichlich geschlagen worden zu sein und oft dem Tode nahe gewesen zu sein in seinem Dienst. Von Juden habe er fünfmal die Vierzig-weniger-einen Schläge mit dem Kalbslederriemen bekommen, eine schwere Strafe. Dreimal habe er Stockprügel empfangen und einmal sei er gesteinigt worden, was nur knapp überlebt wurde. Auf die Lynchjustiz, deren Opfer Stephanus wurde, ist bereits hingewiesen worden als Beispiel für gewaltsame Auseinandersetzungen. Als Paulus in Thessalonike und Korinth, also in der jüdischen Diaspora wirkte, war es nach dem Bericht der Apostelgeschichte zu Tumulten gekommen. Diese Tumulte waren von den Juden ausgelöst worden und zeigten die Spannungen zwischen den Gruppen.
Konflikte im jüdischen Mutterland
Aber auch in Palästina, im jüdischen Mutterland, versuchten Juden, Paulus zu lynchen, als er dort wirkte. Als das misslang, versuchten sie, die römische Justiz gegen ihn zu mobilisieren, um ihn auf rechtlichem Wege zu beseitigen. Die im letzten Drittel des ersten Jahrhunderts, also nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre siebzig durch die Römer, verfassten Evangelien und andere neutestamentliche Schriften lassen auf Auseinandersetzungen zwischen Juden und Christen schließen. Sie zeigen auch eine strikt ablehnende Haltung der jüdischen Oberen gegenüber den christlichen Gemeinden im westlichen Kleinasien und in Syrien.
Die Offenbarung des Johannes und ihre Aussagen
Die um fünfundneunzig entstandene Offenbarung des Johannes erwähnt in den Sendschreiben an die Gemeinden zu Smyrna und Philadelpheia eine antichristliche Haltung von Juden. Zur Gemeinde zu Smyrna, diese Stadt erlebte gerade im zweiten Jahrhundert eine wirtschaftliche Blütezeit, sagt der Engel bestimmte Worte. Er weiß um die Bedrängnis und Armut, aber die Gemeinde sei reich, und er kenne die Lästerungen aus dem Kreis derer, die behaupten, Juden zu sein. Aus Smyrna stammten auch die Märtyrer Polykarp nach der Mitte des zweiten Jahrhunderts und Pionius Mitte des dritten Jahrhunderts.
Märtyrerberichte und jüdische Beteiligung
In den Berichten über ihre Martyrien ist von einer eindeutig antichristlichen Parteinahme und von einer Kooperation der Juden mit den Heiden bei der Christenverfolgung die Rede. In den übrigen uns erhaltenen Märtyrerprozessakten und Berichten finden sich solche Bemerkungen nicht, was die Einzigartigkeit dieser Berichte zeigt. Konkret ist auch der Vorwurf des Apologeten Justin, dass Barkochba im jüdischen Aufstand der Jahre einhundertzweiunddreißig bis einhundertfünfunddreißig die Christen verfolgt habe. Dies geschah, wenn sie ihren Glauben nicht verleugneten und zu den jüdischen Aufständischen übertraten.
Die Unterscheidung konkreter und pauschaler Vorwürfe
Man hat also lokalisierbare und konkrete Vorfälle von pauschalen Vorwürfen zu unterscheiden bei der historischen Bewertung. Als Beleg für eine offizielle jüdische Verketzerung der Christen nach dem Jahre siebzig wird auf die zwölfte Benediktion des Achtzehnbittengebets verwiesen. Dieses Gebet ist nach dem Jahr siebzig dem Schema Israel, Höre Israel, hinzugefügt worden und enthält bestimmte Formulierungen. Für die Abtrünnigen möge es keine Hoffnung geben und das anmaßende Königtum entwurzele und zerschmettere bald in unseren Tagen. Und die Noserim, wohl als Nazarener zu deuten, und die Minim, Ketzer, mögen augenblicklich vergehen und getilgt werden aus dem Buche des Lebens.
Die Interpretation der zwölften Benediktion
Sie sollen nicht mit den Gerechten verzeichnet werden, so der Wortlaut des Gebets. Gepriesen seist du, Herr, der Frevler zerbricht und der Anmaßende beugt, lautet der Abschluss. Ein Urtext lässt sich allerdings nicht konstruieren, da wir nur verschiedene spätere Formen überliefert haben. Die zwölfte Bitte richtet sich gegen drei Gruppen, nämlich die Abtrünnigen, die römische Weltmacht und Ketzer. Die letzte Gruppe konkretisierte sich in der Situation der jeweiligen jüdischen Gemeinde, war also nie dieselbe und veränderte sich.
Die zeitliche Entwicklung der Textüberlieferung
Der Name der Nazarener in dieser Gruppe taucht erst in späten Überlieferungsschichten auf, was die Datierung erschwert. Mit den Ketzern sind nicht einfach Judenchristen gemeint, sondern ein breiteres Spektrum von Abweichlern. Zu beachten ist zudem, dass die zwölfte Benediktion eine innerjüdische Ausrichtung hat. Sie dient der Bemühung um die Bestimmung der Grenzen der jüdischen Identität und der Abgrenzung nach innen. Die Christen fühlten sich aber schon in der Mitte des zweiten Jahrhunderts zumindest in Rom in den Synagogen von den Juden verdammt. Sie wurden unter den Ketzern mit einbegriffen und ausgeschlossen aus der jüdischen Gemeinschaft.
