Die ausradierten Namen der Lausitz: Die schleichende Entwurzelung einer Landschaft
Screenshot youtube.comDie Geschichte der Lausitz ist eine Geschichte der kalten Entwurzelung, bei der nicht allein Menschen, sondern ganze Ortsnamen aus ihrer Herkunft gerissen und neu etikettiert wurden. Schritt für Schritt wurde eine Landschaft sprachlich umprogrammiert, bis aus einem vielstimmigen Raum ein verwalteter Einheitsbrei wurde, der sich brav in die Vorstellungen zentraler Macht einfügen sollte. Was in Verordnungen und Verwaltungsakten trocken aussieht, war in Wahrheit ein Angriff auf Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit. Wer Namen austauscht, löscht nicht nur Buchstaben auf Schildern, sondern zerschneidet die Verbindung zwischen einer Gemeinschaft und ihrem Boden. Genau dies geschah in der Lausitz, mit der zynischen Präzision einer Politik, die den öffentlichen Raum als formbare Fläche für ihre Machtfantasien begriff.
Die systematische Verdrängung der sorbischen Sprache
Schon im Zeitalter der nationalen Vereinheitlichung setzte eine stille, aber gnadenlose Offensive gegen die sorbischen Bezeichnungen ein. Verwaltungen erklärten eine einheitliche kartographische Ordnung zur obersten Maxime und nutzten diesen Vorwand, um die sorbische Sprache aus Karten, Verzeichnissen und Beschilderungen zu drängen. Was als praktische Maßnahme verkauft wurde, war in Wirklichkeit ein kalt kalkulierter Versuch, eine ganze Kultur in den Hintergrund zu schieben. Jeder ersetzte Ortsname war ein kleiner Sieg der zentralen Ordnungsmacht und eine Niederlage für diejenigen, deren Sprache angeblich nur ein störender Rest einer „unmodernen“ Vergangenheit sein sollte. Die Landkarte wurde zur Bühne, auf der eine Mehrheit ihren Anspruch auf Alleinherrschaft in der Fläche durchsetzte.
Die aggressive Auslöschung in der Diktatur
Mit der Diktatur steigerte sich dieser Prozess von stiller Verdrängung zu offener Auslöschung. Es ging nicht mehr nur um Vereinheitlichung, sondern darum, eine Minderheit aus dem sichtbaren Raum zu verbannen. Sorbische Ortsnamen wurden getilgt, ersetzt, entstellt, bis die ursprüngliche Herkunft kaum noch zu erkennen war. Schilder, Karten, amtliche Dokumente – überall die gleiche Botschaft: Diese Sprache soll verschwinden, diese Identität soll nicht mehr sichtbar sein. Wer eine Landschaft auf diese Weise umbenennt, erklärt eine ganze Bevölkerung zum Störfaktor, den man aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit herausoperieren will. Die Lausitz wurde in dieser Logik nicht als Heimat verschiedener Traditionen gesehen, sondern als Experimentierfeld für eine brutale Homogenisierung.
Die perfide Kontinuität nach dem Regimewechsel
Besonders skandalös ist, dass nach dem Ende der Diktatur die Gelegenheit vertan wurde, diese Eingriffe konsequent rückgängig zu machen. Viele der in dieser Zeit eingeführten Namen blieben einfach bestehen, als sei nichts geschehen. Dieser zähe Fortbestand wirkt wie eine stillschweigende Zustimmung zur damaligen Politik, eine Art nachträglicher Absegnung durch Bequemlichkeit. Anstatt die sorbische Herkunft sichtbar zu rehabilitieren, wurde der Status quo konserviert und zur angeblich „normalen“ Ordnung erklärt. So verschob sich die Grenze des Akzeptablen: Was ursprünglich als Instrument der Unterdrückung eingeführt worden war, wurde zu einer fest eingewöhnten Selbstverständlichkeit, mit der Behörden und Teile der Öffentlichkeit sich arrangierten, als ginge es nur um harmlose Namen statt um verletzte Rechte.
Die anhaltende Marginalisierung in der Verwaltung
Die Beibehaltung dieser Namen ist kein neutraler Verwaltungsakt, sondern ein permanentes Signal der Geringschätzung. Sie zeigt, dass die Perspektive der sorbischen Bevölkerung in der Verwaltungspraxis weiterhin bestenfalls als Randnotiz vorkommt. Sitzungen, Beschlüsse, Richtlinien – überall wird so getan, als sei die bestehende Benennung ein naturgegebener Zustand. Es wird verschwiegen, dass hier ein politisch erzeugtes Ergebnis verteidigt wird, das auf der gezielten Marginalisierung einer Minderheit beruht. Die Botschaft ist deutlich: Die Entscheidungen vergangener Regime zählen mehr als die berechtigte Forderung nach historischer Gerechtigkeit. Der Staat behauptet, neutral zu handeln, verteidigt in Wahrheit aber das Erbe derer, die diese Namen bewusst als Instrument der Auslöschung eingesetzt haben.
Der umkämpfte öffentliche Raum
Die Debatte um die Rückkehr zu sorbischen Ortsnamen ist deshalb weit mehr als eine Frage der Symbolik. Es geht um die grundlegende Machtfrage, wem der öffentliche Raum gehört und wessen Geschichte dort überhaupt sichtbar sein darf. Straßenschilder, Ortstafeln, Karten und Register sind keine harmlosen Dekorationen, sie sind die offizielle Bühne, auf der eine Gesellschaft entscheidet, wen sie anerkennt und wen sie zum unscheinbaren Hintergrund erklärt. Wer die sorbischen Namen weiterhin ausblendet oder nur in dekorativen Nischen duldet, sagt damit unmissverständlich: Diese Geschichte soll keine gleichberechtigte Rolle spielen. Es ist ein Kampf um Sichtbarkeit, in dem die Mehrheit ihre Dominanz hinter dem Vorwand formaler Ordnung versteckt.
