Antikes Römisches Reich: Der Fall Sextus Roscius

Im Jahr 80 v. Chr. wurde in Rom ein spektakulärer Mordfall verhandelt: Der wohlhabende Landbesitzer Sextus Roscius aus Ameria wurde ermordet, und sein Sohn, Sextus Roscius junior, stand unter Verdacht, seinen eigenen Vater getötet zu haben. Die Anklage lautete auf parricidium, also Vatermord – ein im römischen Recht besonders abscheuliches Verbrechen. Der Prozess fand vor dem von Sulla neu eingerichteten Gerichtshof für Mord und Giftmord (quaestio de veneficiis et sicariis) statt.
Hintergrund und politische Dimension
Sextus Roscius senior war ein Unterstützer Sullas und mit der mächtigen Familie der Caecilii Metelli verbunden. Nach dem Ende der Proskriptionen, mit denen Sulla seine politischen Gegner ausschaltete, wurde Roscius senior ermordet. Kurz darauf wurde sein Name nachträglich auf eine Proskriptionsliste gesetzt, obwohl die Frist bereits abgelaufen war. Dies ermöglichte es dem Freigelassenen Sullas, Lucius Cornelius Chrysogonus, das beträchtliche Vermögen von Roscius senior für einen Spottpreis zu ersteigern. Chrysogonus setzte den Verwandten Titus Roscius Magnus als Verwalter ein und vertrieb den Sohn aus dem Besitz.
Der Prozess und Ciceros Verteidigung
Sextus Roscius junior wurde als Hauptnutznießer des Todes seines Vaters angeklagt. Die Anklage wurde von Gaius Erucius, einem professionellen Ankläger, vorgebracht. Cicero, damals erst 26 Jahre alt, übernahm die Verteidigung. In seiner berühmten Rede rekonstruierte Cicero die Ereignisse, widerlegte die Vorwürfe gegen seinen Mandanten und zeigte auf, dass der Sohn zur Tatzeit nicht in Rom war und ein untadeliges Verhältnis zu seinem Vater hatte. Cicero beschuldigte stattdessen die habgierigen Verwandten und Chrysogonus, den Mord aus Habgier begangen und den Sohn zu Unrecht angeklagt zu haben .
Cicero gelang es, die Richter emotional zu erreichen und die Intrige offenzulegen. Sextus Roscius junior wurde freigesprochen, erhielt aber nicht automatisch seinen Besitz zurück. Der Prozess markierte Ciceros Durchbruch als Anwalt und ebnete ihm den Weg in die römische Politik.
Bedeutung des Falls
Der Fall zeigt exemplarisch, wie politische Macht, persönliche Gier und das römische Rechtssystem ineinandergriffen. Die Proskriptionen unter Sulla ermöglichten es, politische Gegner und deren Familien zu enteignen und zu vernichten. Gleichzeitig demonstrierte Cicero mit seiner Verteidigung, wie Rhetorik und juristische Argumentation im antiken Rom eingesetzt werden konnten, um auch gegen mächtige Gegner zu bestehen .
Rechtlicher und gesellschaftlicher Kontext
Im römischen Recht war der Vatermord (parricidium) eines der schwersten Verbrechen. Die Strafen für Mord und andere Delikte waren oft drastisch und unterschieden sich kaum zwischen privaten und öffentlichen Delikten – Tod, Talion (Vergeltung) und Vermögensopfer waren typische Sanktionen . Die Strafverfolgung war im Wesentlichen Privatsache, organisiert durch die Verletzten oder deren Sippe, und das Prinzip der Selbsthilfe spielte eine große Rolle .
Der Prozess gegen Sextus Roscius ist ein Paradebeispiel für die Verflechtung von Recht, Politik und persönlicher Intrige im späten republikanischen Rom. Er machte Cicero berühmt und ist bis heute ein Lehrstück für Rhetorik und Justizgeschichte.

