Justins Dialog als historische Quelle
Das lässt sich aus Justins Dialog mit dem Juden Tryphon schließen, der wichtige Einblicke in die damaligen Verhältnisse gibt. Justin wirft den Juden vor, die Gerechten getötet zu haben und vor ihnen seine Propheten. Jetzt verstoßen sie die, welche auf ihn und auf den allmächtigen Gott, den Weltschöpfer, der ihn gesandt hat, ihre Hoffnung setzen. Sie entehrten sie, soweit es bei ihnen möglich ist, indem sie die Christusgläubigen in euren Synagogen verfluchen. Denn Hand an uns zu legen, dazu hättet ihr nicht die Macht dank denen, welche jetzt regieren, den Römern. Getan aber hättet ihr es, so oft ihr konntet, was die Bereitschaft zur Gewalt zeigt.
Der Vorwurf der Beeinflussung anderer Völker
Die übrigen Völker lassen sich nämlich nicht zu diesem Unrecht gegen uns und Christus in gleicher Weise hinreißen wie ihr, so der Vorwurf. Ihr traget Schuld daran, dass auch sie gegen den Gerechten und gegen uns, seine Nachkommen, eine vorgefasste Meinung haben. Den zuletzt erwähnten Vorwurf führte Origenes in seinem etwa zweihundertfünfunddreißig oder acht geschriebenen Werk Gegen Kelsos näher aus. Als man anfing, das Christentum zu verkündigen, haben diese, die Juden, das Evangelium in Verruf zu bringen gesucht. Sie sagten, die Christen opferten ein kleines Kind und äßen sein Fleisch, eine schwere Anschuldigung.
Die Verbreitung antichristlicher Gerüchte
Und wiederum, sie löschten bei ihren Versammlungen, um Werke der Finsternis zu begehen, die Lichter aus und trieben Unzucht. Ein jeder mit der ersten, auf die er stieße, so der Vorwurf der unmoralischen Praktiken. So widersinnig diese Verleumdung auch war, so hat sie doch einstmals auf Unzählige Eindruck gemacht. Sie veranlasste die dem Christentum fern Stehenden zu der Meinung, die Christen wären wirklich solche Ungeheuer. Und selbst jetzt noch gibt es Leute, die sich dadurch täuschen und aus solchen Gründen davon zurückhalten lassen. Auch nur in einfachen mündlichen Verkehr mit den Christen zu treten, wird vermieden aus Angst.
Die Rückführung von Vorwürfen auf jüdische Propaganda
Die oben aus dem Dialog des Minucius Felix zitierten, im Volk verbreiteten Vorwürfe gegen die Christen werden hier zum Teil auf jüdische Propaganda zurückgeführt. Justin erhob noch einen weiteren Vorwurf gegen die Juden und ihre Aktivitäten. Denn nachdem ihr ihn, den allein unbescholtenen und gerechten Mann, gekreuzigt hattet, da hättet ihr nicht nur eure Freveltaten nicht bereut. Sondern ihr hättet jetzt auserlesene Männer aus Jerusalem ausgesucht und sie in alle Welt ausgeschickt. Um zu verkünden, im Christentum sei eine gottlose Sekte entstanden, und um die Anklagen gegen uns zu erheben. Welche gegen uns alle diejenigen vorbringen, die uns nicht kennen und von Vorurteilen geleitet sind.
Die Schuldzuweisung an die Juden
Darum seid ihr nicht nur schuld an dem Unrecht, das ihr selber tut, sondern auch an dem, das alle anderen Menschen überhaupt begehen. Man wird solche Vorwürfe nicht mit leichter Hand abtun können, sondern muss sie ernsthaft prüfen. Ein wesentlicher Grund für antichristliche jüdische Aktionen ist wohl in der von den Juden gehegten Befürchtung zu sehen. Sie fürchteten, die Sonderrechte einer Religio licita, einer erlaubten Religion, zu verlieren, wenn man mit den Christen in eins gesetzt würde. Die Christen trugen ja den Makel des Aufruhrs, der Verachtung der bewährten römischen Traditionen und der Amoralität.
Das Bemühen um Abgrenzung vom Christentum
So wollten sich die Juden deutlich sichtbar von den Christen abheben und damit öffentlich bekunden. Es sollte gezeigt werden, dass es sich bei den Christen nicht um eine mit dem Judentum gleichzusetzende oder überhaupt auch nur innerhalb des Judentums anzusiedelnde Sekte handele. Dass solche Ängste berechtigt waren, mag schon ein Edikt des Kaisers Claudius aus den vierziger Jahren des ersten Jahrhunderts belegen. Das Sueton in seiner Claudiusbiographie andeutet und erwähnt in seinem Geschichtswerk. Die Juden vertrieb er, Kaiser Claudius, aus Rom, weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten.
Die mögliche Identifizierung von Chrestus mit Christus
Sollte mit Chrestus Christus gemeint sein, so hätten die Juden Roms also durch die Gleichsetzung mit den Christen Verfolgung erlitten. Unübersehbare Trennungen ergaben sich im Rahmen der beiden jüdischen Aufstände in Palästina gegen die römische Herrschaft. Diese fanden in den Jahren sechsundsechzig bis dreiundsiebzig und einhundertzweiunddreißig bis einhundertfünfunddreißig statt. In Eusebs Kirchengeschichte wird berichtet, die Judenchristen in Palästina seien vor dem ersten jüdischen Aufstand emigriert. Der Aufstand führte zur Katastrophe des Jahres siebzig mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels durch die Römer.
Die Emigration der Judenchristen nach Pella
Sie emigrierten in das Ostjordanland, nach Pella, um dem Konflikt zu entgehen. Diese Angabe ist im einzelnen umstritten, zeigt aber doch, dass die jüdischen Christen den jüdischen Nationalisten nicht folgten. Folglich verrieten sie in deren Augen gemeinsame politische Grundlagen und galten als Verräter. Auf die Verfolgungen der Judenchristen im Barkochbaaufstand einhundertzweiunddreißig bis einhundertfünfunddreißig wurde bereits hingewiesen. Erst nach den Ereignissen des Jahres siebzig gewann als Folge des Wegfalls des zentralen und verbindenden Tempelkultes eine der jüdischen Parteien die Oberhand. Nämlich die der Pharisäer, die fortan die religiöse Entwicklung prägen sollten.
