Quousque tandem, Catilina? Die dramatische Eskalation eines politischen Konflikts im alten Rom

Der berühmte lateinische Satz „Quousque tandem, Catilina?“ – übersetzt etwa mit „Wie lange noch, Catilina?“ – ist untrennbar verbunden mit den leidenschaftlichen Reden des römischen Redners Cicero gegen den Verschwörer Catilina. Bereits zu Beginn seiner ersten Anrede im Jahr 63 v. Chr. richtet Cicero diese eindringlichen Worte direkt an den Senator und Verschwörer, um die Dringlichkeit und den Ernst der Lage zu unterstreichen. Mit diesem Satz beginnt eine Reihe von vier Redeakten, in denen Cicero die drohende Gefahr für die Republik offenlegt und energisch dagegen vorgeht. Diese dramatische Situation, die im Sommer desselben Jahres ihren Anfang nahm, erreichte im November 63 v. Chr. ihren höchsten Höhepunkt und führte zu einer rasanten Eskalation, die die politische Landschaft Roms tief erschütterte.

Der dramatische Beginn der Krise: Ein Attentat in der Früh

Die Krise begann mit einer geplanten Ermordung der beiden Konsuln Cicero und Hybrida am Morgen des 8. Novembers 63 v. Chr. Dieser Anschlag wurde durch eine aufgedeckte Verschwörung vereitelt. Das Komplott, das von Catilina und seinen Anhängern geschmiedet worden war, stellte den bislang schwersten Angriff auf die Stabilität der römischen Republik dar. Es war eine Operation, die im Geheimen vorbereitet wurde, doch die Entdeckung durch Cicero und seine Sicherheitsmaßnahmen verhinderten die Katastrophe. Dieses Ereignis markierte den bisherigen Höhepunkt einer Krise, die bereits im Sommer ihren Anfang genommen hatte, als Catilina nach seiner Niederlage bei den Konsulwahlen erneut eine Reihe von Aktionen unternahm, um seine Macht zu festigen.

Der Weg in den Bürgerkrieg: Von den Anfängen bis zur Eskalation

Im Juli des Jahres 63 v. Chr. scheiterte Catilina erneut bei den Wahlen zum Konsul. Dieser Rückschlag trieb ihn dazu, Vertraute Offiziere in verschiedene Regionen Italiens zu entsenden, um dort Truppen zu rekrutieren. Die Ergebnisse dieser Unternehmungen waren gemischt, doch es gelang dem bekannten Zenturio Gaius Manlius, der aus Sullas Armee stammte und Catilinas Sache treu blieb, in Etrurien und in der Po-Ebene eine bedeutende Anzahl von Veteranen für die Verschwörer zu gewinnen. Das Ziel war, eine strahlenförmige Armee aufzubauen, die am 27. Oktober in Rom zusammentreffen sollte. Die Pläne sahen vor, die Stadt in Brand zu setzen und am Tag darauf sämtliche führende Politiker der Opposition – so die Absicht – zu ermorden. Diese düsteren Pläne wurden jedoch durch die Entdeckung eines Schreibens durch Senatoren wie Marcus Crassus bereits am 20. Oktober durchkreuzt. Die Bedrohung war so akut, dass die Senatoren und Cicero die Stadt verlassen mussten, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Crassus informierte pflichtgemäß die Konsuln, woraufhin Cicero den Senat dazu brachte, das sogenannte „Senatus consultum ultimum“ – den Notstand – zu verhängen, das die Befugnis gab, alle nötigen Maßnahmen zum Schutz der Republik zu ergreifen.

