Die Kunst der Selbstannahme im Streben nach Perfektion
Screenshot youtube.comIn einer Zeit, die von ständiger Optimierung und dem Druck zur Selbstverbesserung geprägt ist, sehen sich viele Menschen mit der Erwartung konfrontiert, jederzeit das Beste aus sich herausholen zu müssen. Gesellschaftliche Normen, mediale Vorbilder und unzählige Ratgeber suggerieren, dass Glück und Erfolg nur durch kontinuierliche Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und dem eigenen Körper zu erreichen sind. Dieses Streben nach einem idealen Zustand führt jedoch oft zu Frustration und einem schlechten Gewissen, wenn die gesetzten Ziele nicht erreicht werden. Der folgende Text beleuchtet diese Thematik aus einer persönlichen Perspektive und zeigt auf, dass die Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheiten ein ebenso wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem zufriedenen Leben sein kann. Es geht darum, den Kampf gegen die eigene Natur einzustellen und das Leben in seiner jetzigen Form zu würdigen, ohne dabei die Möglichkeit kleinerer Anpassungen vollständig auszuschließen. Diese Betrachtung ordnet das individuelle Erleben in einen größeren Zusammenhang ein und lädt dazu ein, den eigenen Maßstäben mit mehr Nachsicht zu begegnen.
Die Ruhe der Landschaft als Spiegel der Seele
Die Gedanken zu diesem Thema reifen oft in der Ruhe einer bestimmten Landschaft, wie sie beispielsweise in der Lausitz zu finden ist. Hier zwischen Teichen und alten Kiefernwäldern scheint die Zeit manchmal langsamer zu vergehen als in den hektischen Metropolen anderswo. Die Menschen in dieser Region kennen den Wert der Beständigkeit und haben gelernt, mit dem zu leben, was die Natur und das Schicksal ihnen geben. In dieser Umgebung wird deutlich, dass das Leben nicht immer ein Projekt ist, das man erfolgreich abschließen muss, sondern ein Prozess, den man erfahren darf. Die weiten Horizonte der Lausitz laden dazu ein, den eigenen Blickwinkel zu erweitern und die eigenen Sorgen als Teil eines größeren Ganzen zu betrachten. So wird aus der persönlichen Reflexion eine allgemeine Erkenntnis, die weit über die Grenzen der eigenen vier Wände hinausreicht und Gültigkeit besitzt.
Die Einsicht in die eigenen Grenzen und Unvollkommenheiten
Wenn man erst einmal eingesehen hat, dass es in diesem Leben nichts mehr wird mit der idealisierten Traumfigur, kann man auch einige andere Dinge gleichzeitig akzeptieren. Ich zum Beispiel werde vermutlich nicht nur für immer ein kleines Bäuchlein mit mir herumtragen, ich werde auch in diesem Leben nicht mehr die Person werden, die als ordentlich bezeichnet werden kann. Ich werde es ferner nie schaffen, die Steuererklärung rechtzeitig zu erledigen oder die Geschenke für das Fest der Liebe beizeiten zu besorgen. So wie es aussieht, werde ich die Zigarette in späten, alkoholisierten Nächten mit meiner Freundin Jana auch nicht loswerden, obwohl ich um die Risiken weiß. Ja, ich weiß, dass dies gesundheitsschädlich ist, doch die Gewohnheit ist tief verwurzelt und lässt sich nicht einfach durch Willenskraft austilgen. Es gab schon immer eine ebenso unschöne wie lange Liste von Eigenschaften und Verhaltensweisen, an denen ich etwas ändern möchte und die mich beschäftigen.