Die Entwicklung des rabbinischen Judentums
Jetzt bildete sich in einem sehr langen Prozess so etwas wie eine jüdische Schultheologie heraus. Diese führte zur theologischen Absonderung von Abweichlern und zur Festigung der eigenen Lehre. Aber auch dieses rabbinische Judentum war primär innerjüdisch ausgerichtet auf die Stärkung einer neuen Identität. Unter den Abweichlern wurden die Christen nicht namentlich genannt, was die innere Ausrichtung zeigt. Bei der Bewertung der christlichen Zeugnisse ist die Glaubwürdigkeit konkreter Angaben höher zu veranschlagen als Verallgemeinerungen. Konkrete Angaben beziehen sich auf bestimmte lokale Sachverhalte und sind daher verlässlicher als pauschale Urteile.
Vorsicht bei literarischen Konventionen
In diesem Zusammenhang gilt es besonders vorsichtig zu sein, wenn literarische und theologische Konventionen und stets wiederkehrende Themen in den christlichen Berichten erscheinen. Also zum Beispiel die Argumentationsfolge Prophetenmörder-Herrenmörder-Christenverfolger, die ein festes Schema bildet. Zudem darf auch das propagandistische christliche Bemühen nicht übersehen werden. Das den Schriften und Argumentationen, die sich an die Kaiser oder an hohe Vertreter des römischen Staates richteten, anzumerken ist. Wenn es darum ging, sich nach den beiden jüdischen Aufständen auf Kosten der rebellierenden Juden das Ansehen staatstreuer Untertanen zu verschaffen.
Der christliche Anspruch der Erfüllung jüdischer Verheißungen
Die Christen traten mit dem Anspruch auf, dass in Jesus die göttliche Verheißung und die Hoffnung des jüdischen Volkes auf den Messias ihre Erfüllung gefunden habe. Vielfach und auf verschiedene Weise hat Gott einst durch die Propheten zu den Vätern geredet, so die Überzeugung. Am Ende dieser Zeiten redete er zu uns durch den Sohn, mit diesen Worten, die den Hebräerbrief einleiten, ist jener Anspruch in knappster Weise zum Ausdruck gebracht. Aus dieser Sicht war es selbstverständlich, dass sich nun alle Juden zu Jesus bekehren sollten und den neuen Weg gehen.
Die Begründung des Anspruchs aus der jüdischen Bibel
Die Beweise für diesen Anspruch gewann man aus der jüdischen Bibel, dem Alten Testament, indem man Verheißungen, die sich in ihm fanden, auf Jesus bezog. Auch die christlichen Gemeinden wurden in diese Deutung einbezogen und als Erfüllung der Prophezeiungen gesehen. Mit diesem kompromisslosen Anspruch und mit der Art, ihn zu begründen, war eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen jüdischen Gruppierungen vorprogrammiert. Sie wollten sich dem Anspruch nicht fügen und lehnten die christliche Interpretation ab. Sie war im Wesen des christlichen Selbstverständnisses begründet, also prinzipieller Art und nicht verhandelbar.
Die hellenistische Prägung mancher Christen
Ein weiterer Aspekt trat hinzu und verstärkte die Trennung. Hellenistisch geprägte Christen, vom Kreis um Stephanus war schon die Rede, in Jerusalem, in Antiocheia und an anderen Orten zogen die theoretische Konsequenz. Sie sahen die vorhandene Wirkung der neuen Lehre auch außerhalb des Judentums und handelten entsprechend. Sie lösten sich von den jüdischen rituellen Verpflichtungen und übernahmen nur dessen Moralgesetze für ihre Gemeinschaft. Sie erkannten frühzeitig und sehr hellsichtig, dass in der hellenistisch geprägten heidnischen Welt nur diese Form des Christentums eine Zukunft haben könne.
Die Ausgrenzung der Judenchristen
Die sogenannten Judenchristen aber, die weiterhin die jüdischen Ritualgesetze einhielten, wurden im Laufe der Zeit nur noch zu christlichen Sondergruppen. Sie wurden sowohl von den Anhängern der mosaischen Religion wegen ihres Verhaltens in den beiden jüdischen Erhebungen ausgegrenzt. Als auch von der frühkatholischen Kirche wegen ihres Festhaltens an den Ritualvorschriften der Thora abgelehnt. Der Apostel Paulus hat die beste und nachhaltigste theologische Begründung für die Abkehr vom jüdischen Ritualgesetz mitsamt der Beschneidungsforderung gegeben. Paulus war Jude und wollte ein Jude bleiben, was seine Argumentation besonders glaubwürdig macht.
Die paulinische Theologie der Gnade
Deshalb ist seine Erkenntnis auch so glaubwürdig, dass nicht die mit der Thorabefolgung verbundene Werkgerechtigkeit zu Gott führt. Sondern dass der Glaube ein Geschenk der Gnade Gottes sei und nicht durch Werke verdient werden könne. In dem sehr persönlichen Brief des Apostels an die Gemeinden in Galatien hat er über seine Bekehrung berichtet. Sein Verständnis des Evangeliums hat er von dem der Judenchristen abgehoben und klar unterschieden. Nicht die Befolger des toten Gesetzes, sondern die aus dem Glauben Lebenden seien die wahren Söhne und Erben Abrahams. Auch seiner göttlichen Verheißungen, die nun allen Gläubigen gelten sollten.