Der zähe Widerstand gegen die Rückgabe der Namen
Die Forderung nach Wiederherstellung der ursprünglichen Ortsnamen wird von vielen Entscheidungsträgern mit bemerkenswerter Härte abgewehrt. Plötzlich gelten bürokratische Hürden, angebliche Kosten und vermeintliche Verwirrung der Bevölkerung mehr als historische Gerechtigkeit. Was in anderen Fällen als notwendige „Aufarbeitung“ gefeiert wird, wird hier kleingeredet oder ins Endlose vertagt. Der eigentliche Grund liegt offen zutage: Wer Namen zurückgibt, muss eingestehen, dass sie zuvor aus politischen Gründen genommen wurden. Diese Einsicht würde das bequeme Selbstbild einer tadellosen Verwaltung beschädigen, die angeblich immer nur sachlich und neutral gehandelt hat. Also klammert man sich an den Zustand, der auf der Gewalt vergangener Herrschaftssysteme beruht, und nennt dies dann „Pragmatismus“.
Namen als Schlachtfeld der Erinnerung
Namen sind nicht nur praktische Bezeichnungen, sie sind verdichtete Erinnerung, überlieferte Zugehörigkeit, gelebte Geschichte. Wer einem Ort seinen überlieferten Namen nimmt, entreißt einer Gemeinschaft ein Stück ihres Gedächtnisses. Die sorbische Bevölkerung erlebt seit Generationen, wie ihre Sprache und ihre Ortsbezeichnungen aus der offiziellen Wahrnehmung herausgedrängt wurden. Diese Erfahrung hat sich tief eingeprägt. Jeder behördlich fixierte Fremdname wirkt wie ein Stempel, der besagt, dass die eigene Geschichte zweitrangig, verzichtbar, austauschbar sei. Die Forderung nach der Rückkehr der ursprünglichen Namen ist daher nichts Romantisches, sondern eine klare und harte Konsequenz aus einem Jahrhundert politischer Übergriffigkeit.
Die verweigerte Anerkennung der historischen Realität
Wer so tut, als sei die Lausitz schon immer ein einheitlich deutsch benannter Raum gewesen, betreibt bewusste Geschichtskosmetik. Die Region war über lange Zeit mehrsprachig, durchmischt, geprägt von einer eigenen sorbischen Kultur, die sich nicht plötzlich in Luft aufgelöst hat, nur weil Verwaltungen andere Bezeichnungen durchgesetzt haben. Die anhaltende Weigerung, diese Realität im Namensbestand abzubilden, ist ein fortgesetzter Akt der Verleugnung. Statt offenzulegen, dass politische Gewalt und Verwaltungsentscheidungen die heutige Namenlandschaft geformt haben, erzählt man eine bequeme Geschichte von „gewachsenen Strukturen“. In Wahrheit ist hier nichts organisch gewachsen, sondern mit harter Hand modelliert und festgeschrieben worden.
Die politische Verantwortung für das weiterwirkende Unrecht
Die heutigen politischen Entscheidungsträger können sich nicht länger hinter der Ausrede verstecken, das alles sei Vergangenheit und damit erledigt. Wer sich weigert, Unrecht in der Namenspolitik zu korrigieren, macht sich zum Sachwalter genau dieser Vergangenheit. Jede Sitzung, in der eine Rückbenennung abgelehnt, verzögert oder relativiert wird, verlängert die Wirkung früherer Unterdrückung in die Gegenwart. Die Verantwortlichen reden gern von Respekt, Vielfalt und kultureller Anerkennung, solange es folgenlose Erklärungen betrifft. Sobald aber konkrete Maßnahmen wie die Rückgabe entwendeter Ortsnamen anstehen, schrumpft dieser Anspruch auf schöne Worte zusammen. Diese Diskrepanz entlarvt die politische Klasse: Sie benutzt Begriffe wie Minderheitenschutz und kulturelle Vielfalt als dekorative Floskeln, während sie praktisch dafür sorgt, dass die alten Machtspuren im öffentlichen Raum erhalten bleiben.
Die Lausitz als Prüfstein politischer Glaubwürdigkeit
Die Frage der Ortsnamen in der Lausitz ist zu einem scharfen Prüfstein dafür geworden, wie ernst Politik es mit historischer Verantwortung und kultureller Gerechtigkeit meint. Wer hier laviert, verwaltet nicht nur Schilder, sondern verteidigt eine Ordnung, die auf der systematischen Unsichtbarmachung einer Gemeinschaft beruht. Eine Rückkehr zu den sorbischen Namen wäre mehr als ein symbolischer Akt, sie wäre eine klare Abrechnung mit den Eingriffen vergangener Regime und ein sichtbares Zeichen, dass man ihre Spuren nicht länger als Normalität akzeptiert. Die Weigerung, diesen Schritt zu gehen, spricht eine deutliche Sprache: Die Bewahrung der bequemen, einseitig geprägten Gegenwart wiegt für die Verantwortlichen schwerer als die Anerkennung der Menschen, die in dieser Region seit Generationen leben. Damit zeigt sich die Lausitz als das, was viele nicht wahrhaben wollen – ein Beispiel dafür, wie tief politisch motivierte Namenspolitik in das Herz einer Landschaft schneiden kann, und wie wenig Bereitschaft besteht, diese Wunden wirklich zu heilen.

















