Das Christentum im Spannungsfeld der hellenistisch-römischen Kultur

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In den ersten Jahrhunderten nach der Entstehung des Christentums stand die junge Gemeinschaft vor der komplexen Aufgabe, sich zur dominierenden hellenistisch-römischen Kultur zu positionieren. Es galt, eine eigene Identität zu finden, ohne sich vollständig von der umgebenden geistigen Welt abzuschotten oder in ihr aufzugehen. Diese historische Phase war geprägt von intensiven Diskussionen über den Umgang mit philosophischem Wissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen der Antike. Die folgenden Ausführungen beleuchten die verschiedenen Strömungen innerhalb der Gläubigen im Umgang mit dem Erbe der Vergangenheit. Es wird deutlich, dass keine einheitliche Linie existierte, sondern ein breites Spektrum an Haltungen vorherrschte.

Die gespaltene Haltung zur antiken Geisteswelt

Auf Seiten der Anhängerschaft war man in der Beurteilung der kulturellen Umgebung keineswegs eines Sinnes und es gab viele unterschiedliche Meinungen. Natürlich herrschte Einmütigkeit in der Ablehnung aller nichtchristlichen Kulte und Mysterien sowie der Göttervorstellungen und Formen der religiösen Praxis. Aber die Stellung zur Geisteswelt war geteilt und sorgte für erhebliche Spannungen innerhalb der Gemeinschaft. Einige wollten sich komplett abgrenzen, während andere eine Integration des Wissens anstrebten. Diese Uneinigkeit prägte die theologischen Debatten über mehrere Generationen hinweg nachhaltig.

Die biblische Grundlage für die Ablehnung der Philosophie

Deren Ablehnung konnte sich immer auf die heiligen Schriften berufen und dort Unterstützung und Legitimation für die eigene Haltung finden. Am deutlichsten ist diese ablehnende Haltung in einem bekannten Schreiben an eine Gemeinde im Westen zum Ausdruck gebracht und dort schriftlich fixiert. Dort wurde davor gewarnt, sich durch Philosophie und nichtigen Trug unter die Botmäßigkeit von Menschenüberlieferung bringen zu lassen. Man solle sich nicht unter die Botmäßigkeit der Weltmächte begeben, sondern unter die des Stifters des Glaubens. Diese Haltung lebte in Kreisen der einfachen Gläubigen sowie der Asketen und Mönche fort und wurde weitergetragen.

Die radikale Ablehnung in einer syrischen Schrift

Auch die ethnischen Randgruppen oder die Sekten behielten diese strikte Distanz zur antiken Bildung bei und lehnten sie kategorisch ab. Die völlige Abwertung der hellenistisch-römischen Kultur ist in einer im dritten Jahrhundert in Nordsyrien verfassten Schrift formuliert worden. Diese Schrift war eine bestimmte schriftliche Überlieferung und gehörte zu den kirchlichen Rechtsschriften mit hoher Autorität. Sie hatte aufgrund ihres Status einen entsprechend großen Wirkungsradius innerhalb der Gemeinden und beeinflusste viele Gläubige. Hier ist zu lesen, dass man heidnische Bücher überhaupt nicht berühren solle und sie als unrein betrachten müsse.

Das Angebot der biblischen Alternative für alle Wissensbereiche

Es wurde gefragt, was man mit den fremden Worten und Gesetzen sowie den falschen Propheten zu tun habe, die leicht schwächere Menschen zum Irrtum bringen. Man fragte sich, was einem am Worte Gottes fehle, weshalb man sich zu jenen heidnischen Geschichten aufmachen sollte. Wenn man historische Darstellungen lesen wollte, sollte man die Königsbücher der älteren heiligen Schriften nehmen und dort lesen. Wenn man sich mit Philosophie oder mit Dichtung beschäftigen wollte, sollte man die Bücher der Propheten nehmen und darin studieren. In diesen Büchern würde man die beste Darstellung der ganzen Dichtung und Philosophie finden, da deren Weisheit die des Herrn sei.

Die vollständige Abdeckung durch die heiligen Texte

Wenn man aber Lieder suchte, sollte man die Psalmen nehmen und sie als Quelle des Gesangs nutzen. Wenn man sich aber über die Entstehung der Welt informieren wollte, sollte man den anfänglichen Teil der heiligen Schrift nehmen und lesen. Wenn man aber Gesetze und Vorschriften suchte, hatte man das hervorragende Gesetz des Herrn in den Gesetzesbüchern der älteren heiligen Schriften. Man sollte also alles dieses fremde und teuflische Schrifttum völlig von sich halten und meiden. Gerade in den asketischen Kreisen und im späteren Mönchtum bürgerte sich im Laufe der Zeit die Bezeichnung Philosophie für die christliche Lebensweise ein.