Das Gesetz als Aufseher bis Christus
Bevor der christliche Glaube gekommen ist, waren wir dem Gesetz unterworfen, eingesperrt und bewacht für die kommende Zeit. Da der Glaube offenbar werden sollte, so die Argumentation des Paulus. So ist das Gesetz zu unserem Aufseher geworden, bis zum Erscheinen Christi und seiner Erlösungstat. Nachdem nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir keinem Aufseher mehr unterworfen und frei von der Knechtschaft. Ihr alle seid ja durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus, so die befreiende Botschaft. Noch deutlicher wurde er gegen Ende des Briefes und stellte die Konsequenzen klar.
Die Ablehnung der Beschneidung als Heilsweg
Seht, ich, Paulus, erkläre euch, wenn ihr euch beschneiden lasst, wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge nochmals jedem, der sich beschneiden lässt, dass er dann die Verpflichtung eingeht, das ganze Gesetz zu erfüllen. Von Christus seid ihr geschieden, wenn ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, seid aus der Gnade herausgefallen. Denn wir erwarten im Geist aus dem Glauben die Erfüllung unserer Hoffnung auf die Gerechtigkeit. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschnitten- noch Unbeschnittensein, sondern vielmehr einzig der Glaube. Der Glaube, der durch die Liebe zur Wirkung kommt, ist das Entscheidende.
Die Überwindung des Judentums in seiner bisherigen Form
In dieser Sicht war das Judentum in der bisherigen Form überholt und hatte seine heilsgeschichtliche Aufgabe erfüllt. Der Weg des Christentums von einer jüdischen Sekte zu einer eigenständigen Weltreligion war offen und konnte beschritten werden. In noch größere theologische Tiefen führte Paulus in seinem letzten uns erhaltenen, an die Gemeinde zu Rom gerichteten Brief. Paulus rügte hier zwar den Ungehorsam der Juden gegen Gott, glaubte aber, dass auch sie letztlich gerettet würden. Die Verstockung, die teilweise über Israel gekommen ist, wird so lange währen, bis die Vollzahl der Heidenvölker Eingang gefunden hat. Dann wird auch ganz Israel gerettet werden, so die Hoffnung des Paulus.
Der innerjüdische Charakter der paulinischen Auseinandersetzung
Die Auseinandersetzung des Paulus mit dem Judentum ist allein theologischer Natur und nicht ethnisch motiviert. Sie ist so überzeugend, da es sich dabei letztlich um einen innerjüdischen Dialog handelte und nicht um Fremdenhass. Paulus war zutiefst enttäuscht über die ablehnende Haltung der Juden, was seine Argumentation prägte. Um so befremdlicher sind einige Sätze im ältesten erhaltenen Brief des Paulus, der an die Gemeinde zu Thessalonike gerichtet war. Denn ihr seid den christlichen Gemeinden in Judäa gleich geworden und habt von euren Landsleuten Entsprechendes erduldet. Wie sie von den Juden, die sie verfolgten und bedrängten.
Die problematischen Aussagen im Thessalonicherbrief
Die haben den Herrn Jesus ebenso getötet wie die Propheten, und so verfolgen sie auch uns, so der Vorwurf. Sie leben nicht Gott wohlgefällig, sind allen Menschen zuwider und suchen uns daran zu hindern. Den Heiden durch die Predigt Rettung zu bringen, wird ihnen vorgeworfen als Behinderung der Mission. So machen sie immerfort das Maß ihrer Vergehen voll und häufen Schuld auf sich. Aber der Zorn Gottes ist schon über sie gekommen, um sich am Ende an ihnen auszuwirken. Es spricht einiges dafür, vor allem der vulgäre Antijudaismus, der hier zum Ausdruck kommt. Der dem Juden Paulus nur schwer angelastet werden kann, dass hier eine spätere Interpolation vorliegt.
Die kanonische Sanktionierung der Texte
Aus christlicher Feder aber stammt sie allemal, und durch die Aufnahme in den neutestamentlichen Kanon wurde sie sanktioniert. Die meisten Schriften des Neuen Testaments wurden nach der Katastrophe des ersten jüdischen Aufstandes verfasst. In ihnen fanden deshalb in unterschiedlicher Weise die Erfahrungen einen Niederschlag. Die Verfasser und ihre Gemeinden hatten diese Erfahrungen mit den altgläubigen Juden gemacht. Wenn dabei auch die eigentliche Absicht weniger die Diffamierung der Juden als vielmehr die Stärkung der teilweise noch sehr schwach entwickelten christlichen Identität der Leser war. So hat die hier gebotene pauschale, undifferenzierte Darstellung der Juden als Widerpart Jesu das christliche Judenbild entscheidend beeinflusst.
Die Passionsgeschichten und ihre Wirkung
In erster Linie sind hier die Passionsgeschichten in den Evangelien zu nennen, die das Leiden Jesu schildern. Volkstümliche Passionsspiele oder Vertonungen der Passionsberichte tradieren unterschwellig auch das in diesem Rahmen gebotene negative Judenbild bis in die Gegenwart. Vor allem im Johannesevangelium findet sich die Tendenz zur Pauschalisierung und zur Verunglimpfung der jüdischen Gegner. Wenn solches auch letztlich aus der Enttäuschung über das ablehnende Verhalten der Juden resultierte. Wurden doch Aussagen getroffen, die von völliger Unversöhnlichkeit zeugten und keine Brücken bauten.
Die scharfe Polemik im Johannesevangelium
Ihr stammt vom Teufel, der ist euer Vater, und wonach es ihm gelüstet, das seid ihr entschlossen zu tun. Ebenso klingt es in der Offenbarung des Johannes, nämlich in den Schreiben an die Gemeinden zu Smyrna und zu Philadelpheia. Hier werden die Juden dieser Stadt als Synagoge des Satans bezeichnet, eine scharfe Verurteilung. Das Bekenntnis zu Christus schien auch notwendigerweise die Polemik gegen die Juden einzuschließen. Als zentrale biblische Belegstelle einer Kollektivschuld der Juden wirkte in der späteren christlichen antijüdischen Polemik eine Stelle. Die nur im Matthäusevangelium überlieferte Antwort der Juden an Pilatus im Prozess gegen Jesus.