Die Mobilisierung der Truppen und der Kampf um die Stadt

Cicero beauftragte den Statthalter Gallia cisalpina, Quintus Caecilius Metellus Celer, mit der Niederschlagung der Revolte in Etrurien. Der Konsul konzentrierte sich in der Hauptstadt auf die unmittelbare Gefahr in Rom. Catilina und seine Mitverschwörer erkannten jedoch schnell, dass ihre Pläne aufgrund der entdeckten Hinweise und der Mobilisierung der Truppen kaum noch eine Chance auf Erfolg hatten. Sie sagten den geplanten Aufstand ab und zogen sich vorerst zurück. In der Folge wurde Cicero heftig kritisiert, da einige bezweifelten, ob die Bedrohung wirklich so ernst war oder ob die ganze Krise nur eine Erfindung des Konsuls war, um politische Gegner zu schwächen. Doch bereits am nächsten Tag zeigte sich die Realität: Überall im Umland Roms wurden Truppen mobilisiert, Etrurien war im Aufruhr, und die Situation spitzte sich weiter zu. Der Versuch, die Stadt Praeneste – etwa 25 Kilometer östlich von Rom – am 1. November zu erobern, scheiterte. Die Spannungen in Italien stiegen, und Cicero stellte die Ordnung wieder her, indem er Verbündete wie Lucius Aemilius Lepidus Paullus gegen Catilina mobilisierte, um die politischen und militärischen Aktivitäten der Verschwörer zu bekämpfen.

Der Plan der Ermordung und die Enthüllung durch Verrat

Am 6. November versammelten sich die Verschwörer im Haus des Marcus Porcius Laeca. Sie fassten den Plan, Cicero am nächsten Morgen von Gaius Cornelius und Lucius Vargunteius mit Bewaffneten ermorden zu lassen. Ziel war es, den Konsul zu töten, um den Aufstand ungehindert fortzusetzen und Rom zu erobern. Doch dieser Mordplan wurde durch eine Verräterin, Fulvia, die Geliebte des Quintus Curius, aufgedeckt. Ob Fulvia eigenständig handelte oder ob Curius sie im letzten Moment warnte, ist in den Quellen nicht eindeutig geklärt. Jedenfalls war Cicero bestens vorbereitet und konnte den Anschlag vereiteln. Am nächsten Tag hielt er im Senat eine der bekanntesten Reden gegen Catilina. Während dieser Sitzung war Catilina anwesend, was viele seiner Gegner überraschte und sie in Wut versetzte. Cicero konfrontierte ihn mit seinem Sündenregister und schilderte im Detail, wie die Verschwörer aufgedeckt worden waren. Mit rhetorischer Feinsinnigkeit, Zitaten wie „O Zeiten, o Sitten!“ (O tempora, o mores!) oder „Indem sie schweigen, rufen sie laut“ (cum tacent, clamant), bewies Cicero seine Meisterschaft in der Redekunst. Obwohl er die Schuld Catilinas detailliert darlegte, ließ er ihn nicht verhaften – das „Senatus consultum ultimum“ hätte ihn dazu ermächtigt, doch Cicero zögerte, da noch Unsicherheiten bestanden, wie viele Anhänger Catilinas in Rom verblieben waren. Mehrfach riet er ihm zur Flucht, doch Catilina versuchte, sich zu rechtfertigen, wurde aber von den Senatoren niedergebrüllt.

Catilinas Flucht und die endgültige Niederlage

Unmittelbar nach der Sitzung verließ Catilina Rom und zog sich mit seinem Heer nach Etrurien zurück. Er verteilte Waffen an die lokale Bevölkerung, um seine Macht zu festigen. Diese Flucht war strategisch klug, da sie den Nachweis seiner Schuld zu unbestreitbar machte. Am 9. November sprach Cicero vor dem Volk eine zweite Rede gegen Catilina, in der er diese Flucht als großen Erfolg seiner Maßnahmen darstellte und zugleich die drohende Gefahr für Rom eindrucksvoll schilderte. Der Senat erklärte Catilina und Manlius schließlich zu Staatsfeinden, den sogenannten „hostes publici“. Die Lage in Italien wurde zunehmend kontrollierbarer, doch Catilina hielt in Etrurien noch eine gewisse Widerstandskraft aufrecht. Er hatte sein Hauptquartier in Faesulae (heute Fiesole), wo seine Armee stand. Die politischen Verwicklungen und die militärische Bedrohung veranlassten die römische Führung, Kontakt zu den Allobroger, einem keltischen Stamm, aufzunehmen, der in Rom stationiert war. Anfangs schienen die Allobroger das Bündnisangebot Catilinas zu akzeptieren, doch am 2. Dezember wechselten sie die Seite und informierten Cicero über die Pläne der Verschwörer. Mit dieser Informierung gelang es Cicero, die Allobroger dazu zu bewegen, weiter mitzuspielen und sogar die Pläne der Verschwörer in Rom schriftlich festzuhalten.