Die Aneignung des Philosophiebegriffs durch Asketen

Aus diesen Gruppen kam der größte Protest gegen die antike Philosophie und deren Einfluss auf den Glauben. Die stoische Definition der Philosophie als einer Lebenskunst ebnete den Weg zu einer solchen Deutung und Aneignung des Begriffs durch die Gläubigen. So wurde die christliche Askese vom Ende des dritten Jahrhunderts an als die wahre Philosophie der antiken gegenübergestellt und höher bewertet. Ein Nebeneffekt der Philosophie wurde nun zu ihrem eigentlichen Charakteristikum und definierenden Merkmal für die Christen. Deshalb wurde schon der große Theologe Origenes vom Kirchenhistoriker Euseb als christlicher Philosoph dargestellt und gewürdigt.

Die Anziehungskraft des christlichen Philosophen auf Heiden

Es wurde berichtet, dass er sehr viele Jahre das Leben eines Philosophen führte und jeglichen Reiz zu jugendlicher Ausschweifung von sich fernhielt. Den ganzen Tag nahm er die nicht geringen Mühen seiner strengen Lebensführung auf sich und diente als Vorbild für andere. Bei solchen Proben philosophischen Lebens versteht es sich, dass sich sehr viele Schüler zu ähnlichem Streben angespornt fühlten und nachfolgten. Es wurden daher selbst angesehene Gebildete und Gelehrte von den ungläubigen Heiden von seinem Unterricht angezogen und beeinflusst. Auch der Arzt Galen machte eine solche Haltung zur Grundlage seines Urteils über die Christen und ihre Lebensführung.

Die Entschärfung des antiken Bildungswesens für Christen

Einen aufgeschlossenen Umgang mit der hellenistisch-römischen Kultur findet man in den Kreisen der gebildeten Christen und Intellektuellen. Sie hatten das antike Bildungswesen durchlaufen und liebgewonnen und wollten es nicht aufgeben oder zerstören. Es wurde im griechischen Bereich auch nie abgeschafft, sondern nur unter christlichen Aspekten entschärft und angepasst für den neuen Gebrauch. Das bedeutet, dass es von Göttermythen und moralisch Bedenklichem gereinigt wurde für den christlichen Gebrauch und die Nutzung. Ein eigentlich christliches Bildungswesen wurde im gesamten griechisch-christlichen Kulturbereich auch in den späteren byzantinischen Jahrhunderten nicht aufgebaut.

Die Methode des umfassenden Studiums bei Origenes

Als ein Beispiel für die frühchristliche Bewertung der griechischen Bildung sei hier nur auf den Lehrbetrieb des schon erwähnten Alexandriners verwiesen. In einer ihm gewidmeten Dankrede eines seiner Schüler heißt es, dass er zum Studium der Philosophie anhielt und ermutigte. Die Schüler sollten mit aller ihrer Energie alle erhaltenen Texte der alten Philosophen und Dichter lesen und nichts vernachlässigen. Dabei sollte nichts zurückweisen werden, weil man noch nicht zu Urteilen fähig war und erst lernen musste. Er schloss nur die Schriften der Atheisten aus und verbot den Zugang zu diesen spezifischen Texten und Lehren.

Die Auswahl des Nützlichen und Wahren durch den Lehrer

Aber er wollte, dass seine Schüler mit allen anderen Philosophen vertraut sein sollten und sich auskannten im Wissen und der Theorie. Er führte sie zu allen und wollte, dass sie keine griechische philosophische Lehre unversucht ließen und ignorierten. Und er selbst begleitete sie, führte sie den Weg und nahm sie an der Hand wie auf einer Reise durch das Wissen. Er wählte alles das aus, was in jeder Philosophie nützlich und wahr war, und führte es ihnen vor zur Prüfung. Aber er verurteilte das Lügnerische und warnte vor falschen Lehren und Irrtümern und deren Gefahren.

Die theologische Übereinstimmung mit dem platonischen Denken

Aus diesen Gründen war ihnen nichts geheim, nichts verborgen und nichts unerreichbar im Bereich des Wissens und der Forschung. Es war ihnen vielmehr möglich, jede Wissenschaft zu lernen, ob nichtgriechische oder griechische und ob geistliche oder weltliche. In aller Freiheit durchforschten sie alles, prüften es gründlich und wurden von allem erfüllt und genossen die seelischen Güter. Origenes formulierte Übereinstimmungen und Unterschiede bezüglich der platonischen Philosophie an einer Stelle seiner Schriften so und differenzierte klar. Viele Philosophen sagen, dass es einen Gott gibt, der die Welt schuf und ins Dasein rief und gestaltete.

Die theologischen Differenzen zur platonischen Lehre

Einige fügten hinzu, dass Gott sowohl Weltschöpfer ist als auch die Welt durch den Logos regiert und lenkt und führt. Auch in der Ethik und in ihrer Betrachtung der natürlichen Welt stimmen sie meist mit den Christen überein und teilen Werte. Aber man stimmte nicht überein, wenn sie behaupteten, dass die Materie mit Gott gleich ewig sei und keinen Anfang habe. Man stritt auch, wenn sie verneinten, dass die Vorsehung sich bis zur unter dem Mond befindlichen Welt erstrecke und alles sehe. Ebenso bestand Uneinigkeit, wenn sie annahmen, dass die Kraft der Sterne unser Leben bestimme und das Schicksal lenke.