Die problematische Blutruf-Stelle
Da erwiderte das ganze jüdische Volk, sein Blut komme über uns und unsere Kinder, so der Wortlaut. Auf der im Vorhergehenden dargestellten Basis fußte die christliche antijüdische Polemik der folgenden Jahrhunderte. Für die Christen wurde es zu einer zunehmend schwereren Belastung, dass der größte Teil der Juden beharrlich den Anspruch der christlichen Kirche ablehnte. Der Anspruch, das neue und wahre Gottesvolk zu sein, mit dem Gott einen neuen Bund geschlossen habe. Nachdem das Alte Israel versagt habe, so die christliche Sicht der Dinge.
Die Infragestellung des christlichen Wahrheitsanspruchs
Statt dessen lebten die Juden so weiter, als entstammten die Christen nicht der gleichen Wurzel wie sie. Als leiteten sie sich nicht vom Alten Testament ab, was die christliche Argumentation untergrub. Durch die schiere Fortexistenz der jüdischen Religion wurde letztlich der Wahrheitsanspruch der Christen stets aufs neue in Frage gestellt. Für die Christen ergab sich daraus die Notwendigkeit der ständigen theologischen Rechtfertigung ihres Anspruches den Juden gegenüber. Des Beweises, dass nur der eigene Weg der rechte sei, und des Nachweises der rechtmäßigen Aneignung der jüdischen Erzväter und Propheten als Vorläufer der Christen.
Die Polemik als Identitätsstiftung
Der Polemik gegen die Juden, um die eigene Identität zu bestätigen und die eigene Deutung der Zusammenhänge als die allein richtige zu erweisen. Verschärfung fand die christliche Polemik vornehmlich durch zwei Faktoren, die die Auseinandersetzung prägten. Zum einen blieb das Judentum eine sehr attraktive Konkurrentin des Christentums und zog viele Menschen an. Die Gründe dafür lagen in seinem klaren Monotheismus, seinem Alter, eine lange Tradition zu haben galt in der Antike als ein unschätzbarer Wert. Der hohen moralischen Integrität, der Lebensfreude, die bei den Festen kräftig zum Ausdruck kommen konnte, und in der Hochschätzung der Familie.
Die Anziehungskraft des Judentums auf Heiden und Christen
Davon ging eine große Wirkung auf Heiden aus, machte die jüdische Religion aber auch, und darauf reagierten die kirchlichen Leiter besonders allergisch, auf Christen anziehend. Wie sehr das Judentum noch am Ende des vierten Jahrhunderts Christen faszinierte, belegen eindrucksvoll die acht Predigten. Die Johannes Chrysostomos in den Jahren dreihundertsechsundachtzig oder sieben in Antiocheia hielt. Er wandte sich gegen judaisierende Christen, die zum Judentum neigten. Zu dieser Zeit wurde das Christentum immerhin schon seit einem halben Jahrhundert im römischen Reich gefördert. Und erlitt das Judentum gesetzliche Beschränkungen seiner Aktivitäten, was die Situation veränderte.
Die Verschmelzung theologischer und römischer Vorurteile
Zum anderen verschmolzen theologische Argumente der Christen gegen die Juden mit Argumenten des im römischen Reich vorhandenen Antijudaismus. Der sehr banale Vorwürfe und Vorurteile hervorbrachte und verbreitete. Tacitus nannte einige solcher pauschaler Vorurteile gegen die Juden, wie sie in allen sozialen Schichten des Imperium Romanum verbreitet waren. Um sich des Volkes für die Zukunft zu versichern, führte Mose neue religiöse Bräuche ein. Die mit den sonst auf der Welt üblichen im Widerspruch standen und als fremd galten.
Die römischen Vorurteile gegen jüdische Bräuche
Dort bei den Juden ist alles unheilig, was bei uns heilig ist, anderseits ist bei ihnen gestattet, was wir als Greuel betrachten. Oder die von dem Gott Liber eingeführten Zeremonien sind festlich und fröhlich. Die Art der Juden aber abgeschmackt und schäbig, so das Urteil. Der Esel genieße bei ihnen göttliche Verehrung, weil wilde Esel die Juden bei ihrer Wüstenwanderung vor dem Verdursten gerettet hätten. Noch umfassender war der antijüdische Katalog des ägyptischen Grammatikers Apion. Der wiederum auf älteren Quellen fußte und die Vorurteile sammelte.
Josephus als Verteidiger des Judentums
Die hier geäußerten Ansichten bekämpfte der jüdische Historiker Josephus, siebenunddreißig bis etwa fünfundneunzig nach Christus. Die Juden stammten von aussätzigen Ägyptern ab, sie verehrten in Jerusalem einen Esel. Sie legten einen Eid ab, alle anderen Menschen zu hassen, zumal die Griechen. Der Vorwurf des Odium generis humani, des Hasses auf das Menschengeschlecht, wurde erhoben. Sie hätten keine berühmten Männer hervorgebracht, keine Erfinder, Künstler, Philosophen. Auch wandte sich Josephus gegen die Verhöhnung der Beschneidung und den Verzicht auf Schweinefleisch.
Seltene Dialoge zwischen Christen und Juden
Nur selten kam es in der Kirchengeschichte des zweiten und dritten Jahrhunderts zu einem wirklichen Dialog zwischen Christen und Juden. Origenes führte in Caesarea in Palästina solche Disputationen und suchte den Austausch. Im allgemeinen wurden aber die Argumente der Juden nicht ernst genommen und abgetan. So überwog in den christlichen Schriften dieser Zeit, die sich mit Anhängern des mosaischen Glaubens auseinandersetzten. Entweder die Belehrung, die Argumentation von dem gesicherten Standpunkt des Überlegenen aus. Oder die missionarische Zielstellung stand im Vordergrund und prägte den Ton.