Der Umgang mit Partner, Kind und Tier
Sehr zum Leidwesen meines Partners L. schloss das auch einige Eigenschaften und Verhaltensweisen von ihm ein, die ich gerne modifiziert hätte. Allein Hund und Kind waren von meinem Willen zur Verbesserung ausgeschlossen, da sie eigene Wesenheiten mit eigenen Rechten darstellen. Der Hund ist aus Gründen renitenter Unbelehrbarkeit von solchen Plänen ausgenommen, da er sich nicht für menschliche Ordnungsvorstellungen interessiert. Das Kind ist ebenfalls ausgeschlossen, weil es bei ihm Erziehung heißt und dies auf einem ganz anderen Blatt der Lebensplanung steht. Ich war mir immer sicher, irgendwann in der Zukunft und wenn ich mich nur genug anstrenge, wäre ich auch so, wie ich es gerne hätte. Ich würde regelmäßig zum Yoga oder zu Pilates gehen und meine Lebensmittel auf dem Markt einkaufen, um gesund zu leben.
Die Vision eines idealen Lebensablaufs
Das Bücherregal im Arbeitszimmer würde nicht mehr so aussehen, als hätte jemand aus drei Meter Entfernung eine Tonne Bücher dort hinein geschmissen. Vor Weihnachten wäre ich gut gelaunt und würde mit dem Kind singen und Plätzchen backen, statt in Stress zu verfallen. Ich würde mir in einer Online-Plattform ansehen, wie man mit selbst gesammelten Tannenzapfen Weihnachtspäckchen verziert, um es perfekt zu machen. Irgendwann ist das so, denke ich mir oft, und male mir diese Zukunft in den schönsten Farben aus. Das ist ungefähr zu der gleichen Zeit, wenn L. und ich abends sogenannte wertvolle Zeit miteinander verbringen, während der er mir rasend romantische Dinge sagt. Ich würde dann verlegen lachen und ihm sagen, er sei ein Schuft, weil wir im Restaurant sind und jemand uns hören könnte.
Die Metapher der Raupe und des Schmetterlings
So würde es sein und das ist mein eigentliches Leben, das ich mir in meinen Träumen zusammenreime. Bis dahin wurstle ich mich eben noch so durch den Alltag und versuche, das Beste aus der Situation zu machen. Ich bin im Prinzip die Raupe Nimmersatt, die sich noch durch das Leben frisst, bevor die Verwandlung kommt. Irgendwann werde ich ein wunderschöner Schmetterling, aber bis dahin esse ich mich noch durch ein Törtchen, einen Apfel und ein Käsebrot. Das ist die klassische Wenn-dann-Falle, in der wir uns alle befinden und die uns antreibt, obwohl sie unerreichbar bleibt. Wenn ich nur erst etwas Bestimmtes bin bzw. habe, dann aber, denken wir und verschieben das Glück auf morgen.
Der gesellschaftliche Druck zur Veränderung
Man sieht dann immer diese Person vor sich, die man sein könnte, wenn man sich nur genug anstrengt, aber man kriegt es nicht so recht hin. Obwohl Gesellschaft, Frauenzeitschriften und Ratgeber in Dauerschleife postulieren, dass man alles schaffen kann, wenn man sich nur richtig anstrengt. Aber das stimmt nicht und es ist eine Illusion, die uns ständig vor Augen gehalten wird, um uns zu motivieren. Sehen Sie sich doch mal um und betrachten Sie die Menschen in Ihrer Umgebung, die alle mit ihren eigenen Kämpfen ringen. Alles sind Raupen, die darauf warten, sich zu verwandeln, doch die Verwandlung bleibt oft aus oder sieht anders aus als erwartet. Und während dieses Raupendaseins haben wir permanent ein schlechtes Gewissen, das uns begleitet wie ein treuer Schatten.
Das schlechte Gewissen und der Jahreswechsel
Schon wieder den Nachmittag im Netz verplempert, geraucht, ein Schnittchen mit einer Million Kalorien gegessen und keine Bauchmuskelübungen gemacht. Die Tannenzapfen fehlen auch noch und vielleicht kann ich noch welche in einem Kleidungsgeschäft besorgen, um den Schein zu wahren. Und dann ist wieder Jahreswechsel, und bei der Bilanz des letzten Jahres bleibt uns Raupen dann gar nichts anderes übrig, als uns schrecklich zu betrinken. Wir fragen uns gegenseitig, ob jemand eine Zigarette hat, und teilen das schlechte Gewissen in der rauchigen Luft. Es ist ein Dilemma, aus das es kein einfaches Entkommen gibt, solange wir an der Illusion der Perfektion festhalten. Andererseits durfte ich die Erfahrung machen, dass wenn man sich tatsächlich mal aufrafft, um wenigstens im ganz Kleinen diesem Bild von sich selbst zu entsprechen, es scheitern kann.