Der endgültige Zusammenbruch und die Hinrichtung

Noch am selben Abend wurden verschlüsselte Briefe des Lentulus, eines der führenden Verschwörer, an Catilina von den loyalen Truppen der Republik abgefangen. Am nächsten Tag ließ Cicero die verbliebenen Verschwörer – darunter Lentulus und Cethegus – verhaften und vor den Senat bringen, der sich im Concordiatempel auf dem Forum versammelt hatte. In einer weiteren, beeindruckenden Rede gegen Catilina, für die er großen Beifall erhielt, präsentierte Cicero die Beweise für die Verschwörung. Der Senat beriet erneut über das Strafmaß: die meisten Senatoren stimmten für die Todesstrafe, während nur Caesar, damals noch ein junger Politiker, warnte, das „Senatus consultum ultimum“ sei fragwürdig als rechtliche Grundlage. Doch die Mehrheit entschied sich für die Hinrichtung der Verhafteten, die noch am selben Tag vollzogen wurde. Mit dem Zusammenbruch der Verschwörung begann Catilinas Heer in Etrurien sich aufzulösen. Obwohl es ihm noch gelang, Quintus Metellus Celer hinzuhalten, wurde er bei Pistoria (heute Pistoia) am 15. Januar 62 v. Chr. in einer entscheidenden Schlacht von Ciceros Verbündeten Hybrida vernichtet, wobei Catilina sein Leben verlor. Zu diesem Zeitpunkt war Cicero bereits nicht mehr Konsul, da er am 1. Januar 62 v. Chr. sein Amt an seine Nachfolger abgeben musste. Er blickte stolz auf seine Leistung zurück, Rom gegen den Putsch verteidigt zu haben, was er sogar in einem literarischen Werk – „De consulatu suo“ – festhielt. Doch auf lange Sicht sollte er mit der Skepsis gegenüber seiner Vorgehensweise Recht behalten, denn die nachfolgenden politischen Entwicklungen zeigten, wie fragil die Republik war.

Der Aufstieg eines neuen Machtzentrums: Caesar und das Ende der Republik

Die Folgen der Ereignisse um Catilina waren tiefgreifend. Caesar, der im Jahr 60 v. Chr. mit Crassus und Pompeius das erste Triumvirat bildete, nutzte die politischen Umbrüche, um seine Macht zu festigen. Er war gegen die Hinrichtung der Verschwörer gewesen und sah die politischen Maßnahmen Ciceros kritisch. Doch durch das „Senatus consultum ultimum“ hatte Cicero einen Präzedenzfall geschaffen, der später auch von Caesar für eigene Zwecke genutzt wurde. Mit seinem Aufstieg in der römischen Politik und der Bildung des Triumvirats begann eine Ära, in der die alte Republik allmählich zerbrach. Caesar, der im Jahr 49 v. Chr. den Bürgerkrieg gegen Pompeius gewann, wurde letztlich der unangefochtene Herrscher Roms. Die Ereignisse um Catilina, die ersten großen politischen Konflikte und die daraus resultierenden Gesetze und Maßnahmen waren die Grundlage für den tiefgreifenden Wandel, den Rom in den kommenden Jahren erleben sollte. Und so bleibt die Frage „Quousque tandem?“ – wie lange noch – eine Mahnung an die politischen Akteure und die Gesellschaft, wachsam zu bleiben gegenüber den Gefahren für die Freiheit und die Stabilität der Republik.