Die innerchristliche Motivation antijüdischer Polemik
Bisweilen aber war die antijüdische Polemik innerchristlich motiviert und verfolgte ein anderes Ziel. Sie verfolgte das Ziel, Christen vom Interesse am Judentum, von zu großen Sympathien für die mosaische Religion oder gar vom Übertritt zum Judentum abzuhalten. Hier kann das Augenmerk nur auf eine Auswahl besonders wichtiger Schriften und Argumente gerichtet werden. Eine Ausrichtung des gesamten Alten Testaments allein auf Jesus Christus und auf seine Gemeinde vertrat ein wohl zwischen einhundertdreißig und einhundertzweiunddreißig im Ostteil des Reiches entstandener Brief. Ein unbekannter Verfasser stand dahinter, der Brief wurde Barnabas, dem Begleiter des Apostels Paulus, zugeschrieben.
Die Wirkung des Barnabasbriefes
Das verlieh dem Inhalt dieses Briefes stets großes Gewicht und Wirkung in der christlichen Gemeinschaft. Drei Hauptthesen wurden darin vertreten und prägten die weitere Auseinandersetzung. Es habe nie einen Bund Gottes mit Israel oder einen alten und einen neuen Bund gegeben. Sondern nur einen einzigen, nämlich jenen, der mit den Christen geschlossen worden sei. Auch das noch bitte ich euch als einer euresgleichen, der euch einzeln und alle zusammen mehr als sich selbst liebt. Auf euch achtzugeben und euch nicht gewissen Leuten gleichzumachen, indem ihr ihren Sünden weitere hinzufügt.
Der Verlust des Testaments durch die Juden
Und sagt, das Testament jener, der Juden, ist auch das unsrige. Das unsrige freilich, aber jene haben es für immer eingebüßt. Weil sie sich zu den Götzen hinwandten, verloren sie es und damit ihren Anspruch. Nie sei die Thora wörtlich zu verstehen gewesen, so die zweite These. Vielmehr müsse das Alte Testament in einem christlich-geistlichen Verständnis als Sammlung von Aussagen über Jesus und seine Gemeinde interpretiert werden. Von Anfang an seien die Speisegesetze, die Beschneidung, der Tempelkult in einem übertragenen Sinne gemeint gewesen. Die Juden hätten das aber falsch verstanden und blieben beim Buchstaben hängen.
Die Deutung von Rebekka und ihren Söhnen
Schließlich bezog sich der Barnabasbrief auf erste Mose fünfundzwanzig, einundzwanzig bis dreiundzwanzig. Eine Stelle, die auch schon Paulus im Römerbrief angesprochen hatte und deutete. Der Herr sprach zu Rebekka, zwei Nationen sind in deinem Leib und zwei Völker in deinem Schoß. Und ein Volk wird das andere übertreffen, und das ältere wird dem jüngeren dienen. Verstehen müßt ihr, wer Isaak und wer Rebekka ist und an welchen er gezeigt hat. Dass dieses Volk größer ist als jenes, so die christliche Deutung. Der Gedanke der Knechtschaft der Juden spielte in der weiteren Entwicklung eine große Rolle.
Markions radikale Trennung
Eine noch radikalere Trennung vollzog Markion und spaltete die Gemeinschaft. Aus Sinope in Kleinasien stammend, wirkte er bis zu seinem Ausschluss aus der Kirche im Jahre einhundertvierundvierzig in Rom. Er schied vom Gott des Lichtes, dem Gott des Neuen Testaments, den Gott der Finsternis. Den bösen Gott des Alten Testaments, den er ablehnte und verwarf. Folglich eliminierte er das Alte Testament völlig und reinigte auch das Neue Testament von all dem. Was in seinen Augen judaisierend war und die neue Lehre trübte.
Die Reaktion der Kirche auf Markion
Damit war die Kirche aufgerüttelt, klare Entscheidungen im Verhältnis zu ihrem jüdischen Erbe und auch zum weiter existierenden Judentum zu treffen. Namentlich dem Kleinasiaten Irenäus, gestorben um zweihundert, der Bischof von Lyon war, ist es zu verdanken. Dass eine klare Linie gefunden wurde und die Kirche sich positionierte. Das Alte Testament wurde als unveräußerlicher Teil der christlichen Bibel anerkannt und behalten. Irenäus vertrat also eine Konzeption, gegen die sich Markion ausdrücklich gewandt hatte. Die Juden waren eingegliedert in eine christliche Heilsgeschichte, die sich von der Schöpfung bis zu Jesus Christus spannte.
Die heilsgeschichtliche Einordnung des Judentums
Darüber hinaus bis zum Reich Gottes, so der umfassende Rahmen. Darin fanden die Patriarchen, Mose, die Propheten, die Könige David und Salomo positive Beurteilung. Der Thora in der Zeit vor Jesus wurde die Aufgabe der Erziehung des jüdischen Volkes zum wahren Gott zugesprochen. Nachdem es durch die Anbetung des Goldenen Kalbes von seinem Gott abgefallen war. Nach Jesu Wirken galt diese Aufgabe jedoch als erfüllt und die Thora hatte ihren Zweck erfüllt. Der Thora sollte fortan keine Daseinsberechtigung mehr zukommen in der christlichen Sicht.