Das Scheitern an der inszenierten Idylle
Wenn man mit hübschem Weidenkorb am Lenker zum Wochenmarkt radelt, fängt es in der Regel an zu regnen und verderbt die Stimmung. Die Hundeleine verfängt sich in den Speichen und der verfickte Weidenkorb kippt, wodurch die Ordnung sofort wieder zerstört wird. Das ganze gesunde Zeug verschwindet unter einem geparkten Wohnmobil und ist für immer verloren, genau wie die gute Laune. Und selbst wenn sich keine Katastrophe einstellt, fühlt es sich irgendwie ganz anders an, als man es sich vorgestellt hat und erhofft hatte. Es hat einfach nichts mit einem selbst zu tun und wirkt wie eine Rolle, die man spielt, aber nicht ausfüllen kann. Mir ging das während des Glücksprojekts so, da habe ich versucht, die kleinen Dinge zu genießen, wie es vorgeschrieben wurde.
Die Vorbilder aus den Zeitschriften
Wenn ich das höre, denke ich aus dem Stegreif an dieses Foto, das in allen Frauenzeitschriften gezeigt wird, sobald es darum geht, sich selbst etwas Gutes zu tun. Eine Badewanne, Teelichter und Rosenblätter auf dem Rand, darin eine Person mit hochgestecktem Haar, die sich genussvoll im Schaumbad räkelt. Darunter steht dann, in was man baden muss, das ist dann meistens irgendein Lavendel-Aloe-ökologisch-Kräuterbutter-Öl, das teuer verkauft wird. Es soll rückfettend und tiefenentspannend wirken, damit man sich wie ein neuer Mensch fühlt, wenn man aus dem Wasser steigt. Nachdem ich ja durchaus empfänglich bin für solche Bilder, stehe ich am nächsten Tag in einem hübschen kleinen Laden, in dem sich Fläschchen tummeln. Dort gibt es bunten Flüssigkeiten, Salzen und Kugeln in allen Farben, die alle Entspannung und Schönheit versprechen.
Der Einkauf für das perfekte Bad
Ich entscheide mich für eine Gesichtsmaske und ein Ölbad mit Rosenduft, das meine Hautunebenheiten babyweich machen wird, wie versprochen. Einen Naturschwamm nehme ich auch noch gleich mit, um die Peelingwirkung zu verstärken und die Haut zu reinigen. Wenn ich erst mal in der Wanne sitze, kann ich mir den dekorativ im Nacken ausdrücken, um den Duft zu intensivieren. Sogar Rosenblätter besorge ich, es soll genau so werden, wie ich das im Kopf habe und wie es auf dem Bild aussah. Am Sonntagabend ist es so weit und ich bereite alles vor, damit nichts dem Zufall überlassen bleibt. Ich habe ein Treffen mit mir selbst, so heißt das unter uns Wellness-Spezialisten, die sich Zeit für sich nehmen wollen.
Die Vorbereitung der Entspannung
Ich lege eine Zeitschrift auf die Ablage, wo auch die Haarwaschmittelflaschen stehen, und verteile Teelichter und Rosenblätter auf dem Badewannenrand. Ich lasse das dampfende Wasser ein, das mit Rosenöl versetzt ist, damit es gut riecht und entspannt. Es schäumt leider nicht, dafür riecht es ganz gut und sieht sehr hübsch aus, genau wie geplant. Mit hochgestecktem Haar steige ich in die Wanne, liege ein bisschen herum und fahre mit dem Naturschwamm die Arme und Beine auf und ab. Das macht aber nur kurz Spaß, denn die Realität holt mich schnell ein und stört die Idylle. Ich angle mir die Zeitschrift und fange mit zusammengekniffenen Augen das Blättern an, da Teelichter ja gar nicht so viel Licht machen, wie man glaubt.
