Antike Geschichte: Die langen Messer in den Nächten der Tanfana

Als Germanicus, ein geborener Führer des Volkes und Psychagoge, nun auf seine ungestümen Soldaten trifft, bleibt ihm anfänglich nichts anderes übrig, als den ungebrochenen Ausbrüchen eine neue Richtung zu geben: Germanien! Die noch aufgewühlten Gemüter verspüren das Verlangen, zur Sühne für ihre Wut gegen den Feind zu ziehen; nur durch ehrenvolle Wunden auf der schuldbeladenen Brust könnten die Geister ihrer gefallenen Waffenbrüder versöhnt werden.
Dies verfasst nicht ein militärisch besessener Tor wie Velleius, sondern ein gebildeter Mann: Tacitus, aus einer angesehenen Familie stammend, Ritter, Quästor, Tribun, Ädil, Prätor und schließlich Konsul im Jahr 97 n. Chr. Dem Drang der Soldaten nachgebend, lässt Germanicus eine Brücke über den Rhein errichten und überquert mit 12.000 Legionären sowie 26 Kohorten und Reitergeschwadern an Hilfstruppen, deren Loyalität in diesem Aufstand unbefleckt geblieben war. Unbeschwert und nicht weit entfernt lebten die Germanen ihr Leben, während sich die Römer durch die Trauerfeier um den Verlust des Augustus und durch eigene innere Konflikte gehemmt fühlten. Doch der Römer durchquert in hastigem Schritt den Caesischen Wald und den von Tiberius errichteten Grenzwall, schlägt dort ein Lager auf und sichert Front und Rückseite durch Befestigungen sowie die Flanke durch Verhaue. Von hier aus zieht er durch dunkle Waldgebirge und überlegt, ob er den kürzeren und gewohnten Weg oder den beschwerlichen, weil unbefestigten und somit vom Feind unbeobachteten Pfad nehmen soll.
Man entscheidet sich für den längeren Weg und beeilt sich ein wenig, denn Späher haben berichtet, dass bei den Germanen in dieser Nacht ein Fest stattfinden würde, das mit feierlichen Spielen und Gelagen verbunden ist. Caecina erhält den Befehl, mit den leicht bewaffneten Kohorten voranzugehen und den Weg zu ebnen, während die Legionen in angemessenem Abstand folgen. Die sternklare Nacht ist günstig. So erreicht man die Dörfer der Marsen, wo die Arg- und Wehrlosen ohne Wachen aufgestellt zu haben auf ihren Lagern oder neben den Tischen liegen. Sie sind ahnungslos gegenüber dem Krieg und in Sorglosigkeit aufgelöst; selbst der Frieden erscheint ihnen trüb und schlaff, wie es oft bei Trunkenen der Fall ist. Eigentlich müssten hinter den Römern bereits einige Anstrengungen liegen, sodass der Emotionstau und vielleicht auch der Blutdurst der Legionen etwas gemildert sein könnten; ganz zu schweigen von der merkwürdigen Motivation für diesen Mordfeldzug. Doch dies ist die tief verwurzelte Überzeugung dieser Kulturträger: Es liegt in der Hand der Götter zu geben und zu nehmen.
Diesmal stehen die Zeichen wieder auf Nehmen. Der Caesar teilt die kampfbereiten Legionen in vier keilförmige Gruppen ein, um die Verwüstung noch größer zu machen. Es ist wichtig zu beachten, dass es hier nicht um das Kämpfen geht, sondern um das Zerstören. Es handelt sich um die Organisation einer Ersatzhandlung, die sowohl hochgekochte Emotionen als auch Schuldgefühle auf Dritte abwälzen soll – nach dem Prinzip: je gewaltiger der Stau, desto gewalttätiger die Entladung. Fünfzigtausend Schritte – eine Meile entspricht 1,5 km – verwüstet Germanicus auf einer Breite von 37 km alles mit Feuer und Schwert. Weder Alter noch Geschlecht erwecken Mitleid; ebenso wenig Heiliges oder Ungeweihtes wird verschont. Das am höchsten verehrte Heiligtum der Göttin Tanfana wird dem Erdboden gleichgemacht. Die Römer selbst bleiben unversehrt, da sie nur Halbschlafende, Unbewaffnete und Umherirrende niedergemacht haben. Man fragt sich, wie sie diesen neuen Blutrausch wieder losgeworden sind; dieser ist übrigens keineswegs typisch römisch – auch bei Kelten und Nordgermanen gab es solche Rasereien. Immerhin trat anderswo ein solches Wahnsinnsverhalten spontan auf und war nicht so kalt organisiert wie hier.
Auch jetzt hätte Germanicus sich erneut fragen sollen: War dies „Heilung“ oder lediglich eine weitere Niederlage? Auf dem Rückmarsch gerieten vor allem die Kohorten am Ende der Kolonne in große Bedrängnis durch schnell zusammenströmende feindliche Scharen. Doch auch jetzt erinnert Germanicus an die Schmach der Meuterei; auf seinem Pferd heranspringend ermahnt er die XX. Legion, dass dies der richtige Augenblick sei, ihre Schuld in Ehre umzuwandeln und die Meuterei dem Vergessen zu überlassen. Irgendwann erreicht man dann vergleichsweise unversehrt wieder den Rhein und damit die Winterquartiere. Im nächsten Frühjahr im Jahr 15 n. Chr. versucht Germanicus erneut nach derselben Methode bei den Chatten vorzugehen – wenn auch ohne eine solche Motivierung der Legionen wie im Vorjahr. Währenddessen glaubt er, dass die Cherusker mit ihren internen Streitigkeiten zwischen Segestes und Arminius beschäftigt seien – was sich als richtig herausstellt. Den Chatten erscheint er so unerwartet, dass alle wehrfähigen Männer unabhängig von Alter oder Geschlecht sogleich gefangen genommen oder niedergemacht werden. Die junge Truppe schwimmt über die Eder – respektive Adrana – und versucht zu verhindern, dass die Römer eine Brücke schlagen; sie werden jedoch durch Wurfgeschosse und Pfeile zurückgedrängt.
Friedensverhandlungen lehnen die Römer ab. Immerhin schließen sich einige Chatten ihnen an; daraufhin ziehen sich die anderen in ihre Wälder zurück und verlassen ihre Dörfer sowie Gaue. Germanicus lässt die Hauptsiedlung der Chatten, Mattium – also Maden – niederbrennen und verwüstet auch das umliegende Land. Anschließend wendet sich das Heer zum Rückmarsch an den Rhein. Inzwischen hat Caecina mit seinen Legionen sowohl verhindert, dass die Cherusker den Chatten zur Hilfe eilen konnten als auch die Marsen in einem Gefecht geschlagen, als diese Ähnliches versuchten. Nach den Nächten der Tanfana hätte von Letzteren eigentlich niemand mehr übrig sein dürfen.