Die heilsgeschichtliche Funktion der Juden
Die zeitgenössischen Juden sah man als in ihrer Blindheit für die eigentlichen Ziele Gottes bereits gerichtet an. Rechnete ihnen aber noch eine heilsgeschichtliche Funktion zu in Gottes Plan. Wären also die Juden nicht die Mörder des Herrn geworden, was sie das ewige Leben kostete. So hätten sie die Apostel nicht getötet und die Kirche nicht verfolgt. Weswegen sie in die Tiefe des Zornes stürzten, und so hätten wir nicht gerettet werden können. Denn wie jene durch die Blindheit der Ägypter, die bei der Verfolgung Israels im Meer ertranken. So empfangen auch wir durch die Blindheit der Juden das Heil, so die Argumentation.
Die rettende Wirkung des Todes Jesu
Wenn nämlich der Tod des Herrn denjenigen, welche ihn ans Kreuz hefteten und an seine Ankunft nicht glaubten, zur Verdammnis gereicht. So dient er zur Rettung denen, die an ihn glauben und ihm folgen. Bald nach der Mitte des zweiten Jahrhunderts verfasste der aus Samaria stammende Apologet Justin in Rom. Die erste umfassende Auseinandersetzung mit dem Judentum seiner Zeit, die große Wirkung entfaltete. Er kleidete sie in Dialogform, Dialog mit dem Juden Tryphon, was die literarische Form prägte. Dieses Werk war für die weitere christliche Beurteilung der Juden von größter Bedeutung und prägte die Tradition.
Justins Auslegungsmethode des Alten Testaments
Seine Auslegungsmethode des Alten Testaments ähnelte der des Barnabasbriefes und folgte ähnlichen Prinzipien. Den Juden hielt er entgegen, ihr lasst euch täuschen durch gleichlautende Worte. Wenn nämlich das Gesetz des Herrn tadellos genannt wird, versteht ihr es von dem Gesetze, das durch Mose gegeben wurde. Und nicht von demjenigen, das nach ihm kommen sollte, obwohl Gott es laut verkündet. Dass er ein neues Gesetz und einen neuen Bund gründen werde, so die Verheißung. So konnte leicht glaubhaft gemacht werden, dass Jesus der von den Juden erwartete Messias gewesen sei.
Die Christen als wahres Israel
Und dass die Christen das wahre Volk Israel verkörperten, dem die Verheißungen Gottes galten. Bewiesen sei dies auch durch die Gottesstrafe der Jahre siebzig und einhundertfünfunddreißig. Denn die von Abraham eingeführte fleischliche Beschneidung wurde als Erkennungszeichen gegeben. Damit ihr von den übrigen Völkern und uns abgesondert seid. Damit ihr allein erleidet, was ihr jetzt mit Recht erduldet, so die Deutung der Geschichte. Damit euer Land verwüstet werde, die Städte vom Feuer niedergebrannt werden. Fremde vor euch die Früchte verzehren und keiner von euch Jerusalem betrete.
Die Deutung der Zerstörung Jerusalems als Strafe
Es ist also gut und recht für euch, dass euch dies passiert ist, so das Urteil. Der Niedergang der Juden habe schon mit dem Wirken Jesu begonnen und sich fortgesetzt. Ihr weiteres Festhalten an der Thora sei Aufruhr gegen Gott und geschehe auf Anstiftung der Dämonen. Sie seien verstockt und undankbar, so der Vorwurf Justins. Justins Polemik gegen das Judentum seiner Zeit nutzte alle Stellen im Alten Testament aus. An denen Tadel und Strafandrohungen Gottes wegen des Ungehorsams Israels ausgesprochen waren.
Die Vorwürfe gegen die Juden
Die Juden nannte er Herren- und Prophetenmörder und erhob schwere Anschuldigungen. Christus habt ihr getötet und kennt trotzdem keine Reue, so der Vorwurf. Aber auch uns, die wir durch Christus an Gott, den Vater des Weltalls, glauben, mordet ihr in eurem Hasse. So oft ihr die Macht dazu erhaltet und die Gelegenheit nutzt. Immer und immer wieder verflucht ihr Christus selbst und seine Anhänger, so die Anklage. Auch bei ihm findet sich wieder der Gedanke der Knechtschaft Israels, abgeleitet von den beiden Frauen Jakobs.
Die Deutung von Lea und Rachel
Lia ist euer Volk und die Synagoge, Rachel dagegen ist unsere Kirche, so die Symbolik. Für die eine und die andere steht Christus noch heute im Dienste. Auch für die, welche hier wie dort die Knechte sind und dienen. Die Juden sah er also nicht als endgültig Verurteilte, sondern mit einer Chance. Bis zur Wiederkehr Christi stünde ihnen noch die Möglichkeit der Umkehr offen. Durch den Barnabasbrief und durch Justin waren die wichtigsten Argumente und Methoden der weiteren Auseinandersetzung mit den Juden gegeben.
Die Weitergabe der Argumentationstradition
Auf ihnen fußten die späteren christlichen Schriftsteller und entwickelten die Polemik weiter. Erwähnt sei auch der Nordafrikaner Tertullian, der sich in mehreren Werken mit dem Judentum auseinandersetzte. Und dem jüdischen Erbe, das die Kirche prägte. Seine Wirkung auf den lateinischsprachigen Raum war sehr groß, zumal er präzis formulierte. Zwei Aspekte sind besonders erwähnenswert und prägend für die Tradition. Zum einen vertrat er den Vorwurf einer jüdischen Kollektivschuld, die alle betraf.
Der Vorwurf der ewigen Schuld
Wenn sich Israel auch jeden Tag an allen Gliedern wüsche, so ist es doch niemals rein. Ohne Zweifel sind seine Hände immer unrein, das Blut der Propheten und des Herrn selbst klebt an ihnen in Ewigkeit. Zum anderen leitete er den Gedanken der Knechtschaft der Juden und der Herrschaft der Christen ab. Aus erste Mose fünfundzwanzig, dreiundzwanzig, der Stelle von den zwei Völkern. Der Kirchenhistoriker Euseb von Caesarea gab am Ende des dritten Jahrhunderts der christlichen heilsgeschichtlichen Theorie konkrete Gestalt. In seinen historischen Werken, Chronik und Kirchengeschichte, die weit wirkten.