Das Unglück nimmt seinen Lauf
Mit dem Ellbogen stoße ich aus Versehen eins von ihnen auf den Boden und der Badvorleger ist jetzt voller Wachs. Dafür hat er wenigstens nicht Feuer gefangen, was ein kleiner Trost in dieser misslichen Lage ist. Erleichtert lege ich mich zurück, doch während sich die Haarspange in meinen Hinterkopf bohrt, bemerke ich, wie die Körperteile erkalten. Die Teile, die nicht im warmen Wasser liegen, kühlen recht zügig ab und das wird unangenehm für den Körper. Ich gebe dem Drang nach, einen Arm ins Wasser zu tauchen, um ihn wieder zu wärmen und das Unbehagen zu lindern. Die nasse Hand befeuchtet sogleich den rechten Teil der Zeitschrift, sodass die sich nicht mehr blättern lässt und die Unterhaltung endet.
Die Enttäuschung über das Ergebnis
Es wird kühler im Wasser und so richtig entspannend finde ich das Unternehmen ja nicht bis jetzt, denke ich bei mir. Ich schubse ein paar verschrumpelte Rosenblätter ins Wasser, damit es wenigstens noch etwas dekorativ aussieht. Dann wird es doch noch recht aufregend, denn haben Sie jemals versucht, Badeöl aus Ihren Haaren zu kriegen. Da können Sie sich dreimal den Kopf mit Haarwaschmittel waschen, es sieht immer noch so aus, als würden Sie am Wettbewerb für fettige Haare teilnehmen. Und Sie würden sogar gewinnen, weil das Öl einfach nicht weggehen will und alles verschmiert. Wenn Sie dann aus der Wanne steigen und mit Handtuch auf dem Kopf so richtig in Fahrt sind, können Sie gleich weitermachen.
Die mühsame Reinigung danach
Versuchen Sie, den Ölfilm, in dem ihre ganzen abrasierten Beinhaarstoppeln kleben, vom Badewannenrand zu entfernen, was mühsam ist. Und erschrecken Sie nicht über die blutigen Stellen überall an Ihrem Körper, die突然出现 sind. Das sind nur die matschigen Rosenblätter, die an ihrer Haut bippen und kleine Verletzungen verursachen können. So genervt bin ich noch nie aus dem Bad gekommen und die Entspannung war ein völliger Fehlschlag. Es ist zum aus der Haut fahren, aber die Alte in der Badewanne bin ich nicht und werde es nie sein. Ich bin auch nicht die mit den liebevoll verpackten Weihnachtsgeschenken, die alles perfekt organisiert hat.
Der Wunsch nach tiefgreifender Veränderung
Und so ist es auch mit tiefer greifenden Veränderungen, also wenn man jetzt nicht nur baden will, sondern zum Beispiel mehr Erfolg haben möchte. Vielleicht möchte man positiver oder vielleicht lieber extrovertiert sein, also irgendwie schwerwiegend anders werden als man ist. Von diesem Bedürfnis lebt eine ganze Branche und bietet für jede ungeliebte Schwäche einen Wochenendkurs an, der Hilfe verspricht. Wollen Sie zum Beispiel eine faszinierende Persönlichkeit sein, das kostet zweihundertneununddreißig Euro und ist in nur einem Wochenende zu bekommen. Das geschieht mittels hochwirksamer Methoden, falls Sie sich auch schon gefragt haben, wie das geht und ob es wahr ist. Waren Sie schon mal in einem Kurs oder in einem Lehrgang oder einer Auszeit vielleicht, um sich zu entwickeln.