Das breite Wissen des Julius Africanus und sein Werk

Auch wenn sie annahmen, dass die Welt nie aufhören werde zu existieren, gab es einen fundamentalen Widerspruch zur christlichen Lehre und Hoffnung. Dieser Katalog des Für und Wider ist nicht vollständig, denn es handelt sich nur um eine zufällige Äußerung und keine Systematik. Aber sie lässt doch auch die große Übereinstimmung erkennen, die zwischen christlichem Glauben und platonischem Denken bestand. Ein noch extremeres Beispiel ist der schon erwähnte Julius Africanus und sein breites Interesse an weltlichem Wissen. Von ihm stammt auch ein Werk mit einem besonderen Namen und das vielfältige Themen behandelte und umfasste.

Die Synthese von christlichem Glauben und magischen Praktiken

Es war eine Enzyklopädie militärtaktischer, agrar- und veterinärwissenschaftlicher, medizinischer, magischer und aphrodisischer Themen und Inhalte. Weil vergangenen Forschergenerationen diese Schrift als zu unmoralisch und zu abergläubisch erschien, hielt man sie nicht für authentisch. Africanus ist ein beredtes Beispiel dafür, dass die gebildeten Christen ganz im hellenistischen Bildungsgut lebten und sich darin bewegten. Sie setzten ihrer christlichen Existenz keine engen Grenzen und schlossen weltliches Wissen nicht aus und werteten es nicht ab. Magische Papyri mit Anrufung christlicher Zentralbegriffe wie Christus oder Engel bestätigen diese Vermischung von Praktiken und Glaubensinhalten.

Die Grenzen der Interpretation und die Verurteilung des Origenes

Auch Zitate christlicher Texte oder christliche Symbole finden sich auf diesen Dokumenten und zeigen die Synthese und Verbindung auf. Gewisse Grenzen in der Interpretation der Lehre durften jedoch nicht überschritten werden und mussten eingehalten werden von allen. Origenes wurde schon bald angefeindet und schließlich endgültig auf einer großen kirchlichen Versammlung zu Konstantinopel im Jahre fünfhundertdreiundfünfzig verdammt. In seinen historischen Aufzeichnungen zitiert Euseb einen Bericht über eine christliche Bewegung in Rom zu Beginn des dritten Jahrhunderts. Diese Bewegung suchte das Christentum so eng mit der hellenistischen Kultur zu verbinden, dass sie sogleich als häretisch verurteilt wurde.

Der Vorwurf der logischen Verfälschung der heiligen Schriften

Die Darstellung ist natürlich polemisch und stellt die Gegner in einem negativen Licht dar und kritisiert sie scharf und unnachgiebig. Es wurde berichtet, dass sie die göttlichen Schriften ohne Scheu verfälschten und die Richtschnur des alten Glaubens aufhoben. Sie wurden beschuldigt, Christus verleugnet zu haben und nicht zu fragen, was die heiligen Schriften sagen und lehren. Sie mühten sich eifrig ab, logische Schlüsse zu finden, um ihre Gottlosigkeit zu begründen und zu untermauern und zu rechtfertigen. Wenn ihnen jemand ein Wort der göttlichen Schrift vorhält, dann forschen sie darüber, ob dasselbe gestatte, den konjunktiven Schluss anzuwenden.

Die Verehrung heidnischer Philosophen und Wissenschaftler

Unter Verachtung der heiligen Schriften Gottes beschäftigen sie sich mit Geometrie und weltlichen Wissenschaften und vernachlässigen das Geistliche. Denn sie sind Erdenmenschen, sie reden irdisch und kennen den nicht, der von oben kommt und göttlich ist und alles erschuf. Eifrig studieren sie die Geometrie Euklids und wenden sich den mathematischen Lehren der Heiden zu und folgen ihnen blind. Sie bewundern Aristoteles und Theophrast und folgen deren philosophischen Systemen und Gedankengebäuden und Lehren und Ideen. Galen gar wird von einigen vielleicht angebetet und wie ein Heiliger verehrt aufgrund seines Wissens und seiner Medizin.

Die bleibende Spannung zwischen Identität und kultureller Anpassung

Es wurde vermerkt, dass die, welche die Wissenschaften der Ungläubigen brauchen, um ihre Häresie zu beweisen, mit dem Glauben nichts zu tun haben. Sie fälschen den kindlichen Glauben der göttlichen Schriften mit der Schlauheit der Gottlosen und verderben ihn und zerstören ihn. So legten sie an die göttlichen Schriften keck ihre Hände und gaben vor, sie hätten dieselben verbessert und korrigiert und verändert. Das war kein Einzelfall, sondern spiegelt eine wiederkehrende Problematik in der frühen Kirche wider und zeigt das Muster. Das Beispiel zeigt, um welch brisante Problematik es sich bei der Spannung zwischen christlicher Identität und Inkulturation handelte.