Eusebs Deutung der Katastrophe des Jahres siebzig
Die Katastrophe des Jahres siebzig war in seiner Sicht die eigentliche heilsgeschichtliche Zäsur. Als die Christen vor dem Aufstand das Land verlassen hatten. Da brach zuletzt das Strafgericht Gottes über die Juden wegen der vielen Freveltaten herein. Die sie an Christus und seinen Aposteln begangen hatten, so die Deutung. Und vertilgte gänzlich dieses Geschlecht der Gottlosen aus der Menschengeschichte. Es sollte so sein, dass sie gerade in den Tagen, an welchen sie über den Erlöser und Wohltäter aller. Und den Gesalbten Gottes das Leiden verhängt hatten, wie in einem Gefängnis eingeschlossen wurden. Und von der göttlichen Gerechtigkeit den sie ereilenden Untergang erfuhren.
Der Segen Gottes bei den Christen
Der Segen Gottes lag nun nicht mehr auf ihnen, sondern auf den Christen. Die Lehre unseres Erlösers und seine Kirche blühten täglich mehr auf und machten immer größere Fortschritte. Die Juden aber gerieten durch stets neue Unglücksfälle in immer größere Not. Beide Werke Eusebs bestimmten über Jahrhunderte hinweg das christliche Geschichtsbild. Das Argumentationsschema blieb sich im Grunde immer gleich und wurde tradiert. Man berief sich auf die Schelte des Volkes Israel und die Strafen Gottes für seinen Ungehorsam. Und seine Undankbarkeit, die bereits im Alten Testament vor allem von den Propheten genannt wurden.
Die christliche Deutung der alttestamentlichen Verheißungen
Die Christen bezogen alle Verheißungen im Alten Testament auf Christus und auf seine Kirche. Deuteten die Drohungen und angedrohten Strafen aber im Hinblick auf die Juden. Da diese aber die christliche Interpretation des Alten Testaments, die in der Sicht der Christen ja die einzig richtige war. Als falsch ablehnten und nicht anerkannten, sie vielmehr als eine Verfälschung des eigentlichen Sinnes verstanden. Entstand bei den Christen der Eindruck, die Juden seien verstockt. Und deshalb unfähig, die Heilstaten Gottes und den eigentlichen, den geistlichen Sinn der rituellen Gebote der Thora zu verstehen.
Der Vorwurf des Gottesmordes
Als sehr gefährlich erwies sich in der weiteren Entwicklung der Vorwurf. Die Juden hätten Jesus ermordet, also die Schuld des Gottesmordes auf sich geladen. Die Zerstörung Jerusalems und seines Tempels durch die Römer im Jahr siebzig. Des weiteren die Umbenennung Jerusalems in Aelia Capitolina im Zuge des zweiten Aufstandes einhundertzweiunddreißig bis einhundertfünfunddreißig. Mit dem Verbot für alle Juden, diese Stadt zu betreten, wurden als gerechte Strafe Gottes für diese Tat gedeutet. So fühlte man sich in der Annahme bestätigt, als das wahre Israel an die Stelle der dem alten Bund verhafteten Juden getreten zu sein.
Die Christen als rechtmäßige Erben
Die Christen verstanden sich von diesem Zeitpunkt an als die rechtmäßigen Erben des alten Israel. Sie seien das Volk Gottes, dem seine Verheißung an den Erzvater Abraham galt. Die Juden hätten ihre Chance verpasst und den richtigen Weg nicht erkannt. Folgenreich bis ins Mittelalter war der Gedanke vom Knechtsstand der Juden. Die den Christen zu dienen hätten, so die theologische Konstruktion. Wenig tröstlich, doch darf es nicht übersehen werden, ist die Tatsache. Dass bei fast allen christlichen Zeugen die Hoffnung auf die Bekehrung der Juden zu Christus zum Ausdruck gebracht wurde.
Die Hoffnung auf die Rettung eines Restes
Zumindest in der Formel, dass ein Rest von ihnen in der Endzeit gerettet werde. Eine Verdammung der Juden für alle Zeiten wurde also meist nicht vertreten. Sondern eine Tür zur Umkehr offen gehalten in der theologischen Argumentation. Nach diesen Entwicklungen während der ersten drei Jahrhunderte ist eine weitere Verschärfung im Verhältnis der Christen zu den Juden zu beobachten. Die Kirche war nämlich durch die Konstantinische Wende vom vierten Jahrhundert an in eine Machtposition geraten. Nun unterwarf die staatliche Gesetzgebung die Juden verschiedenen Einschränkungen. Vor allem wurden jüdische missionarische Aktivitäten unmöglich gemacht und verboten.
Der gesetzliche Schutz des Judentums
Andererseits aber erhielt die jüdische Religion auch gesetzlichen Schutz vor der christlichen judenfeindlichen Volksmeinung. Diese weitere Entwicklung ist hier nicht mehr zu verfolgen, da der Fokus auf der Frühzeit liegt. Die Grundlagen wurden aber in der frühen Zeit gelegt und prägten die weitere Geschichte. Die historischen Prozesse der Entfremdung zwischen Christentum und Judentum zeigen die Komplexität religiöser Identitätsbildung. Die theologischen Argumentationen dieser Zeit haben weitreichende Folgen gehabt. Das Verständnis dieser Entwicklungen hilft, die Geschichte beider Religionen besser zu begreifen.
