Die Erfahrung mit Weiterbildungsangeboten
Oder in einem Wochenendintensivkurs bei irgendetwas, um sich in irgendeiner Form persönlich weiterzuentwickeln und besser zu werden. Ich war schon in vielen, meist zu Recherchezwecken, und nicht immer habe ich erfolgreich abgeschlossen oder etwas gelernt. Ginge es nach der Anzahl der Kurse, die ich besucht habe, müsste ich schon längst positiv denken und stinkreich sein. Ich würde gewaltfrei kommunizieren und meinen Schutzengel hätte ich auch schon persönlich kennengelernt, wenn es funktionieren würde. Einige dieser Kurse sind nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen, wie zum Beispiel die Sache mit den Schutzengeln oder das gewaltfreie kommunizieren. Aber ich bin immer gerne dabei, allerdings mehr aus Interesse denn aus Not, um zu sehen, was dort passiert.
Die Realität der Kursteilnehmenden
Wer jedoch mit dem Gedanken spielt, so einen Kurs zu besuchen, weil er oder sie das Gefühl hat, in der eigenen Seele läge etwas im Argen, sollte es lassen. Man trifft dort nur lauter traurige Menschen und es wird viel zu viel geweint, statt Lösungen zu finden. Die meisten Teilnehmenden gehen regelmäßig zu solchen Vorhaben und sind wahre Experten was ihre Lieblings-Fachrichtung angeht. Ich kann falsch liegen, aber würden diese Lehrgänge zum inneren Jubel funktionieren, dann würden die Dauer-Teilnehmenden dort deutlich weniger weinen. Stattdessen würden sie mehr tanzen und Freude zeigen, statt immer wieder die gleichen Probleme zu besprechen. Aus einer introvertierten, schüchternen Person wird auch nach einem Intensiv-Kurs keine Seemannslieder grölende Persönlichkeit.
Die Grenzen der Persönlichkeitsentwicklung
Der Dicke aus der Informatikabteilung wird auch durch einen Profi-Aufreißer-Kurs kein betörender Frauenheld, so sehr er es auch wünscht. Eine überaus sympathische Schamanin, bei der ich mal einen Kurs zum Thema Das innere Krafttier besucht habe, sagte, bei fast allen Teilnehmern ginge es um mangelndes Selbstwertgefühl. Aber ein mehr oder weniger mangelndes Selbstwertgefühl haben die meisten Menschen, die ich kennen gelernt habe. Eigentlich alle, die ich kenne, außer vielleicht eine bekannte Persönlichkeit und mein Freund Ole, die damit kein Problem haben. Welche Schwäche auch immer es sein mag, aller Wahrscheinlichkeit nach bleibt sie uns und verschwindet nicht durch einen Kurs. Wir werden keine Schmetterlinge, so sehr wir es auch hoffen, und müssen das akzeptieren lernen.
Das Leben als Raupe akzeptieren
Dieses Dahingewurstle ist das richtige Leben und nicht nur eine Vorstufe zu etwas Besserem. Dieses vollkommen unperfekte Leben mitsamt seinen Unsicherheiten und vollen Bücherregalen, den Pfunden und dem müden Sexleben, das wird gerade gelebt. Es wird seit einiger Zeit schon so gelebt und es lässt sich auch nicht aufhalten oder rückgängig machen. Es lo que hay, Das ist es, was es gibt, sagt man in Spanien, als wäre das Leben ein Teller Suppe, den uns jemand auf den Tisch stellt. Umso mehr faszinieren die Geschichten von Leuten, die das Ruder mal so richtig rumgerissen haben und sich trotz eines schrecklichen Schicksalsschlags nicht unterkriegen lassen. Das gibt uns ein bisschen die Hoffnung, dass man tatsächlich alles schaffen kann, wenn man sich nur richtig anstrengt und kämpft.
Die Hoffnung versus die biologische Realität
Vermutlich aus diesem Grund heißt es im Zusammenhang mit solchen Geschichten immer, sie würden Mut machen und inspirieren. Allerdings hat man inzwischen herausgefunden, dass Menschen nach Schicksalsschlägen nach einer gewissen Zeit wieder zu ihrem Normalzustand an Lebenszufriedenheit zurückkehren. Das ist anscheinend in uns angelegt und ein biologischer Mechanismus, den wir nicht steuern können. Das gilt für beide Richtungen, ob Autounfall oder Glücksspielgewinn, die Stimmung pendelt sich ein. Sehen Sie es endlich ein und akzeptieren Sie, dass Sie nicht alles schaffen können, wenn Sie sich nur richtig anstrengen. Aber eben nicht nur Sie nicht, auch sonst niemand kann alles erreichen, was er sich wünscht.
Die Dinge ohne Einfluss
Es gibt einfach einen ganzen Haufen Dinge, auf die man so gut wie keinen Einfluss hat und die man hinnehmen muss. Es gibt Verluste, die werden immer schmerzen und keine Methode der Welt kann das vollständig heilen. Depressionen sind oft chronisch und unheilbar, manche Menschen haben einen Hang zu ebenso stimulierenden wie ungesunden Drogen oder Partnern. Wir können außerdem weder Familienmitglieder ändern noch unsere Partner und schon gar nicht unseren Chef oder die Arbeitskollegen. Das Leben ist außerdem manchmal ungerecht und auch ziemlich oft ein Arschloch, und auch das wird man nicht ändern können. So sehr man sich auch wünscht, dass die eigene Mutter mehr oder der Chef weniger oder man selbst irgendwie er wäre, es wird nicht passieren.
Die Liste der unmöglichen Wünsche
Trotzdem stehen einige dieser unmöglichen Wünsche ganz oben auf unserer Liste der Dinge, die wir hinkriegen wollen und erreichen möchten. Vielleicht, wenn wir uns mehr anstrengen, mehr in der Vergangenheit wühlen, besser verstehen, warum wir so sind, wird es besser. Aber das ist ein Trugschluss, der uns nur weiter in die Irre führt und von der Gegenwart ablenkt. Sehen Sie es ein, ich musste es auch einsehen, dass man andere nicht ändern kann ohne extreme Maßnahmen. Um L. zu ändern, und damit meine ich nicht, dass er seine Socken in den Wäschekorb wirft anstatt sie rund um das Bett zu verteilen wie einen magischen Sockenzirkel, müsste ich ihn schon am Stirnlappen operieren. Davor schrecke ich zurück und lasse es lieber sein, denn es lohnt den Aufwand nicht.
Die schmerzvolle Einsicht der Akzeptanz
Im Ernst, es hilft nichts und man muss akzeptieren, dass man so ist, wie man ist, und dass die eigenen Möglichkeiten begrenzt sind. Das heißt nicht nur, dass auf meinen Weihnachtsgeschenken keine Tannenzapfen zu finden sind, sondern auch, und das ist die etwas schmerzvollere Einsicht. Ich werde nicht die offene, neugierige, lebenslustige und gesellige Person sein, die mir sympathisch wäre und die ich bewundere. Auch wenn es noch so unangenehm ist, wenn mich jemand fragt, was ich gerne in meiner Freizeit tue, ist die ideale Antwort oft eine Lüge. Die Aussage, ich spiele gerne Tennis und gehe sonntags auch mal segeln mit Freunden, ich helfe ehrenamtlich im Tierheim, besuche den Volkshochschulkurs Italienisch III, ist falsch. Auch der Teil, bin aber auch gerne mal alleine in meinem hippen Wohnraum und lese dann die Werke der Weltliteratur, anschließend treffe ich mich gerne mit meinen zahlreichen Freunden auf ein pflanzliches Brot, ist nicht wahr.
Die Wahrheit über die eigene Freizeit
Ich muss sagen, in meiner Freizeit trage ich gerne bequeme Hosen und bleibe zu Hause, statt auszugehen. Neue Leute kennenzulernen, interessiert mich nicht besonders, ich finde schon die nervenaufreibend genug, die ich kenne und mag. Ich fahre noch nicht mal gerne in den Urlaub, denn zu Hause ist es am schönsten und entspanntesten für mich. Wie gesagt, ich bin gerne in bequemen Hosen zu Hause und das ist eine Tatsache, die ich nicht leugnen will. Ich bin so, wie ich bin, und an den Grundzügen ändere ich da auch nichts dran und an den Grundzügen anderer schon gleich dreimal nicht. Ich kann aber aufhören, mich unter Druck zu setzen oder mich schlecht zu fühlen, weil ich so oder so bin und nicht so, wie ich es gerne hätte.
Der Fokus auf das Machbare
Ich kann mir die Dinge, die ich eh nicht ändern kann, am Arsch vorbeigehen lassen und mich auf das konzentrieren, was ich durchaus kann und schaffe. Statt sich zu wünschen, die schwierigen Eltern würden sich ändern, kann man vielleicht lernen, eine friedliche Beziehung zu den schwierigen Eltern zu etablieren. Statt sich permanent schlecht zu fühlen, weil sich das eigene Leben nicht mit Glück und Liebe füllen lässt, wäre ein realistisches Ziel, stolz darauf zu sein. Man kann stolz darauf sein, wie man das Leben trotzdem hinbekommt und meistert, trotz aller Hindernisse. Und deswegen habe ich am Tag nach einer lustigen Alkohol- und Zigarettennacht kein schlechtes Gewissen mehr, sondern Frieden mit mir. Ich denke auch nicht, Herrje, schon wieder geraucht, dass ich das einfach nicht lassen kann, sondern ich genieße den Abend und bin mit mir einverstanden.
Ein neuer Umgang mit sich selbst
Ich passe auf, dass das nicht ausufert, und das ist ein vernünftiger Umgang mit meinen Gewohnheiten. Statt dem verbreiteten Ich will mich selbst mehr lieben, sage ich lieber, ich finde den Einsatz, den ich für mein Wohlergehen erbringe, echt beachtlich. Wenn man versteht, dass Selbstverbesserung seine Grenzen hat, dann lässt sich lernen, wie man mit diesen Grenzen am besten umgeht und lebt. Das ist wesentlich effektiver, als sich permanent vorzuheulen, dass es nicht klappt mit bestimmten Dingen, die man nicht kontrollieren kann. Bestimmte Dinge kann man am Arsch vorbeigehen lassen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Mit was es gerne mal nicht klappt und auf was man viel weniger Einfluss hat, als man meint, aber das Gefühl hat, man sollte Einfluss darauf haben, ist das Einkommen.
Die Liste der Unkontrollierbaren Dinge
Es ist auch das Gefühl, dass man gerne in bequemen Hosen zu Hause bleibt, statt aktiv zu sein, wie es erwartet wird. Dass Mutti sich endlich mal gegen Vati durchsetzt, liegt nicht in unserer Hand und kann nicht erzwungen werden. Was andere Leute über einen denken bzw. fühlen, ist deren Sache und nicht unsere Verantwortung oder Aufgabe. Dass man nicht aufhören kann, bestimmte Dinge zu hassen bzw. lieben, ist eine emotionale Tatsache, die man annehmen muss. Der Beziehungsstatus, dass man introvertiert ist, die Kontrolle über das Problem bestimmte Dinge, dass der Partner ein Arbeitssüchtiger ist, sind weitere Beispiele. Dass der Bruder ein Suchtproblem hat und die Kinder sich anders entwickeln als geplant, gehört auch dazu und muss getragen werden.
Die Befreiung durch Annahme
Ist das nicht wahnsinnig schön, diese Idee, dass man gar nichts verbessern muss und einfach sein darf. Kein Überwinden, kein In-den-Arsch-Treten, keine Erwartungen und kein Ich-muss-da-unbedingt-besser-Werden und Das-muss-ich-Ändern. Müssen wir nämlich nicht und das ist eine befreiende Erkenntnis für jeden, der sie verinnerlicht. Es wird schon werden und Raupen sind wunderbare Tiere, die auch ohne Verwandlung einen Wert haben. Wir dürfen uns so akzeptieren, wie wir sind, und das ist der größte Schritt zur Zufriedenheit. Das Leben in der Lausitz und überall sonst lehrt uns, dass Beständigkeit oft mehr wert ist als ständiger Wandel.















